KITZINGEN/HAAG

Haustiere sind das keine

Wer die Vorstellung vom süßen Bambi im Kopf hat und einen der 14 Wildtierhalter im Landkreis Kitzingen besucht, wird diese schnell verlieren. Beispielsweise bei Rudolf Schaller im Geiselwinder Ortsteil Haag. Der hat Respekt vor seinem Damwild in den zwei weitläufigen Gehegen an den Hängen rund um seinen Hof und stellt gleich mal klar: „Haustiere sind das keine.“
Artikel drucken Artikel einbetten
Top-Qualität: Rudolf Schaller (links) zeigt Fachberater Wolfgang Thomann vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen, Stücke aus der Tiefkühltruhe. Die gefrorenen und vakuumierten Teilstücke aus Keule, Rücken und Schulter seines Damwild kommen bei den Kunden und hier vor allem bei der Gastronomie gut an.
+2 Bilder

Wer die Vorstellung vom süßen Bambi im Kopf hat und einen der 14 Wildtierhalter im Landkreis Kitzingen besucht, wird diese schnell verlieren. Beispielsweise bei Rudolf Schaller im Geiselwinder Ortsteil Haag. Der hat Respekt vor seinem Damwild in den zwei weitläufigen Gehegen an den Hängen rund um seinen Hof und stellt gleich mal klar: „Haustiere sind das keine.“

In seine beiden drei und zwei Hektar große Gatter mit den Tieren mit den teils eindrucksvollen Geweihen traut sich selbst der erfahrene Wildtierhalter nicht immer. Warum zeigte ein Vorfall von kurzem: Da hat ein Hirsch seinen Rivalen so schwer verletzt, dass Schaller ihn mit einem Fangschuss erlösen musste. „Wenn die sich in die Haare kriegen, möchte ich nicht dazwischen gehen müssen“, sagt er.

„Die Fluchtdistanz wird eingehalten.“
Wolfgang Thomann Fachberater Wildhaltung

Dass die Hirsche auch in den Gattern Wildtiere bleiben, sagt auch Wolfgang Thomann. Das erkennt man, wenn man zum Gatter kommt, sagt er: „Die Fluchtdistanz wird eingehalten.“ „Es ist gefangenes Wild“, sagt Thomann, „allerdings so langsam auf dem Weg zum Haustier“. Thomann ist als Berater beim Fachzentrum Kleintierhaltung am Grünen Zentrum in Kitzingen und unterfrankenweit zuständig für Schafe, Ziegen und Wildhaltung. Dazu ist er bayernweit als ehemaliger Entwicklungshelfer in Südamerika Ansprechpartner für die Halter von Exoten wie Lamas und Alpakas.

„Meine Gemeinde ist zu groß für Feiertagsbesuche“, sagt Thomann, der als Berater meist telefonisch bei Bedarf hinzugezogen wird. Für die Serie „Das Grüne Zentrum“ und das Thema landwirtschaftliche Wildtierhaltung hat er sich zwei Stunden Zeit genommen und ist nach Haag gekommen.

Thomann erzählt, dass früher Wildgehege oft ein Privileg des Adels waren. Heute ist das Halten von Hirschen für manche Landwirte ein weiteres Standbein, „wenn die Vermarktung klappt“, sagt Thomann. Dass ein Betrieb davon allein leben kann, gibt es zumindest bei den Betreibern der rund 200 Gehege in Unterfranken nicht. „Mindestens 100 Hektar Fläche mit der entsprechenden Zahl von Tieren wären dafür nötig“, so der Fachmann.

Davon ist Rudolf Schaller weit entfernt. Dessen Betrieb sieht so aus: Landwirtschaftlich genutzte Fläche: rund 66 Hektar, davon 14 Hektar Grünland; dazu kommen zehn Hektar Wald und 0,2 Hektar Wasserfläche. Betrieben wird das alles mit einer Arbeitskraft. Schaller ist nicht nur an seinem Hof tätig. Er hat viele „Nebenjobs“, unter anderem beim Bauernverband, als Lohnunternehmer oder als Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft Kitzingen für Sonnenblumen. Schaller hat in der Landwirtschaft schon viel erlebt: Heftig haben den ehemaligen Bullenmäster die BSE-Krisen, die Zeit der Wiedervereinigung und der Ausverkauf der Rinderbestände getroffen. Als Konsequenz hat er 2002 die Bullenmast aufgegeben.

