Dass bei der Erneuerung des Abwasserkanals in der Schloss- und Kirchgasse in Prichsenstadt endlich eine klare Marschroute gefunden werden sollte, das konnte man etlichen Äußerungen der Stadtratsmitglieder in der Sitzung am Donnerstagabend entnehmen. Aber auch der Sanierungsvorschlag des unparteilichen und vereidigten Gutachters Karl Jansen brachte noch kein Licht am Ende des Tunnels: Er wurde von Frank Braun und Thomas Spyth von der Planungsschmiede Braun regelrecht zerpflückt.
Alle Ratsmitglieder und Einwohner von Prichsenstadt erhielten von den beiden Vertretern des Planungsbüros das Angebot, das Büro in Würzburg aufzusuchen: "Wir erklären jedes Haus und alles, was wir bis jetzt gemacht haben".

Debatte über Grabentiefe


Bei der Analyse der Aussagen von Karl Jansen wurden als erstes die zu große Baugrubenbreite und die Kanalgrabentiefe von mindestens 2,70 Meter kritisiert. Das Büro Braun hält eine Tiefe zwischen 1,10 und 1,60 Metern für ausreichend, was bei Einberechnung von 60 cm Straßenaufbau eine endgültige Tiefe von 2,10 Metern bei einer durchschnittlichen Tiefe von 1,50 Metern ergibt.
Zur Bauweise nach den Vorstellungen des Planungsbüros erklärte Frank Braun, "dass an einem Tag vor allem wegen des Grundwassers nur das aufgemacht wird, was wieder hergestellt werden kann. Im Klartext ergibt das ein Tagespensum von zwei bis drei Rohren". Überhaupt nichts hält man im Büro vom Vorschlag Jansens, die Sohle zu betonieren: "Das ist kontraproduktiv und nur bei größeren Bauwerken zu empfehlen". Auch Dieter Uhl, der seit rund 45 Jahren für das Büro tätig ist, könne sich nicht erinnern, dass jemals eine 50 cm starke Betonsohle benötigt wurde, führte Braun die Aussage des Mitarbeiters an.
Zu den Kosten sagte Thomas Spyth, dass Jansen zwar auf eine Summe von rund 185 000 Euro brutto komme, "da fehlt aber die Sanierung der Schächte und Anschlüsse". Falls man diese einberechne, komme man auf Kosten von rund 390 000 Euro, "wobei es nicht bleiben dürfte, da der Einbau von Hutprofilen in den Inlinerschlauch viel kostet", meinte dazu Frank Braun. Den teilweise maroden Zustand der Schächte und Anschlüsse belegte Spyth mit Bildern.
Das Büro Braun hat für den Kanalneubau samt Sanierung der Schächte und etwa 50 Anschlussleitungen rund 366 000 Euro veranschlagt. "Unsere Sanierung ist sinnvoll und dem Zustand entsprechend, da rund 65 Prozent der Anschlussleitungen schadhaft sind".
Dass viele Hausanschlüsse marode sind, bestätigte auch Ratsmitglied Harald Rückert (CSU), der allerdings Zweifel hatte, "ob soviel Grundwasser eindringt". Spyth hob zudem hervor, dass keine Rede davon sein könne, "dass die Hauptkanäle in gutem Zustand sind". "Wir stehen in öffentlicher Verantwortung und müssen verhindern, dass Grundwasser eintritt", stellte Bürgermeister Adolf Falkenstein fest.
Beim Thema "Hydraulik" und den möglichen Maßnahmen gegen Hochwasser bei Starkregen machten sich die beiden Vertreter des Planungsbüros dafür stark, "so zu planen, dass für die nächsten 50 Jahre Ruhe ist". Deshalb sollte in der Schlossgasse ein 700er und in Freihof- und Kirchgasse ein 800er Kanal verlegt werden. Die Sanierung hätte nach Ansicht Rückerts schon vor vier Jahren über die Bühne gehen müssen: "Wir machen uns langsam lächerlich und sind fast jede Woche im Fernsehen". Ein von ihm angesprochenes Trennsystem fand beim Bürgermeister keinen Gefallen: "Darüber haben wir schon etliche Male diskutiert, das ist zu teuer und wir dürfen nicht vom staatlichen Regelwerk abweichen".
Verwundert zeigte sich Falkenstein ob der Tatsache, dass er sonst bei Hochwasser viele Anrufe bekommen habe, "plötzlich ist nichts mehr". Martin Ebert (STOL) appellierte an die Räte, die Hochwassersituation nicht zu vernachlässigen. Bei Feuerwehreinsätzen bei Starkregen sei er oft gefragt worden, wie das Problem gelöst werden könnte. Pauschale Aussagen zur Regen entlastung könnten aber erst nach weiteren Untersuchungen getroffen werden, sagte Spyth.

Gefahr für historische Gebäude?


Herwig Hinney wollte wissen, welche Auswirkungen die Verlegung eines 800er Kanals auf die Nachbargebäude habe, "denn der Gutachter spricht von eventuellen Schäden an Fundamenten historischer Gebäude". "Das kommt darauf an, wie gebaut wird und wir würden Flüssigboden über den Rohrbereich geben", antwortete Frank Braun.
Hans-Dieter Kern (SPD) erinnerte daran, dass man in der letzten Sitzung den Beschluss gefasst habe, erst nach einer Anliegerversammlung weiter zu machen: "Wir sind anscheinend nicht in der Lage, die Betroffenen mit ins Boot zu nehmen und ich befürchte, dass sich die Fronten da draußen noch mehr verhärten. Wir sind einem Konsens nicht näher gekommen". Harald Eger (CSU) war "nach wie vor der Meinung", dass eine Anliegerversammlung sein sollte. Der Bürgermeister betonte, dass die Anliegerbeiträge primär vom Straßenausbau beeinflusst würden: "Es wird vom Pflaster bei einer Sanierung nicht viel übrig bleiben und wenn der Stadtrat sagt, wir bauen aus, dann gibt es eine Versammlung". Bei der Kanalsanierung seien die technischen Fakten entscheidend, "deshalb ist eine Anliegerversammlung zum jetzigen Zeitpunkt nicht zielführend".
Helmut Hümmer (FBG) sah auf der einen Seite die Notwendigkeit der Sanierung "eines schlechten Kanals" und auf der anderen Seite die berechtigten Interessen der Anlieger aufgrund der drohenden hohen Beiträge: "Können wir uns eine umfassende Sanierung leisten?" Zur Kostenfrage sagte der Bürgermeister, dass beim Neubau eines Mischwasserkanals die Anlieger zu 75 Prozent herangezogen würden, "aber jeder bekommt einen Anschluss bis zur Grundstücksgrenze zu Lasten aller Gebührenzahler". Die Entscheidung zu den Vorstellungen des Gutachters wurde im nichtöffentlichen Teil getroffen.