Kitzingen
Verängstigt

Katzenbabys über Tierheimmauer geworfen

Das kleine Katzenbaby war für einen Zweibeiner nur ein Wurfobjekt. Im Tierheim sitzt es am liebsten hoch droben auf dem Schrank. Wo keiner hinkommt. Und wo es seine grünen Augen aus sicherer Entfernung auf die Menschen richtet.
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Wer hat dieses Kätzchen weggeworfen? Fotos: Diana Fuchs
Wer hat dieses Kätzchen weggeworfen? Fotos: Diana Fuchs
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Nummer 1 lebt. Vorwiegend auf dem Schrank zwar. Aber immerhin. Noch lässt sich das grau-weiß getigerte Katzenbaby von keinem Menschen berühren. Aber es lebt. Und das grenzt an ein Wunder.

Nummer 1 hat einige Geschwister. Wie viele genau? Wie viele haben es überlebt, bei Eiseskälte weggeworfen zu werden? Einzig der Täter kennt die Antwort auf diese Fragen. Derjenige, der die wenige Wochen alten Katzenkinder am Abend des 11. Dezember über die zwei Meter hohe Mauer des Kitzinger Tierheims geschmissen und ihrem Schicksal überlassen hat. Bei etwa zehn Grad Celsius unter Null.


Schnee als Retter

"Warum hat er die Tiere nicht ganz normal bei uns abgegeben? Wir reißen doch niemandem den Kopf ab." Angela Drabant, der Tierheimleiterin, bleibt das Verhalten des Unbekannten ein Rätsel. "Zumindest hätte man sie in einer Transportbox oder Ähnlichem vors Haus stellen können, wenn man schon unerkannt bleiben will. Das hätte wenigstens ein bisschen Schutz geboten." So aber wären die Katzenkinder dem Tode geweiht gewesen. Wenn nicht Silke Walther hellhörig geworden wäre. "Sie und der Schnee haben drei Kätzchen gerettet."

Silke Walther, die auf dem Tierheimgelände wohnt und Notdienst macht, hörte durchdringende Schreie. Sie fasste sich ein Herz und ging hinaus in die Dunkelheit. Zum Glück war Schnee gefallen. Er machte eine Vielzahl kleiner Pfotenabdrücke sichtbar. Walther verfolgte die Spuren quer übers umzäunte Gelände. Doch sobald sie sich einem Katzenbaby näherte, suchte dieses blitzschnell das Weite. "Alle hatten schreckliche Angst." Also stellte die Tierfreundin Futter und wärmende Kisten auf. Am nächsten Morgen war das Futter gefressen, aber die Kätzchen blieben unsichtbar wie der Yeti im Himalaya.

"Nach zwei Tagen ist es uns mit Hilfe einer Falle gelungen, drei Kätzchen einzufangen", erinnert sich Angela Drabant. Das Schicksal eines vierten, schwarzen Tierbabys, das eine Mitarbeiterin gesehen hatte, ist unbekannt. Es tauchte einfach nicht mehr auf. Ob es noch mehr Ausgesetzte gab?


"Sie wären wohl am liebsten unsichtbar"

Seit zwei Wochen haben es die drei Eingefangenen nun im Kitzinger Tierheim warm und bekommen gutes Futter. Doch sobald ein Mensch sich nähert, flippen sie noch immer aus, flitzen durch den Raum und versuchen, sich zu verstecken. "Sie wären wohl am liebsten unsichtbar", mutmaßt Iris Freifrau von Crailsheim, die sich seit langem im Vorstand des Kitzinger Tierschutzvereins engagiert. Sie und Angela Drabant schätzen das Alter der Katzenkinder auf heute zehn, elf Wochen. Richtige Namen haben Nummer 1, 2 und 3 nicht. "Wir kommen ja momentan noch nicht mal so nahe ran, dass wir sagen könnten, ob sie männlich oder weiblich sind."
Aber auch sieben andere junge Samtpfoten sind namenlos. Im Tierheim hofft man, dass sie gute, neue Besitzer bekommen, die sie selbst "taufen" dürfen.

Generell, sagt Iris Freifrau von Crailsheim, war 2012 kein besonders dramatisches Jahr im Tierheim. Eher im Gegenteil. "Wir danken allen Mitgliedern und Spendern, Gassigehern und anderen Helfern, die das Tierheim und den Tierschutz unterstützen, von Herzen. Ohne sie könnte das Tierheim nicht bestehen!"


"Wir machen uns viele Feinde"

Ehrenamtliche Mitarbeiter tragen auch dazu bei, dass die Vierbeiner wirklich in gute Hände vermittelt werden. Ehe das Kitzinger Tierheim-Team ein Tier abgibt, werden die neuen Besitzer einer gründlichen Prüfung unterzogen. "Wenn es mehrere Bewerber gibt - bei jungen Hunden ist das oft der Fall - , besuchen wir sie alle zu Hause und entscheiden dann, welcher Platz der geeignetste ist", erklärt von Crailsheim.

"Wir wollen wissen, wie die Voraussetzungen vor Ort sind und wie die Leute mit dem Hund umgehen. Leider haben manche kein Verständnis, wenn sie nicht ihren 'Wunschhund' bekommen." Drabant ergänzt: "Wir machen uns viele Feinde. Aber wir wissen, wofür: Zum Wohl der Tiere."

Dass diese Strategie aufgeht, beweist die Tatsache, dass vermittelte Tiere nur ganz selten zurück ins Heim kommen. Selbst für schwer vermittelbare, ältere Hunde fanden sich heuer liebevolle Besitzer: "Am meisten habe ich mich für Larry gefreut, der lange bei uns war." Der Berner Sennenhund hat quasi im Rentenalter "den Himmel auf Erden gefunden, in einer Mühle", erzählt Drabant froh.

Doch dann werden ihre Augen schmal. Silvester naht. Und damit der "schrecklichste Tag für Haus- und Wildtiere". Hunde, Katzen, Pferde - sie alles sollten sicher eingesperrt werden, rät Iris von Crailsheim. "Auch Zwingerhunde sollten nicht draußen bleiben." Angela Drabant fügt hinzu: "Nie rennen so viele Tiere in Panik davon wie in der Neujahrsnacht. Am 1. Januar steht unser Telefon nicht still." Damit es heuer nicht allzu viele Verlustmeldungen aufzunehmen gilt - und damit "Nummer 1" und ihre Geschwister nicht noch panischer werden - , legt Drabant allen Zweibeinern ans Herz: "Wer nicht knallt, tut den Tieren echt was Gutes."
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