Da hatte er den Einstieg in die Wildhaltung längst hinter sich. Ab 1978 mit dem Beginn des Flurbereinigungsverfahrens in Haag begann die Gehegeplanung auf den Hangflächen rund um den Hof. Zaun, Unterstellhalle, Deckung, Tränke waren zu planen. 1982 wurde der erste Abschnitt gebaut. Zwei Jahre später auf zwei Hektar erweitert. 1985 bis 87 wurde die Gehegeanlage um weitere drei auf die heutigen fünf Hektar erweitert.

Parallel zum Bau hat sich Schaller durch die Mühlen der Bürokratie gekämpft. Anträge zur Genehmigung und die Lehrgänge für den Sachkundenachweis in Sachen Tierhaltung, Töten, Schießen und Waffen waren zu erledigen. Der Bau des Schlachthauses und die Einhaltung der immer schärfer werdenden Auflagen der Fleischhygieneverordnung haben Schaller gefordert. Inzwischen hat Schaller auch noch die Jägerprüfung gemacht. Heute hält Schaller sein Wild nach dem EU-Status „ähnlich dem freilebendes Wild“. „Aus meiner Sicht die beste Wildhaltungsform“, so Schaller. Das heißt: höchstens acht Alttiere pro Hektar, die Fläche muss die Tiere ernähren, keine Zufütterung zwischen Mai und Oktober und keine Medikamente.

Wenn dann eines der Tiere im Gatter geschossen wird, kommt ein Produkt heraus, von dessen Qualität Schaller und Thomann überzeugt sind. Das auch dem Verbraucher nahe zu bringen, ist die große Aufgabe. Die Vermarktung ist schwierig geworden und die Konkurrenz aus dem Ausland, das über die Hälfte des Wildfleisches liefert, ist ebenso groß wie der Preisdruck. „Die Supermärkte und Aldi & Co bestimmen auch bei uns den Preis.“ Einen Sonder-Bonus für besonders artgerechte Haltung oder Regionalität ist der Kunde nicht bereit zu zahlen, so die Erfahrung von Schaller. Der geht dennoch einen eigenen Weg bei der Vermarktung. Er verkauft einzelne Hirsche zwar auch als ganze Tiere. Der Großteil aber wird zerlegt, portioniert und wartet vakuumverpackt in drei Tiefkühltruhen auf die Kundschaft. Zu der zählt inzwischen vor allem auch die Gastronomie, aber auch der Verkauf direkt vom Hof ist möglich.

Weitere Informationen: Das Angebot des Schallerhofs gibt es auch im Internet unter www.schallerhof.de

Das Grüne Zentrum: Damwildhaltung im Land

Das Grüne Zentrum: 13 landwirtschaftliche Organisationen unter einem Dach – das ist das Grüne Zentrum in der Mainbernheimer Straße in Kitzingen.

Tierhaltung ist Teil des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen im Grünen Zentrum. Hier läuft die regionale Beratung für alle Fachbereiche der Tierhaltung zusammen.

Fachzentrum Kleintierhaltung: Das Amt ist als überregionales Fachzentrum für Kleintierhaltung zuständig für die Haltung von Geflügel sowie Schafen, Ziegen und Wild. Das Fachzentrum betreut die Landwirte in den Regierungsbezirken Mittelfranken, Oberfranken, Unterfranken und der Oberpfalz (Nordbayern). Ansprechpartner ist unter anderem Wolfgang Thomann. Wildhaltung: In Bayern gab es 2014 insgesamt 1550 landwirtschaftlich registrierte Betriebe mit landwirtschaftlicher Wildhaltung. In Unterfranken sind es 114 registrierte, insgesamt aber rund 200 Betriebe. Im Landkreis Kitzingen sind es derzeit 14 Wildgehege vor allem im und am Steigerwald. In den durchschnittlich 3,3 Hektar großen Gehegen werden durchschnittlich rund 28 erwachsene Tiere gehalten. Damwild macht in Unterfranken rund 90 Prozent aus, Rotwild ist mit zehn Prozent eher die Ausnahme.

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.