KITZINGEN

Joseph Egner und der Widerstand

Dass in Kitzingen viele Bürger nach der Machtergreifung Hitlers sehr schnell den braunen Rattenfängern der NSDAP auf den Leim gingen, selbst aktiv wurden oder zumindest Mitläufer waren, ist kein Geheimnis. Literatur und Archivmaterial zeugen davon. Was aber lange Zeit ein Geheimnis war, ist die Tatsache, dass es in der Stadt und im Umland Menschen gab, die sich dem widersetzten.
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Vorgestellt: Autor Nikolaus Arndt, der Leiter des Medienzentrums Siegfried Eschner und Liddy Lenner (Foto von links), Tochter des Widerstandskämpfers Joseph Egner, stellten am Dienstag das Buch „Das andere Kitzingen“ vor. Foto: Foto: Ralf Weiskopf
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Dass in Kitzingen viele Bürger nach der Machtergreifung Hitlers sehr schnell den braunen Rattenfängern der NSDAP auf den Leim gingen, selbst aktiv wurden oder zumindest Mitläufer waren, ist kein Geheimnis. Literatur und Archivmaterial zeugen davon.

Was aber lange Zeit ein Geheimnis war, ist die Tatsache, dass es in der Stadt und im Umland Menschen gab, die sich dem widersetzten. Eine zentrale Rolle spielte dabei der ehemalige Finanzbeamte Joseph Egner, der im Jahr 1939 die Widerstandsgruppe Egner gründete und bereits vier Jahre vorher in Bad Brückenau erfolgreich gegen das nazistische System gekämpft hatte.

Der Historiker Nikolaus Arndt (Wiesentheid) hat jetzt, unterstützt von Liddy Lenner, der Tochter Egners, ein Buch herausgebracht, das unter anderem den Widerstand in Kitzingen von 1939 bis 1945 zum Inhalt hat. Am Dienstag wurde das Buch im Medienzentrum des Landkreises in der Berufsschule Kitzingen vorgestellt.

Das Buch mit dem Titel „Das andere Kitzingen“ berichtet nicht nur über die Widerstandgruppe Egner, deren Entstehung, die Mitglieder, Aktionen und Ziele, sondern auch über die gewaltsame Schließung des Klosters Münsterschwarzach, über den Kitzinger Zimmerermeister und SPD-Funktionär Theodor Drey und dessen Erlebnisse in Dachau, den liberalen, kritischen Schulleiter Ernst Heywang (Marktbreit) und die Schicksale von vier ukrainischen Zwangsarbeitern in Kitzingen.

Ebenfalls Teil des Buches, zu dem Professor Dieter Böhn das Vorwort verfasste, ist eine Namensliste mit Namen von Menschen aus der Stadt und dem Landkreis Kitzingen, die in Dachau ums Leben kamen. Viele Familiennamen der Widerstandkämpfer um Egner findet man noch heute in Kitzingen und den Nachbargemeinden. Es sind Namen wie Röhrl, Bayer, Behr, Paul, Aucktor, Henneberger, Furth, Rügamer, Pfrenzinger, Riegel, Dörfler oder Weissensee. Es waren Metzger, Gastwirte, Maler und Zimmerer, aber auch Zoll- und Finanzbeamte, Prokuristen oder Ärzte, die sich mit teilweise hilflos wirkenden Aktionen gegen das Regime wehrten. Sie hatten sich das Ziel gesetzt, zusammen mit Kriegsgefangenen, die in der Ruine der Synagoge und in der Wörthstraße untergebracht waren, dem braunen Spuk mit einem bewaffneten Aufstand ein Ende zu setzen. Sie kamen aus Kitzingen, Buchbrunn, Dettelbach, Großlangheim, Sulzfeld und Wiesentheid und sie hatten heimlich Waffenlager angelegt.

Ihre Hoffnung auf einen Volksaufstand gegen das Naziregime erfüllte sich nicht. Ironie des Schicksals: Egner wurde nach dem Krieg als Mitläufer verurteilt und seines Amtes enthoben, weil er in seiner Zeit als Finanzbeamter Kapellmeister des Kurorchesters Bad Kissingen war, deshalb die Naziuniform tragen und Parteimitglied sein musste. Erst nach Zeugenaussagen von polnischen Zeugen wurde er rehabilitiert.

Das Buch entstand mit Hilfe von Siegfried Eschner, dem Leiter des Kitzinger Medienzentrums, als eine Dokumentation im DIN A 5 Format zur Klassenlektüre. Anhand von Bildern, die Eschner dem Werk beigefügt hat, können Schüler erfahren, wie Straßen damals hießen, wo die Geschäftsstelle der NSDAP-Ortsgruppe war, wo deren Veranstaltungen stattfanden, welche Programme im Kino liefen, wo der Kreisleiter Wilhelm Heer wohnte und die Hitlerjugend sich versammelte. Die Lektüre möchte Eschner nicht nur Schulklassen zur Verfügung stellen, sondern auch interessierten Bürgern, die mehr über „das andere Kitzingen“ erfahren möchten.

Erhältlich: Die Broschüre ist im Medienzentrum Kitzingen in der Thomas-Ehemannstraße 13b zu den Öffnungszeiten: Montag, Mittwoch und Donnerstag von 12 bis 17 Uhr oder dienstags von 14 bis 17 Uhr erhältlich, Tel. (0 93 21) 22 61 7 (während der Öffnungszeiten). www.mz-kitzingen.de

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