Fuß überfahren oder nicht überfahren? Diese Frage musste vor Gericht geklärt werden. Eine 53-jährige Kosmetikerin wurde wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Ihr Verteidiger traute dem Geschädigten bis zuletzt nicht.

Darstellung der Angeklagten


Anfang Juli 2011, nachmittags gegen halb drei: Die Angeklagte ist mit ihrem VW-Bus auf der Landstraße zwischen Sickershausen und Michelfeld unterwegs. Vor ihr fährt ein weißer VW-Crafter. Nach ihren Angaben nicht schneller als 55 km/h. Auf einer Strecke mit Tempolimit 100 km/h ist das der Fahrerin zu langsam. Sie setzt zum Überholen an, doch der Mann im Transporter scheint das Manöver nicht zulassen zu wollen. "Er fuhr mitten auf der Straße. Er wollte mich nicht überholen lassen", erklärte sie vor Gericht.
Erst als ein entgegenkommendes Auto auftaucht, zieht er nach rechts. Dann fährt er aber wieder sofort mittig. Die Angeklagte: "Ich kenne die Strecke. Es war überhaupt nicht gefährlich. Ich hatte freie Sicht." Eilig habe sie es nicht gehabt, antwortete sie auf die Frage des Richters. Sie war gerade auf dem Nachhauseweg vom Kaffee trinken bei ihrer Schwester.

Sie stellte sich quer


Kurz vor einer Kreuzung gelingt ihr doch noch ein Überholmanöver. Das Verhalten des Fahrers vor ihr wollte sie nicht auf sich sitzen lassen. "Ich wollte ihn zur Rede stellen." Um den Fahrer aufhalten zu können, muss sie allerdings selbst eine kleine Verkehrssünde begehen. An der Kreuzung umfährt sie eine Verkehrsinsel von links, um sich dann mit ihrem Bus quer zu stellen. Sie blockiert die Straße und kann den Transporter zum Halten zwingen.
Ihr Plan geht auf: Der Beifahrer steigt aus und bleibt vor ihrem Fenster stehen. Sie fordert eine Erklärung. "Was willsten' du, Alte?", soll er sie angemotzt haben. "Er sah aggressiv aus und fing sofort an loszubrüllen. Ständig fuchtelte er mir im Gesicht rum", beschrieb sie die Situation. Ihre Beifahrerin wird daraufhin panisch: "Die sind zu dritt. Der will uns bestimmt was! Fahr los, fahr los!", schrie sie. Die Angeklagte preschte los. Dass sie ihm dabei über den Fuß gefahren und er zu Boden gegangen sein soll, habe die Angeklagte nicht gemerkt. "Wir hatten einfach nur Angst. Ich bin losgefahren und hab' nicht mehr zurückgeschaut. Mit Absicht würde ich nie jemanden verletzen", versicherte sie. Unerwähnt ließ sie, dass der Geschädigte noch vorher die Polizei verständigen wollte.

Darstellung des Geschädigten


Die Version des 43-jährigen Geschädigten klang etwas anders.
An dem Tag hilft er beim Umzug eines Freundes mit. Zu dritt transportieren sie die letzte Fuhre. Er sitzt auf dem äußersten rechten Sitz der Dreierbank. Der gemietete Transporter ist vollgeladen. "Wir haben uns unterhalten. Wir haben nicht mitbekommen, dass ein Auto uns überholen wollte. Dass der Fahrer mit voller Ladung langsamer fährt, versteht sich von selbst."
"Wild gestikulierend" sei die Frau an dem Transporter vorbeigefahren. Die Männer können die Aufregung nicht verstehen. "Wir dachten, wir hätten was aus dem Auto verloren", erzählte der Geschädigte.
Hinten war nichts also läuft er zur Angeklagten vor. Er will wissen, wo das Problem liege, doch merkt bald, dass sie kein vernünftiges Gespräch führen können. Also fragt er: "Sollen wir die Polizei hinzuziehen?" "Ja, aber sofort!", soll sie geantwortet haben. Die Angeklagte hat es aber ziemlich eilig. Kaum ruft er seinem Bekannten zu, er solle die Polizei rufen, legt sie den Gang ein und verschwindet.
Was in diesen Sekunden passierte, konnte der Geschädigte selbst nicht mehr genau nachvollziehen. "Ich weiß nur noch, dass ich Schmerzen am rechten Fuß hatte." Mit dem Krankenwagen ging es in die Klinik. Kleine Abschürfungen und Quetschungen müssen behandelt werden.

Der hartnäckige Verteidiger


Der Verteidiger wollte es jedoch genauer wissen: "Was wiegt so ein Bus? Zwei, drei Tonnen", mutmaßte er. Die Verletzung des Geschädigten schien ihm viel zu gering. Er formulierte direkter: "Haben Sie sich die Verletzung beim Umzug selbst hinzugezogen?"
Der Verteidiger ließ nicht locker und setzte den Geschädigten weiter unter Druck: In welcher Position hätte seine Mandantin stehen, wie hätte sie lenken müssen ? Wo und wie hätte der Geschädigte stehen müssen, um überfahren werden zu können? Warum hatte er keine größeren Verletzungen? Man könnte ja einen Gutachter zu Rate ziehen, schlug der Anwalt vor. Der Geschädigte entgegnete wohlwollend: "Wir können das Szenario durchspielen. Dann muss aber ihr Fuß dran glauben." Das Rätsel blieb ungelöst.

Aussage mit Zwischenruf


Blieb noch die Aussage des Fahrers: "Die Straße war sehr uneben und mit einem schweren Auto nicht leicht befahrbar", erzählte er vor Gericht. Zufrieden über den vollendeten Umzug, konnte er gar nicht begreifen, wie der Tag so enden konnte: "Ich war so perplex. Auf einmal sah ich ihn da liegen."
Angehörige der Angeklagten waren sichtlich aufgebracht über den Verlauf der Verhandlung. Einer Zuhörerin platzte der Kragen: "Dann soll er doch mal in den Seitenspiegel schauen!" Richter Betz stellte umgehend klar, dass es ihr nicht gestattet sei reinzurufen. "Besonders neutral sind sie nicht", fügte er hinzu und wies auf den Verhandlungsgegenstand - fahrlässige Körperverletzung.

Schnelles Ende


Nach einer kurzen Unterbrechung, fand die Verhandlung einen schnellen Abschluss. Die Beteiligten einigten sich, das Verfahren vorläufig gegen eine Auflage von 1500 Euro einzustellen, die an den Bund gegen Alkohol und Drogen am Steuer (BADS) zu zahlen ist.