IPHOFEN

Iphöfer Ex-Weinkönigin arbeitet jetzt in Afrika

Wenn Marie-Luise Scheckenbach das Heimweh überfällt, gibt es ein probates Mittel. 4875 Kilometer Luftlinie von der Heimat entfernt klappt die 19-Jährige ihren Laptop auf.
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Im „Haus der Sonne“ kümmert sich Marie-Luise Scheckenbach um Babys, deren minderjährige Mütter Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Foto: Foto: Scheckenbach
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Wenn Marie-Luise Scheckenbach das Heimweh überfällt, gibt es ein probates und schnell wirkendes Mittel. 4875 Kilometer Luftlinie von der Heimat entfernt klappt die 19-Jährige ihren Laptop auf oder holt ihr Handy hervor, und was sie den mobilen Geräten entlockt, zaubert Umstehenden ein Lächeln ins Gesicht.

Frankenlied in Afrika

„Sie schmunzeln, wenn ich über YouTube den Frankenlied-Marsch oder eine Polka abspiele“, erzählt sie. Das muss gelegentlich sein, um in der Weite Afrikas ein Stück Franken zu spüren, ein Zipfelchen Iphofen zu erhaschen. Marie-Luise Scheckenbach ist ein bodenständiger Mensch. Sie war ein Jahr Iphofens Weinkönigin, spielt im Musikzug der Feuerwehr und liebt das Familienleben. Aber sie ist auch ein sozial eingestellter Mensch. Deshalb hat sie sich im Sommer vorigen Jahres ins Flugzeug gesetzt, ist neun Stunden in Richtung Süden geflogen und absolviert in Benin, einem der Armenhäuser Afrikas, ihren „entwicklungspolitischen Freiwilligendienst“, wie sie das nennt.

Hilfe für misshandelte Mütter

Unter dem Dach der deutschen Hilfsorganisation Don Bosco kümmert sie sich in Cotonou seit 1. September um vernachlässigte Babys, um minderjährige Mütter und misshandelte Frauen, was in Benin oft das Gleiche ist, und um Kinder und Jugendliche, die zur Zwangsarbeit verpflichtet sind, damit ihre Familie über die Runden kommen. Es ist ein Dienst am Nächsten, der sie viel Leid und Traurigkeit erleben lässt, aber auch Lebensfreude, farbenfrohe Feste und eine stolze Bevölkerung. Sie war bereit, diese Widersprüche auszuhalten, sie wollte etwas von dem zurückgeben, was sie „großes Glück“ nennt: dass der Herrgott sie in einen Winkel der Erde hineinverpflanzt hat, der nicht unter Armut, Bildungsmangel und Korruption leidet.

Ehemals stabile Demokratie

Die frühere französische Kolonie gilt als eine der stabilsten Demokratien Afrikas, lag 2016 auf dem Index der menschlichen Entwicklung aber nur auf Platz 167 von 188 Ländern. Von den über 15-Jährigen sind nur 38 Prozent alphabetisiert, bei den Frauen gerade mal 27 Prozent. Blickt Scheckenbach heute auf ihre Mission, überwiegen die fröhlichen Bilder. Jene, die sie mit Babys auf dem Arm zeigen oder mit Kindern am Kochtopf stehen. Babys, die im „Maison du Soleil“, dem Haus der Sonne der Don-Bosco-Schwestern, noch zu klein sind, um zu wissen, dass ihre oft minderjährigen Mütter Opfer sexueller Gewalt geworden sind; Mädchen, die gezwungen werden, Tomaten, Schmuck oder Stoffe zu verkaufen und die in der „Baraque SOS“ von Don Bosco eine Anlaufstelle haben, wo sie sich ausruhen und das sein dürfen, was sie größtenteils noch sind: Kinder; Jugendliche, die meist aus Geldmangel die Schule nicht beenden konnten und die nun im „Maison de l?Espérance“, dem Haus der Hoffnung, Gelegenheit haben, ihre Lehre als Bäcker oder Koch nachzuholen.

Offene und dankbare Menschen

In diesen Einrichtungen ist Scheckenbach auf offene und dankbare Menschen getroffen. Menschen, die von einem schweren Schicksal gezeichnet sind – wie auch im „Foyer Laura Vicuna“, einem Heim für Mädchen, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren. Sie bastelte und lernte mit ihnen, widmete ihnen Zeit und Zuneigung – und gab ihnen das Gefühl, dass sie nicht immer nur den Schwarzen Peter ziehen, wenn das Leben die Karten hinhält.

Je mehr Geschichten notleidender Familien sie hörte, je mehr Eindrücke misshandelter Frauen sie sammelte, desto „beeindruckter“ war sie, wie herzlich und fröhlich viele Beniner durchs Leben spazieren. „Häufig bekomme ich ein Strahlen des Kindes zurück.

Scharfe Kontraste im Land

Ganz schnell wird mir bei diesen Anblicken klar, dass hier keiner arm ist. Die Menschen stellen keine Fragen wie: Warum hat Gott diese Situation zugelassen? Viel mehr glauben sie an einen Gott, der ihnen Kraft gibt, um die Herausforderungen durchzustehen“, schreibt sie im Eintrag ihres Internet-Blogs.

