Gaibach

Kahlschlag an der Hecke: Umweltfrevel oder Notwendigkeit?

In Gaibach streiten sich das Weingut Schönborn und Anwohner über den Umgang mit einem Wirtschaftsweg und einer Hecke. Ein Ortstermin zeigt, wie blank die Nerven liegen.
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Das Bild zeigt den Ort des Konflikts, den Wirtschaftsweg und die Wallhecke am nördlichen Ortsrand von Gaibach. Die Holzstickel an den Grenzsteinen markieren den Übergang zwischen landwirtschaftlicher Fläche des Weinguts Schloss Schönborn (linkerhand der Stickel) und dem Grund der Stadt Volkach (rechts davon). Foto: Andreas Ruhsert
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Es gibt Termine für einen Bürgermeister, die keiner Vergnügungssteuer bedürfen. Am nördlichen Ortsrand von Gaibach sorgen der Beschnitt einer Wallhecke und der angrenzende Wirtschaftsweg für reichlich Diskussionsbedarf. Und ein Ortstermin Ende vergangener Woche, der Ruhe in der Sache bringen und eine sachliche Aussprache beider Konfliktparteien ermöglichen sollte, erfüllte diese Hoffnung nicht.

Direkt an fünf bebaute Grundstücke der Straße Am Kappellenberg schließen sich die umstrittene Hecke und der Wirtschaftsweg auf dem Grund der Stadt Volkach an. Nördlich davon bewirtschaftet das Weingut Schloss Schönborn einen Weinberg.

 

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Mutterboden verschwand auf einer Länge von 200 Metern

"Landwirtschaftliche Wegeanlieger haben nicht nur das Recht, den Weg zu nutzen, sondern müssen ihn auch ausreichend pflegen", betont Volkachs Bürgermeister Peter Kornell. Häufig kämen Anlieger dieser Aufgabe, etwa in Folge von Sturmschäden, unzureichend nach. Anders in Gaibach: Georg Hünnerkopf, Verwalter des Weinguts, ist mit seiner Maßnahme Mitte April nach Meinung der Anwohner deutlich übers Ziel hinausgeschossen. Er ließ die obere Schicht Mutterboden auf einer Länge von knapp 200 Metern abtragen. Davon betroffen ist die Fläche zwischen den Rebstöcken des Weinbergs und der Hecke, jeweils etwa die Hälfte davon auf Grund des Weinguts und des öffentlichen Wirtschaftswegs.

Seitdem bietet sich dort ein bescheidenes Bild, der zuvor bewachsene Weg liegt brach. "Ohne diesen Zinnober hätte ich längst frisches Saatgut auf dem Weg verteilt und die Sache wäre erledigt", ärgert sich Hünnerkopf über Anschuldigungen gegen das Weingut. Dieter Lang von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Kitzingen bittet vor Ort um eine sachliche Diskussion. "Hierbei handelt es sich nicht um ein Landschaftsschutzgebiet", sagt der Mitarbeiter des Landratsamts. "Was hier passierte, ist nichts anderes als Wegeunterhalt", stellt er klar und verweist ebenfalls auf die Unterhaltspflicht des Weinguts.

Grünen werfen Verantwortlichen Verstoß gegen die Schonzeit vor

Ein weiterer Streitpunkt ist die Wallhecke, die Wohnbebauung und Wirtschaftsweg trennt. Hierzu haben sich die Volkacher Grünen zu Wort gemeldet. Ihnen geht es um den Lebensraum zahlreicher Tiere in der vom Weingut beschnittenen Hecke. In einem Mitgliederschreiben der Grünen, das der Redaktion vorliegt, ist von 25 Vogelarten die Rede, die eine Anwohnerin in der Hecke gesichtet und protokolliert habe. Die Grünen stellen klar: Beschnitt in größerem Ausmaß, wie er hier stattfand, außerhalb der Schonzeit, die von März bis  September geht, ist tabu. Dreimal sei die Hecke innerhalb eines Jahres "extrem zurückgeschnitten" worden.

"Natürlich hat die Hecke Bestandsschutz. Über die richtige Art und Intensität der Pflege lässt sich streiten", so Lang von der Naturschutzbehörde. "Ich habe nichts gegen die Hecke, für den Weinberg ist sie ein wichtiger natürlicher Schutz", bezieht Hünnerkopf Position, "aber ich brauche den Weg, um zu arbeiten und kann nicht bei jedem kleinen Ast, der zurückgeschnitten wird, die Anwohner informieren."

Anwohner sprechen in einem Rundschreiben von "Umweltfrevel" 

Die Anwohner sehen sich von den Behörden im Stich gelassen. Telefonate mit der Stadt und deren Bauhof sowie der Naturschutzbehörde des Landratsamts lieferten ihnen kein ausreichendes Ergebnis über Zuständigkeiten und Maßnahmen. Mit einem Informationsschreiben – betitelt mit "Umweltfrevel in Gaibach" –, das an die Haushalte aller Volkacher Stadtteile verteilt wurde, sind sie nun an die Öffentlichkeit gegangen. Darin kritisieren sie das Vorgehen des seit 2018 als Bioland-Betrieb zertifizierten Weinguts durch seit fünf Jahren anhaltende "systematische Schädigung und Zerstörung einer seit Jahren bestehenden Wallheckenlandschaft".

Die Hecke werde von Jahr zu Jahr verschmälert und habe bis heute die Hälfte ihrer Breite verloren, stellenweise sogar "deutlich mehr". Das Abtragen des Bodens habe an der Hecke zahlreiche Wurzeln der Gehölze freigelegt. Beim letzten Ortstermin "vor drei bis vier Jahren einigten sich die Anwohner mit dem Bürgermeister darauf, die Hecke im Randbereich auf Stock schneiden und danach wieder wachsen zu lassen. Diese Vereinbarung wurde seitens des Gutsverwalters nicht eingehalten", ist dem Flugblatt der Anwohner zu entnehmen. Der Beschuldigte kontert: "Was Sie hier veröffentlicht haben, ist ruf- und geschäftsschädigend."

Vorschlag zur Heckenpflege stößt auf Skepsis der Naturschutzbehörde

Bürgermeister Kornell moderiert die Diskussion und versucht, den Streit zu schlichten. Keine leichte Aufgabe. Die Konfliktparteien fielen sich während der einstündigen, emotionalen Diskussion häufiger ins Wort als dass sie sich ausreden lassen. Zwischenzeitlich kam der Vorschlag auf, die Pflege der Hecke künftig ausschließlich den Anwohnern zu überlassen. Lang führt an, dass dies aus seiner Erfahrung in anderen Ortschaften "langfristig nicht gut genug funktioniert".

Nach der lebhaften Diskussion zeichnet sich doch ein erster Schritt in Richtung eines Kompromisses ab. Hünnerkopf bleibt bei seinem Angebot, die brachliegende Fläche zeitnah mit Saatgut zu bepflanzen, um die Vegetation des Wegs wiederherzustellen. Die zurückgeschnittene Hecke will er behandeln, wie es das Ausmaß der Bewirtschaftung zulässt.

Ausdiskutiert ist das brisante Thema damit wohl nicht. Der Bürgermeister wird das Ergebnis des Ortstermins im Volkacher Stadtrat vorstellen. Er bat beide anwesende Parteien, das gute Dutzend Anlieger und Gutsverwalter Hünnerkopf, hierfür, den Kompromiss schriftlich zu formulieren. Der Bürgermeister plädiert für ein konstruktives Beilegen des Konflikts und betont "hier gilt aktuelles Recht".

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