MARKTBREIT

„Ich bin kein Held, wirklich nicht“

Die Geburtstagsfeier wird noch lange Gesprächsstoff bleiben. Für einen Gast war es schließlich die Party seines Lebens – im wahrsten Sinn des Wortes.
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So ging's: Der elfjährige Aaron mimt den entkräfteten Schwimmer, so dass Istvan Teleki zeigen kann, wie er am Samstagabend seinen Freund Xavier aus dem Main bei Marktbreit gezogen hat. Foto: Foto: Diana Fuchs
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Die Geburtstagsfeier wird noch lange Gesprächsstoff bleiben. Für einen Gast war es schließlich die Party seines Lebens – im wahrsten Sinn des Wortes.

Am 5. August war Istvan Teleki 44 Jahre alt geworden. Das wollte der gebürtige Ungar nach alter Sitte feiern. Also lud er am Samstag, 9. August, Familie und Freunde zu einem zünftigen Fest im Freien ein. Am Marktbreiter Main-Strand stellte er ein traditionelles Dreibein auf und befestigte einen großen Topf daran. Über einem Holzkohle-Feuer bereitete er „echtes Ungarisch-Gulasch“ zu, das nur aus zart gerösteten Paprika, Zwiebeln, Fleisch, Salz und etwas Wasser besteht. „Das ist das Beste, was es gibt“, schwärmt Istvan Teleki und verdreht die Augen dabei genießerisch.

Um den dampfenden Topf versammelten sich neben Istvans Frau und den drei Töchtern zahlreiche Freunde und Bekannte der Familie. Darunter auch Xavier (Name von der Redaktion geändert), Istvans Freund, der nur wenig jünger ist als der Ungar. Man aß und trank gemeinsam und genoss den schönen Abend am Ufer des Marktbreiter Mains.

Viele der Gäste nutzten die mit Bojen abgesicherte Badebucht, um sich abzukühlen. Das Wasser ist dort ganz flach, an der tiefsten Stelle kann ein Erwachsener noch gut stehen, berichtet Istvan. „Erst hinter den Bojen wird es plötzlich ganz tief; dort ist ja die Fahrrinne für die Schiffe.“ Der Schlosser mag das Freizeitgelände am Main seit jeher – also seit er 1991 zum ersten Mal nach Marktbreit kam. Damals arbeitete er für die örtliche Firma Ruhl, die auch in Ungarn Niederlassungen hat.

Im Oktober 2010 zog er schließlich mit seiner ganzen Familie ins beschauliche Malerwinkel-Städtchen. „Es ist sehr schön hier. Und seit ich für die Firma Pfeuffer in Marktsteft tätig bin, habe ich jetzt auch deutsche Kollegen – vorher waren wir Ungarn fast unter uns“, erzählt der Familienvater, dessen Deutsch seitdem täglich besser wird.

Irgendetwas stimmte nicht

Gegen 18 Uhr planschte Istvan am Samstagabend gerade mit seiner achtjährigen Tochter Minea in der sicheren Badebucht, als Xaviers Partnerin plötzlich zu schreien begann und in heller Aufregung hinaus auf den Main deutete. Istvan erspähte seinen Freund in der Nähe einer orangefarbenen Boje. „Irgendetwas stimmte nicht.“

Ein-, zweimal sank Xaviers Kopf unter die Wasseroberfläche. Istvan musste nicht lange überlegen – er kennt die Anzeichen. Schon als junger Mann war er ein leidenschaftlicher Schwimmer und Taucher. Er lernte auch, wie man im Fall des Falles jemanden aus den Fluten retten kann. Über 20 Jahre später kam ihm dieses Wissen nun 920 Kilometer nordwestlich seiner Heimatstadt Pécs („Fünfkirchen“) zugute. Ihm und seinem Freund.

„Ich hab nur ein bisschen geholfen. Das hätten viele andere auch gekonnt.“
Istvan Teleki, bescheidener Retter

Letzterer war über die Sperrbojen hinaus in Richtung Flussmitte geschwommen. Dort, etwa 70 Meter vom Ufer entfernt, verließen ihn offenbar die Kräfte. Vielleicht hatte er sich nicht gut genug akklimatisiert beziehungsweise abgekühlt, ehe er hinausschwamm, oder er hatte schlicht zu viel gefeiert. Möglicherweise traf auch von allem ein bisschen zu. „Er ist eigentlich ein guter Schwimmer“, sagt Istvan. Aber in der Fahrrinne ist der Main drei, vier Meter tief. Wer da Probleme bekommt und Wasser schluckt beziehungsweise in die Lungen kriegt, für den kann es ganz schnell richtig gefährlich werden.

