RÜGERRIETH

„Kaiserin“ Kunigunde war dabei

Pfingstgottesdienste unter freiem Himmel sind in der Gemarkung Rügerrieth zwischen Mainbernheim, Michelfeld, Obernbreit und Willanzheim längst wieder Tradition geworden und locken alljährlich hunderte Besucher zu Fuß, mit Fahrrädern und Fahrzeugen an das Flurbereinigungsdenkmal.
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Fürbitten am Rügerrieth-Feldkreuz: Vorsitzender Ludwig Döppert und (von links) die Bürgermeister Peter Kraus, Bernhard Brückner, Ingrid Reifenscheid-Eckert und Thomas Rückert sprachen die Fürbitten, am Bildrand sitzt Carina Friedrich im Ornat der Kaiserin Kunigunde. Foto: Foto: Gerhard Bauer

Pfingstgottesdienste unter freiem Himmel sind in der Gemarkung Rügerrieth zwischen Mainbernheim, Michelfeld, Obernbreit und Willanzheim längst wieder Tradition geworden und locken alljährlich hunderte Besucher zu Fuß, mit Fahrrädern und Fahrzeugen an das Flurbereinigungsdenkmal. Die Pfründestiftung Frickenhausen wollte einst in jedem Jahr einen Feldgottesdienst abhalten, der Brauch geriet aber in Vergessenheit und lebte erst mit dem Ende der Flurbereinigung 2005 und der Weihe des Flurdenkmals wieder auf.

So auch am Pfingstmontag, an dem doch etwas anders war. Die Geistlichkeit mit Pfarrer Bernd Steigerwald, Diakon Peter Walter, Pfarrer Peter Stier und Pfarrer Paul Häberlein sowie der Vorsitzende des Heimat- und Kulturvereins Rügerrieth Ludwig Döppert hatten Carina Friedrich aus Krautostheim eingeladen. Sie vertritt als Symbolfigur der Kaiserin Kunigunde die 274 Hektar große Freimark Osing zwischen den Gemeinden Herbolzheim, Humprechtsau, Krautostheim und Rüdisbronn. Sie berichtete von der sagenhaften Überlieferung des Ursprung des Osing, wie sie in ähnlicher Form auch vom Rügerrieth bekannt ist (siehe Infokasten).

Die 150 Hektar des Rügerrieth verteilen sich heute auf 60 Hektar Landwirtschaftsfläche, 70 Hektar Wald und jeweils zehn Hektar Wasser- und Naturschutzflächen. Die in Jahrhunderten gewachsene Beziehung der Rügerrieth-Bauern führte schließlich zu einer Neuordnung der Eigentumsverhältnisse. 477 bisherige wurden bis 2005 zu 153 Flurstücken zusammengeführt, die sich auf 40 Eigentümer verteilen. Acht Hektar besonders wertvoller Öko-Flächen wurden in das dauerhafte Eigentum der Stadt Mainbernheim überführt.

Ein Flurdenkmal auf dem erstmals 1874 geplanten und 1939 von französischen Kriegsgefangenen begonnenen Bahndamm von Mainbernheim nach Obernbreit zeigt in bildhaften Szenen die Geschichte des einstigen Weilers Rügerrieth, der durch magere Ernten auf wenig ertragreichen Böden zugrunde ging, nach anderer Überlieferung sogar im moorigen Gebiet versunken sein soll. Die Spitze des Obelisken bildet ein Kirchturmdach mit Schallöffnungen für die Glocken. Die Szene darunter erinnert an die Gräfin von Seinsheim, die sich (ähnlich der Geschichte im Osing) im Wald verirrte und erst durch die Glocken von Obernbreit den Weg aus dem Rieth fand.

Diakon Walter stellte das Leitwort „Sieben Chancen – was sonst“ in den Mittelpunkt seiner Predigt, in der er sich mit den Sakramenten als Zeichen der Nähe Gottes und den Chancen im Glauben auseinander setzte. Carina Friedrich kannte bis zu ihrer Teilnahme wenig aus der Geschichte des Rügerrieths.

Als sie sich und den Osing nach dem Gottesdienst vorstellte, waren die Besucher ganz angetan, denn den Rügerriethern war die nur etwa 30 Kilometer entfernte Osing-Geschichte unbekannt. Am Rande vereinbarten Veranstalter und Carina Friedrich einen Besuch beim Osingfest am dritten Augustwochenende.

Die Freimark Osing

Die Fläche des Osing gehört zu keiner Gemeinde, daher werden auch keine Steuern erhoben. Rodung und Freimarkung entstanden zwischen 750 und 800, das schließt der Verein Osing-Dokumentation aus der Verwendung alter Runenzeichen, wie sie bei den Westgermanen bis etwa 700 verwendet wurden. Mit der Christianisierung kam die lateinische Schrift und die Runenkennzeichen wurden unüblich. Als ältestes Schriftstück regelt der Osingbrief von 1465 das Schafweiderecht. Heute gilt die Freimarkung mit seltenen Pflanzen, versteinerten Hölzern und einer bis in die karolingische Zeit zurückreichenden Bewirtschaftung als einmalig in Europa. Die land- und holzwirtschaftlich angelegte Fläche wird von 162 Rechtlern genutzt und in allen mit vier endenden Jahren neu zugelost.

Der Osing-Sage nach soll sich Kaiserin Kunigunde (gestorben 1033), die Gemahlin von Kaiser Heinrich II. (973-1024), in den Wäldern verirrt haben. Erst als die Abendglocken der vier Gemeinden läuteten, soll sich die Kaiserin wieder zurecht gefunden haben und stiftete den vier Dörfern aus Dankbarkeit den königlichen Wald zur gemeinsamen Nutzung. Eine andere Sage erzählt, dass eine Gräfin zu Hohenkottenheim im Wald zwischen den heute zerstörten Burgen Hohenkottenheim und Spielberg ein ähnliches Schicksal erlitt. Auch Fastrada, Gemahlin Kaiser Karls des Großen (747-814), soll sich bei einem Jagdausflug in den Wäldern verirrt haben.

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