Alle sprechen plötzlich davon. VW, BMW, Daimler und andere. Jeder Autohersteller hat ein Projekt laufen, arbeitet an der Zukunft der Mobilität. Elektrisch soll sie sein. Eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen bis 2020, so das Ziel der Bundesregierung.
Karl Nestmeier baut solche Elektroautos. Im kleinen Städtchen Aub im südlichen Landkreis Würzburg entsteht seit Mitte der 1990er Jahre der CityEL. Er fährt auf drei Rädern, ist bis zu 63 Stundenkilometer schnell und schafft eine Strecke von 130 Kilometern. Rund 3500 CityELs bewegen sich auf deutschen Straßen. Damit ist Nestmeier bis jetzt immer noch der größte Elektrofahrzeughersteller Deutschlands.

Doch das Elektro-Leichtfahrzeug ist nicht das, was man sich in Berlin unter der Elektromobilität der Zukunft vorstellt. Der CityEL taugt nicht als Statussymbol. Zu klein, zu leicht, zu langsam, zu wenig Reichweite.
Nestmeier lächelt, wenn er so etwas hört. "Wir könnten heute bereits CityELs herstellen, die 300 bis 350 Kilometer weit fahren", sagt er. Aber das wolle keiner. "Wer fährt schon mit dem CityEL von hier bis Hannover. Das ist ein Kurzstreckenfahrzeug."
Das Konzept für den batteriebetriebenen Elektroeinsitzer auf drei Rädern verteidigt der 47-Jährige beharrlich - auch gegen Geschäftspartner. Von einer dänischen Firma hatte Nestmeier die Lizenz zum Bau des Wagens erworben. Das war 1995. Damals waren Elektroautos kein Thema. 1999 gründete sich die Smiles AG, Nestmeier übernahm den Vorstandsvorsitz. Die Firma verkaufte rund 6000 Wagen dieses Typs in Europa. Alles lief planmäßig - bis zum Dezember 2010.

Von Investoren "ferngesteuert"


"Die Unternehmensausrichtung des Aufsichtsrats hat sich dann nicht mehr mit meinen Vorstellungen gedeckt", berichtet Nestmeier. Der Pionier fühlte sich plötzlich von Investoren "ferngesteuert". Die Produktion des CityEL sollte aufgegeben werden. Der Aufsichtsrat wollte laut Nestmeier stattdessen nur noch ein Handelsgeschäft mit Elektro-Importfahrzeugen aus Italien und Indien betreiben.

Die Reaktion des Elektromeisters: "Ohne mich. Das wird nicht funktionieren." Nestmeier wollte "nicht der angestellte Fahrzeughändler sein", wollte weiterhin sein "Know-how einsetzen".

Er verließ die Smiles AG, konzentrierte sich im Jahr 2011 auf seine andere Firma: Cleanenergy. Diese hatte er 1992 gegründet und sich schon damals mit Themen wie Photovoltaik, Solarthermie und Blockheizkraft beschäftigt. Das kleine Unternehmen hat inzwischen einen Schwerpunkt, der immer gefragter wird: Batteriespeichersysteme. In einigen Wochen will Nestmeier am Standort Aub offiziell mit einer kleinen Produktion dieser Stromspeicher loslegen.

"Von tragbar bis zum 40-Fuß-Container", beschreibt er die mögliche Palette. Die Bauteile für die Batterien kommen aus Asien, die Systemarchitektur stammt von Nestmeier. Als Geschäftspartnerin hat sich der Elektropionier prominente Verstärkung geholt. Seit Oktober steht Pia Beckmann mit an der Spitze von Cleanenergy. Die ehemalige Würzburger Oberbürgermeisterin hatte schon vorher an Energieprojekten gearbeitet. "Speicher sind ein großes Thema. Wir kriegen permanent neue Anfragen"", sagt die 48-Jährige und deutet auf die Visitenkarte eines Bootsherstellers, die auf ihrem Schreibtisch liegt.

Die Batterie, die in ein solches Schiff eingebaut wird, besteht aus Lithium-Zellen. Speicher aus diesem Leichtmetall hatte Karl Nestmeier schon bei seinen Elektro-Leichtfahrzeugen verwendet.

Ganz loslassen konnte er vom CityEL auch im vergangenen Jahr nicht. Das Mietgeschäft mit gebrauchten Exemplaren lief nach wie vor über ihn. Doch als dann Ende Februar 2012 die neuen Smiles-Chefs Insolvenz anmelden mussten, schienen die Tage des kleinen Leichtfahrzeugs gezählt. "Es war auch ein emotionales Thema", beschreibt Nestmeier seine Gefühlslage. "Der CityEL ist in punkto Rentabilität ein einmaliges Produkt. Er darf nicht sterben."

Es geht weiter. Nicht mit der Smiles AG und ihren 16 Beschäftigten. Aber mit dem CityEL. Über Umwege hat Nestmeier "nach langem Überlegen" das Geschäftsfeld wieder übernommen. "Wir beginnen mit fünf Leuten und kochen das auf kleinerer Flamme", so sein Plan. Die Resonanz ehemaliger Kunden auf diese Entscheidung sei unerwartet hoch ausgefallen, berichtet Nestmeier.

Er selbst will künftig nur noch einen kleinen Teil seiner Zeit für die Elektrofahrzeuge investieren. Ehemalige Smiles-Mitarbeiter sollen die Führung übernehmen. Der Pionier hat anderes vor. Energiespeicher. Ohne die fährt auch kein CityEL.
Nur an seinem Konzept für Elektroautos hat sich nichts geändert. Der sogenannte Erstwagen-Markt spiele keine Rolle. "Elektromobilität ist die Nahverkehrsmobilität für Zweit- und Dritt-Autos", sagt Nestmeier. "Langstrecken gehören auch künftig mit Verbrennungsmotoren gefahren." Das klingt nicht sexy, aber ehrlich.