Istvan fackelte nicht lange. Er schwamm schräg auf den Freund zu, den die Mainströmung in Richtung Ochsenfurt trieb, und zog ihn Stück für Stück ans Ufer. Der professionelle Rettungsschwimmer-Griff tat auf den letzten Metern sehr gute Dienste, denn da war Xavier völlig k.o.

Laut Bericht der Polizei, die Xaviers Partnerin ebenso wie den Notdienst alarmiert hatte, wurde der Gerettete am Ufer kurz bewusstlos. Istvan meint, Xavier sei rasch wieder ansprechbar gewesen. Der Notarzt stellte Wasser in Xaviers Lunge fest, deshalb wurde der Portugiese nach Ochsenfurt ins Krankenhaus gebracht. Lange musste er dort aber nicht bleiben.

Schon am nächsten Tag, am Sonntag, trafen sich Retter und Geretteter auf einen Kaffee. Ihre Freundschaft sei die gleiche wie vorher, ist sich Istvan sicher. Er sieht den Vorfall als eine Warnung für alle Main-Schwimmer: Wer sich zu weit vom Ufer entfernt, für den könne ein kleines Problem tödlich werden.„Sog und Strömung können schon reichen.“

Wie er sich nun fühlt, so als Lebensretter? Istvan Teleki macht eine abwehrende Handbewegung. „Ich bin kein Held, wirklich nicht“, sagt er und schüttelt dabei vehement den Kopf. „Ich hab nur ein bisschen geholfen. Das hätten viele andere auch gekonnt. Feuerwehr und Polizei zum Beispiel machen das jeden Tag.“ Um jemanden zu retten, sei weniger die Kraft, als vielmehr die entsprechende Technik nötig. „Es wäre gut, wenn man diese Technik schon den Kindern in der Schule beibringen würde“, findet Istvan. „Es kann ja immer mal passieren, dass jemand Hilfe braucht.“

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Am Main auf eigene Gefahr

Bundeswasserstraße: Der Main ist in erster Linie eine Bundeswasserstraße, also für Personen- und Transportschiffe da – auch wenn seine Wasserqualität sehr gut ist. Brückenspringen ist grundsätzlich streng verboten, Schwimmen jedoch erlaubt, sofern man sich an bestimmte Regeln hält. Dazu gehört: Unbedingt Abstand halten zu Booten, Schiffen, Begrenzungsbojen, Schleusen, Wehren und anderen „baulichen Einrichtungen“. Wolfram Ruppert und Karl-Ludwig Bayerlein von der Wasserschutzpolizei erklären, weshalb das wichtig ist: „Die Sogwirkung und Strudelbildung kann gerade an solchen Stellen sehr gefährlich sein.“

Sicht: Wolfram Ruppert weist Schwimmer ausdrücklich darauf hin, dass es bei Schiffen und Schiffsverbänden einen sehr großen „toten Winkel“ gibt. „Bis zu 250 Meter voraus kann die Sicht eingeschränkt sein.“ Gerade in der Dämmerung sei es also sehr gefährlich, als Schwimmer vor ein Schiff zu gelangen.

Risikofaktoren: Wenn zum ausgiebigen Sonnenbad Alkohol und Übermut kommen, dann wird es gefährlich. Ruppert und Bayerlein haben schon allerhand erlebt – vom Temperaturschock über Atem- und Kreislaufprobleme bis hin zu Panikattacken. „Untiefen, Treibgut, Strömungen und verschiedene Temperaturfelder im Main sind eben nicht zu unterschätzen!“ Jedes Jahr stirbt in ihrem Einsatzbereich rund um Würzburg mindestens ein Mensch bei einem Badeunfall.

ELWIS: Alle Bestimmungen für Badende im Main sind mittels ELWIS einzusehen, dem Elektronischen Wasserstraßen-Info-Service: www.elwis.de.

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