Prichsenstadt

In Prichsenstadt: Wieder ein Treffpunkt

Über 170 Jahre beherbergte das Fachwerkhaus am Stadtturm Prichsenstadts einen Krämerladen. Ingrid B. Mehlert hat ihm mit ihrer Kunstmanufaktur neues Leben eingehaucht.
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Kunstmanufaktur statt Krämerladen: Ingrid B. Mehlert hat mit ihrem Mann Volker das alte Fachwerkhaus am Stadtturm gekauft. Im Erdgeschoss ist ein kleiner Laden mit Café entstanden, im ersten Stock wohnt das Ehepaar.
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Ein Schild war es, das Weihnachten 2013 die Aufmerksamkeit von Ingrid B. Mehlert und ihrem Mann Volker auf sich zog: „Wer möchte so ein altes Haus – wie ich es bin – haben?“, stand da im Fenster des alten Fachwerkhauses neben Prichsenstadts Stadtturm. Und die aus Köln stammenden Mehlerts wollten. Sie wollten nicht nur dort wohnen und Raum schaffen für die gezeichneten und gemalten Bilder der gebürtigen Kalifornierin, sondern den ehemaligen Krämerladen wieder zu dem machen, was er lange war: ein Treffpunkt in der Altstadt.

Mitten in Prichsenstadt

Denn der Einkaufsladen im Ort war einst allerorts viel mehr als nur die Möglichkeit, Butter und frisches Obst zu besorgen. So auch das kleine Geschäft der Schäfers mitten in Prichsenstadt. Seit 1826 haben Kaufleute dort Waren angeboten. Doch 2003 war Schluss mit der Krämer-Tradition. Stattdessen blieb das Schaufenster fortan dunkel.

Bis die Künstlerin Ingrid B. Mehlert sich verliebte – und das Potenzial des Gebäudes erkannte. „Wir wollten schon immer ein eigenes, möglichst altes Haus“, erzählt sie rückblickend. Das Paar kaufte 2014 das unter Denkmalschutz stehende Gebäude von 1599. Das Städtchen lag günstig zwischen beiden Arbeitsplätzen. Klar, wie viel Arbeit sie sich damit aufhalsen, war ihnen allerdings nicht. „Blauäugig“, seien sie an die Sache rangegangen, sagt die 56-Jährige und lacht. Obwohl beide vom Fach sind, haben die Bauzeichnerin und der gelernte Schreinermeister unterschätzt, „wie lange wir dafür brauchen“. Aber sie machen auch alles selbst, ziehen Fachleute nur hinzu, wenn es unbedingt sein muss.

Nicht alles perfekt

Perfekt ist darum noch längst nicht alles. Aber das ist auch gut so, findet Ingrid B. Mehlert. Mit ihrem künstlerischen Geschick hat sie schöne Lösungen gefunden: Eines ihrer selbstgemalten Bilder kommt vor der unverputzten Wand gut zur Geltung, an einer anderen Stelle schmückt eine Decke die Wand und liefert die Kulisse für ein Arrangement mit antiken Stühlen und einem Gemälde von Prichsenstadt. Wobei Volker Mehlert bei den unverputzten Wänden einhakt: „Mich stört das wahnsinnig.“

Frau setzt sich durch

Wäre es nach dem 55-Jährigen gegangen, wäre das Erdgeschoss noch nicht fürs Publikum geöffnet. Doch seine Frau setzte sich durch, und so hat die „Kunstmanufaktur“, ein kleiner Laden mit Sitzplätzen, seit rund einem Jahr, Freitagnachmittag und samstags, geöffnet. Dort zu sehen sind die Bilder der Autodidaktin Mehlert, Produkte befreundeter Künstler wie Getöpfertes oder handgemachte Postkarten. Und es gibt wieder die Möglichkeit, sich auszutauschen. Bei Kakao oder Kaffee.

Ideen für die Altstadt

Das ist an diesem sonnigen Freitagnachmittag im Spätsommer schön zu beobachten. Ständig kommt jemand zur Tür herein, bespricht etwas, ratscht kurz. Drei Frauen sitzen um einen Tisch. Ihr Gespräch dreht sich um neue Ideen für die Altstadt, wie Prichsenstadt wieder mehr belebt werden kann.

