Iphofen
Kugel und Kreuz abgebaut

Historie in luftiger Höhe

Die Restaurierung der Blutskirche in Iphofen erlaubt einen Blick in die Knopfakten.
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Peter Büttner (rechts) erklärt Bürgermeister Josef Mend (links) und Pfarrer Hans Reeg, wie das Kreuz künftig hoch oben auf der Kirchturmspitze befestigt wird. Foto: Daniela Röllinger
Peter Büttner (rechts) erklärt Bürgermeister Josef Mend (links) und Pfarrer Hans Reeg, wie das Kreuz künftig hoch oben auf der Kirchturmspitze befestigt wird. Foto: Daniela Röllinger
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Für Peter Büttner ist der Moment schon fast Routine. Gelassen steht er an der Seite, während die anderen gespannt warten, welche Dokumente sein Sohn Marco aus dem hellen Rohr zieht. Wichtige Dokumente der Zeitgeschichte sind in der Regel in den Kapseln hoch oben in den Kirchturmkugeln enthalten. Aufzeichnungen, Zeitungen und Münzen. Die stecken auch im Bündel, das Marco Büttner Pfarrer Hans Reeg reicht - und weil in Iphofen der Wein eine besondere Rolle spielt, sind auch gleich drei Weinpreislisten örtlicher Winzer mit dabei.


Kreuz wird neu vergoldet


Im Zuge der Sanierung der Wallfahrtskirche Zum heiligen Blut werden das Kreuz und die Kugel überarbeitet. Das Kreuz wird entrostet und vergoldet. Gelegenheit, die Kapsel zu öffnen. Kirchturmknopfakten ist der Fachbegriff für die Archivalien, die sich in den Zeitkapseln befinden.
Wie alt die sind, ist oft eine Überraschung - und so war es auch am Dienstagnachmittag in Iphofen. Denn die Kirche wurde zwar 1980 zum letzten Mal innen und außen saniert, doch die Dokumente waren älter: Sie stammen vom Mai 1970.

Peter Büttner und sein Sohn Marco hatten Kreuz und Kugel zur Öffnung der Kapsel vom Kirchturm geholt. Das Arbeiten in schwindelerregender Höhe ist für die beiden normal. Auf 136 Kirchtürmen hat Peter Büttner schon gearbeitet - wenn er jeden nur einmal zählt, auch wenn er dort mehrfach im Einsatz war. Der Turm der Blutskirche ist für ihn ein "Routineturm". "Er ist sauber eingerüstet, ideal vorbereitet", sagt er. Nicht immer ist es so einfach.

Oft sind die Türme deutlich höher, manches Mal geht es ohne Gerüst raus aus der Ausstiegsluke und dann mit der Leiter hoch zur Spitze. Bei den Arbeiten am Kirchturmkreuz in Kronach konnte sogar nur mit Hilfe eines Hubschraubers hoch oben gearbeitet werden. Angst hat er nicht, sagt der 54-Jährige, aber Respekt. "Das ist das, was uns Sicherheit bringt." Seine Leidenschaft für die Arbeit hoch oben auf den Türmen und Dächern hat er an seinen Sohn weitergegeben. "Das ist 100-prozentig der richtige Job", findet auch der 25-Jährige.

Zur Öffnung der Kapsel sind neben Pfarrer Hans Reeg auch Bürgermeister Josef Mend, Stadtarchivarin Susanne Kornacker, Vertreter des Architekturbüros und der Handwerksfirmen gekommen. Sie schauen gespannt zu, als Marco Büttner das unscheinbare graue Rohr aufflext und ein ganzes Bündel an Dokumenten herauszieht. Eines von der Zweigstelle Iphofen der Stadtsparkasse Scheinfeld, die Weinpreislisten der Weingüter Wirsching, Popp und Ruck, ein Informationsblatt über die 1225-Jahrfeier der Stadt Iphofen, ein Foto von Christa Rückel. Sie war 1969/70 die letzte Fränkische Weinkönigin, die aus Iphofen kam. Eine Tages- und eine Boulevard-Zeitung, Informationen über die Kirchengemeinde, die Namensliste der Stadträte und der Mitarbeiter der Stadt. Darauf genannt sind auch die drei Stadtangestellten - einer davon der heutige Bürgermeister Josef Mend.


Kugel schon 1970 repariert


Auskunft geben die Unterlagen auch über die damalige Sanierung. Die Turmkugel war am 27. April 1970 abgenommen worden. Damals zählten die Arbeiter 250 Einschüsse aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, "einige fast faustgroß", wie Pfarrer Reeg vorlas. Die Kugel wurde damals wiederverwendet und - damit die Sanierung nicht zu teuer wurde - in der Freizeit von einigen Männern gelötet und vergoldet. Eine neue Kugel hätte 3000 Mark gekostet, die Renovierung machte so nur 1200 Mark aus. Vermerkt wurde so manches aus dem Jahr 1970: In der Stadtkirche wurde eine elektrische Heizung eingebaut, zur Mode gehörten "Mini, Midi, Maxi" und das Zeitalter des Computers war angebrochen.

Sämtliche Dokumente sind gut erhalten, lobte Archivarin Kornacker, "konservatorisch völlig in Ordnung." Sie wird die Unterlagen jetzt dokumentieren, dann gehen sie zurück an den Architekten Dr. Matthias Wieser. Er wird sie - gemeinsam mit Dokumenten des Jahres 2014 - wieder in die Kugel legen. Die dann wieder hoch aufs Dach zu bringen, ist Sache von Peter und Marco Büttner.


Hintergrund


Das Gotteshaus: Der Ursprung der Kirche zum Heiligen Blut in Iphofen - landläufig Blutskirche genannt - geht auf das Jahr 1294 zurück. 1605 bis 1615 wurden wesentliche Teile der Kirche neu errichtet. 1889 zerstörte ein Brand den Kirchturm. Die letzte große Sanierung fand 1980 statt, damals wurde unter anderem die zweiläufige Außentreppe abgenommen.

Die Restaurierung: Die derzeitigen Arbeiten am Gotteshaus sollen Anfang 2015 fertig sein. Ziel ist insbesondere das Konservieren, also der Erhalt des historischen Bestands. Die Kosten liegen bei etwa 1,3 Millionen Euro. Das Bischöfliche Ordinariat Bamberg übernimmt 886 600 Euro, die Bayerische Landesstiftung 109 114 Euro. Die Stadt Iphofen steuert als freiwillige Leistung 135 000 Euro bei.

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