KITZINGEN

Jene Nacht war ein einziger Albtraum

„Wir erinnern heute an eine der dunkelsten Stunden deutscher Geschichte. Das Unrecht, das damals vor 75 Jahren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern angetan wurde, erfüllt uns bis heute mit Trauer, Entsetzen und Scham“, sagte Oberbürgermeister Siegfried Müller am Sonntag vor der Alten Synagoge in Kitzingen.
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Gedenken: Rund 60 Kitzinger, darunter zahlreiche Stadtratsmitglieder, waren am Sonntagabend zur Alten Synagoge gekommen, um der Opfer des Naziterrors zu gedenken, der vor 75 Jahren auch in Kitzingen sein mörderisches Gesicht zeigte. Es war die Nacht, als die Synagoge in Brand gesetzt und zahlreiche Geschäfte und Wohnungen jüdischer Mitbürger verwüstet wurden. Foto: Foto: Ralf Weiskopf

„Wir erinnern heute an eine der dunkelsten Stunden deutscher Geschichte. Das Unrecht, das damals vor 75 Jahren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern angetan wurde, erfüllt uns bis heute mit Trauer, Entsetzen und Scham“, sagte Oberbürgermeister Siegfried Müller am Sonntag vor der Alten Synagoge in Kitzingen.

Dort fand ein Gedenken an die Opfer der sogenannten Pogromnacht statt, die vor 75 Jahren auch in Kitzingen die Schoah einleitete, wie man die in ihrer Grausamkeit einzigartige Massenvernichtung der Juden unter der nationalsozialistischen Herrschaft bezeichnet. Rund 60 Kitzinger waren zu der Gedenkfeier gekommen, die mit einer Kranzniederlegung endete.

„Wie konnten Menschen ihren Mitmenschen so etwas antun?“
Siegfried Müller OB

„Jene Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war für unsere jüdischen Mitbürger ein einziger Albtraum“, so der OB. Die Synagoge sei in Brand gesteckt, Wohnungen und Geschäfte jüdischer Nachbarn demoliert oder geplündert, Menschen bedroht, misshandelt, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet worden. All dies sei in aller Öffentlichkeit geschehen.

Die antisemitische Hetze und Verfolgung habe Familien getroffen, die nebenan wohnten, die dieselben Kulturveranstaltungen besuchten. Sie traf Arbeitskollegen, Vereinskameraden, Inhaber von Geschäften, in denen alle kauften, aber auch Ärzte und Rechtsanwälte. Viele Deutsche jüdischen Glaubens hätten damals in Kitzingen gelebt und ein ganz normales Leben geführt, von dem heute nur noch wenige wissen, erinnerte der OB.

Diese Menschen seien Tag für Tag ihrer Arbeit nachgegangen, kümmerten sich um ihre Kinder, sie waren so wie viele Bürger auch, mehr oder weniger religiös und politisch interessiert. „Manche Kinder wussten nicht einmal, dass ihre Mutter Jüdin war; viele fühlten sich vor allem als Deutsche“, so Müller.

Dieses Leben habe jäh geendet, als die Nationalsozialisten vor gut 80 Jahren, am 30. Januar 1933, an die Macht gekommen seien und ihr antisemitisches, die Menschenrechte missachtendes Programm in die Tat umzusetzen begannen. „Wie konnten Menschen ihren Mitmenschen so etwas antun? Wie konnte das geschehen? Warum gab es so wenig Protest und Widerstand? Diese Fragen drängen sich immer wieder auf“, sagte Müller. Noch heute stehe man fassungslos vor dem, was damals geschah. „Die NS-Verbrechen bleiben ein Stachel im Fleisch unserer Geschichte.“

Deutschland habe sich seiner Geschichte gestellt, sich damit auseinandergesetzt und vor 60 Jahren, mit den Auschwitz-Prozessen, mit der Aufarbeitung begonnen. Deutschland habe sich wieder Achtung erworben, was 1945 undenkbar schien. Es gebe wieder jüdisches Leben in Deutschland. Auch in Kitzingen hätten Jüdinnen und Juden eine neue Gemeinde aufgebaut und brächten sich auf vielfältige Weise in das kulturelle, religiöse und politische Leben ein. „Das ist eine gute Entwicklung, ein Vertrauensbeweis aber zugleich ein Vertrauensvorschuss.“ Dieser Vertrauensvorschuss gebiete es allen Bürgern, dem Antisemitismus und Rassismus die Stirn zu bieten.

„Das schulden wir den Opfern, ihren Angehörigen und uns allen.“ Jede Verunglimpfung anderer, jede hasserfüllte Tat, sei ein Fleck auf unserer Demokratie, denn Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung seien einer demokratischen und humanen Gesellschaft nicht würdig, sagte der Oberbürgermeister.

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