Scharfe Kontraste prägen das Leben der 19-Jährigen in Benin auf Schritt und Tritt. Hier Cotonou als Zentrum und Regierungssitz im Süden des Landes, wo Mopeds und Roller das Stadtbild beherrschen und die Luft nach Benzin riecht, wo die Menschen maßgeschneiderte Kleider und die Jugendlichen moderne Jeans tragen, wo die industrielle Revolution begonnen hat; dort die vielen Dörfer, wo oft bittere Armut herrscht, wo die Leute zerfetzte Stoffe am Leib tragen und in primitiven Lehmhütten leben, in denen fließend Wasser und Elektrizität eine Utopie sind.

Anfangs erschlagen und überfordert

Vielleicht lassen sich all die Gegensätze für die junge Deutsche besser ertragen, weil sie ein positiver Mensch ist. Weil sie das gute Gefühl hat, zumindest einigen dieser benachteiligten Menschen zu helfen.

Marie-Luise Scheckenbach hat kein Problem damit zuzugeben, dass sie in den ersten Wochen „erschlagen und etwas überfordert“ war von all den Eindrücken. Wie sollte es auch anders sein? Sie hatte eben ihr Abitur gemacht, war Weinkönigin ihrer Heimatstadt Iphofen gewesen; dann brach sie auf in ein Land mit einer fremden Kultur und Religion und einer Sprache, die sie in der Theorie zwar beherrschte, aber in der Praxis kein reines Französisch ist. Was sie vom ersten Tag an über manche Barriere trug, war die „herzliche und warme Art der Menschen um mich herum“. Rasch fand sie Anschluss. Sie feierte Gottesdienste mit 2000 Kindern und Eltern in einer Halle, die ein fünf Meter hoher Jesus überstrahlte, wusch ihre Kleider von Hand mit Kernseife und aß das Nationalgericht Igname Pillé, einen Brei aus gestampfter Yams-Wurzel.

Noch zwei Monate

Rund zwei Monate bleiben Scheckenbach, um ihre Eindrücke zu komplettieren. Inzwischen hilft sie vormittags in einer Vorschule, Drei- bis Fünfjährigen erste französische Vokabeln beizubringen. Die Schule liegt in einem der ärmsten Viertel Cotonous, in der Nähe eines Marktes, auf dem viele Eltern der Vorschüler ihren kärglichen Lebensunterhalt verdienen. An den Nachmittagen betreut sie weiterhin die Mädchen in der „Baraque SOS“, die dort warme Mahlzeiten, Alphabetisierungskurse und ein wenig Geborgenheit bekommen.

Kinder bei der Zwangsarbeit

Fragt man die 19-Jährige, was sie in Benin am stärksten geprägt habe, dann sind es diese Nachmittage mit den zur Zwangsarbeit verpflichteten Kindern. „Als ich mit zwei der Mädels an der Tafel saß und ihnen Rechenaufgaben stellte, legte ich für mich fest, Sonderschullehrerin zu werden“, sagt sie. Das wolle sie nach der Rückkehr in Deutschland studieren. Vor dem Tag ihrer Abreise am 26. August habe sie „großen Respekt“. Von „vielen lieb gewonnenen Menschen“ werde sie sich verabschieden müssen. Dafür kehrt sie zurück zu Familie, Freunden und Bekannten, mit denen sie immer Kontakt hielt. Ihr Bruder Simon besuchte sie im Mai, ihre Eltern und ihr Freund werden noch kommen. Ihnen will sie Land und Leute zeigen, mit dem Mototaxi über die zwei geteerten Hauptstraßen Cotonous flitzen – und vielleicht findet sich die Gelegenheit, gemeinsam das Frankenlied anzustimmen.

Der Freiwilligendienst

Die Don Bosco Volunteers werden geleitet vom Leben und Werk Johannes Boscos (1815 bis 1888), der sich vernachlässigter und benachteiligter Kinder und Jugendlicher annahm. Sein Credo: In jedem jungen Menschen steckt ein guter Kern. Der nach ihm benannte Freiwilligendienst ist möglich in Deutschland, mehr als 90 Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas sowie in Staaten Ost- und Westeuropas.

Das „Weltwärts“-Programm, auf das sich Marie-Luise Scheckenbach in zwölf Seminartagen und einem zweiwöchigen Praktikum vorbereitet hat, steht unter dem Motto „Nein zu sexueller und körperlicher Gewalt“. Zur Einrichtung der Don-Bosco-Schwestern in Cotonou (Benin) gehören fünf Vorschulen, eine Erwachsenen-Grundschule, eine weiterführende Schule und ein Ausbildungscenter, ein Mädchenheim, eine Unterkunft für minderjährige Mütter mit ihren Babys sowie eine Anlaufstelle für Mädchen, die Waren am Markt verkaufen müssen.

Die von Don Bosco gegründete „Gesellschaft des Heiligen Franz von Sales“ – die Salesianer – zählen heute als zweitgrößte Ordensgemeinschaft der katholischen Kirche nach eigenen Angaben 15 300 Mitglieder in 132 Nationen der Welt.

Wer das Projekt von Marie-Luise Scheckenbach unterstützen möchte, kann dies tun mit einer Spende auf das Konto der Don-Bosco-Mission, IBAN: DE66 7509 0300 0102 1418 76, Verwendungszweck: Marie-Luise Scheckenbach R511752

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