Visionen

Eine von ihnen ist Andrea Hofstätter. Sie ist aus Bingen, also eine Zugezogene wie Mehlert, lebt seit November in Prichsenstadt. Dort hat sie ebenfalls ein altes Haus gekauft und designt und vertreibt nebenbei Stempel aus Naturgummi. Aus den beiden Frauen sprudeln die Ideen für ihre neue Heimat nur so heraus. „Wir haben Visionen: Worpswede in Unterfranken“, sagt Ingrid B. Mehlert. Dass es bis zu dem Künstlerdorf nördlich von Bremen im Wortsinne ein weiter Weg ist, ist ihr auch klar. „Aber wir sehen das nicht so verbissen.“

Engagiert im Verein

Die Frauen sind sich mit Volker Mehlert einig, dass Prichsenstadt mehr positive Presse nötig habe. Darum engagiert sich Volker als Vorsitzender im Verein Alt-Prichsenstadt. Darum möchten Ingrid B. Mehlert und Hofstätter „Prichsenstadt künstlerisch pushen“, wie mit Kunstkursen für Kinder oder dem Kunstkränzchen bei ihr in der Manufaktur am Samstagnachmittag – offen für jeden. Darum hatten sie im September zum „Urban Sketching“ nach Prichsenstadt eingeladen. Künstler und begeisterte Amateure kamen, um die Stadt zu zeichnen. Um mit Stift und Papier die Schönheit Prichsenstadts zu zeigen, jenseits der Schlagzeilen über AfD und Ärztestreit.

Gute Gelegenheit

„Prichsenstadt ist so schön“, sind sich die Mehlerts einig. Und sie möchten, dass das noch vielen weiteren Leuten klar wird. Eine gute Gelegenheit, sich davon selbst zu überzeugen, biete beispielsweise „Prichsenstadt leuchtet“ am 10. November. Dann wirkt das Städtchen im Licht Hunderter Kerzen noch ein bisschen romantischer.

Und bei den Mehlerts? Kann man sich an dem Nachmittag und Abend in der Kunstmanufaktur bei einem heißen Kakao mit Marshmallows aufwärmen – und den neuen Treffpunkt für einen Plausch nutzen.

Prichsenstadt bis zum Jahr 2035

Die Frage nach der Entwicklung von Prichsenstadts Altstadt führt direkt zu ISEK, dem Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept Prichsenstadts, das die Lage des Altstadtbereichs und dessen Zukunft bis 2035 auf 120 Seiten ausführlich beschreibt. Damit möchte man unter anderem drohenden innerörtlichen Leerständen begegnen. Denn stagnierende Einwohnerzahlen (-3,8 Prozent von 2007 bis 2016) bei gleichzeitig immer älter werdenden Bewohnern sind eine große Herausforderung für die Stadt. Sie hatte Ende 2017 inklusive aller Ortsteile 3150 Einwohner, im Ortskern lebten rund 970 Einwohner.

Das Untersuchungsgebiet des Konzepts umfasst im Wesentlichen diesen historischen Kern Prichsenstadts. Dort liegt ein Großteil der Baudenkmäler Prichsenstadts, so auch das Fachwerkhaus der Mehlerts. Zudem steht fast der gesamte Bereich unter Ensembleschutz.

Baulücken finden sich im Sanierungsgebiet kaum und mit einer Quote von rund 7 Prozent stellt der Leerstand dort laut dem ISEK zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Problem dar. Dazu werden könnte allerdings das Alter der Altstadt-Bewohner, da junge Familien häufig die umliegenden Neubaugebiete bevorzugen. Ziel des ISEK ist unter anderem, deren Zuzug in die Altstadt zu fördern, etwa mit einem aktiven Leerstandsmanagement. Zudem soll das Konzept die Verkehrsproblematik lösen, die als wesentliche Schwachstelle des Gebiets bezeichnet wird. (bh)



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