Sie lassen keinen Zweifel an ihrer Verwunderung. Und an ihrer Verärgerung. Mehr als zwei Jahre lang haben die Planer unter Mitwirkung der Stadt und der hiesigen Händler am Kitzinger Einzelhandelskonzept gefeilt. Und jetzt könnte es keine Mehrheit im Stadtrat finden. Die Einzelhändler sind genau so entsetzt wie der Geschäftsführer des unterfränkischen Einzelhandelverbandes Volker Wedde und Andreas Schuder vom Planungsbüro Stadt und Handel.

Seit 18 Jahren ist Gerald Zörner Einzelhändler in Kitzingen. Er mag die Stadt und er sieht ihre Potenziale. Was ihm und den meisten seiner Kollegen fehlt, ist eine Planungssicherheit. "Und dafür brauchen wir unbedingt den Schutz der Stadt." Zörner verdeutlich die Problematik an einem einfachen Beispiel: "Wer eröffnet in der Innenstadt ein kleines, aber feines Geschäft, wenn er befürchten muss, dass kurz darauf eine 2000 Quadratmeter große Konkurrenz auf der Grünen Wiese entsteht?", fragt er. Die Antwort kann er sich sparen. So wie sich potenzielle Investoren für kleine Geschäfte in der Innenstadt den Gang nach Kitzingen sparen können.

Ende 2009 hat der Stadtrat das Büro Stadt und Handel damit beauftragt, das Einzelhandelskonzept zu erstellen. Beinahe drei Jahre später ist dessen Mitarbeiter Andreas Schuder von der Entscheidung im Finanzausschuss - 5:7 gegen das Konzept - überrascht. "Wenn der Stadtrat nicht bereit ist, Richtlinien zur Einzelhandelssteuerung in Kitzingen vorzugeben, wird kein Investor wissen, wie es in Kitzingen um die Investitionssicherheit im Einzelhandel bestellt ist", betont er und zieht einen gewagten Vergleich: "In Griechenland will derzeit auch niemand investieren."
"Solange der Stadtrat seine Entscheidungen nicht auf Grund eines Regelwerkes trifft, sondern aus individuellen Überlegungen heraus, muss er sich den Vorwurf der Willkür gefallen lassen", heißt es in einem Papier, das Kitzinger Einzelhändler in dieser Woche gefertigt haben. Die Händler werfen dem Stadtrat vor, in den letzten zehn Jahren durch Einzelentscheidungen immer wieder Kaufkraft und Arbeitsplätze aus der Innenstadt nach außen abgezogen zu haben. Resultat: Kitzingen hat mehr als doppelt so viel Verkaufsfläche pro Einwohner wie der Bundesdurchschnitt. "Ist es da ein Wunder, dass bei uns auch mehr Geschäfte leer stehen als anderswo?", fragen Zörner und seine Kollegen.

Gewinnmarge wird kleiner

Immer wieder würden Entscheidungen des Gremiums dazu beitragen, dass die Umsätze sinken. Beispiele: Der Abbruch der Verbindung zum Eselsberg, die Schließung der Zufahrt durch die Würzburger Straße, die Schließung der Alten Mainbrücke für den Autoverkehr: Immer sind es nur ein paar Prozent Kunden, die den Einzelhändlern fehlen. Aber das mache sich bemerkbar.

Der durchschnittliche Gewinn des Textilhandels lag 2010 bei 3,3 Prozent des Umsatzes, melden die Händler. Der Durchschnitt des typischen Innenstadtmixes hat nach ihren Angaben weniger als drei Prozent Gewinn. Zahlen, die der Geschäftsführer des Stadtmarketingvereins, Thomas Most, gar nicht glauben mag. "Weniger als drei Prozent Gewinn. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Viele Leute glauben ja immer noch, dass jemand, der selbstständig ist, automatisch mehr Geld hat."

Geld hat auch das Einzelhandelskonzept gekostet. 30.000 Euro sind dafür angefallen. "Und jetzt soll es abgelehnt werden?", fragen die Händler in ihrem Positionspapier. "Weil man sich nicht festlegen will? Weil man sich alle Möglichkeiten offen halten will?" Tatsächlich hatten einzelne Stadträte im Finanzausschuss in diese Richtung argumentiert. Wenn ein großer Investor bei der Stadt anfragt und einen Markt auf der so genannten Grünen Wiese plant, dann würde das Konzept schnell in der Schublade verschwinden, meinten beispielsweise Wolfgang Popp (KIK) und Franz Böhm (ProKt). Auch wenn die Sortimente laut Konzept eigentlich nur für die Innenstadt vorgesehen sind.

Dass sich größere Märkte bei einer Ablehnung in Kitzingen in den Umlandgemeinden ansiedeln, wollen die Einzelhändler als Argument nicht gelten lassen. "Damit wird regelmäßig versucht, Fehlentscheidungen zu rechtfertigen", heißt es in ihrem Papier. Die Innenstadt werde trotzdem geschwächt und somit aufgegeben.

Das Schubladenprinzip wird in Kitzingen schon viel zu lange angewendet, meint Einzelhändler Zörner und fordert die Stadt auf, endlich Rückgrat zu beweisen. "Die Stadt muss dahinter stehen, dass manche Sortimente nur in der Innenstadt zugelassen sind." Wenn die Innenstadt tatsächlich gestärkt werden soll, dann müsse die Politik dafür auch die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. "Leute, die sich entscheiden sollen, in der Innenstadt ein Geschäft zu betreiben, müssen auch die Möglichkeit haben, davon leben zu können", sagt er.

Auch Volker Wedde, Bezirksgeschäftsführer des Handelsverbandes, fordert den Kitzinger Stadtrat auf, das Konzept zu akzeptieren und politisch umzusetzen. "Anderenfalls wäre die Investition in das Gutachten nutzlos gewesen."
Zörner wünscht sich, dass am Donnerstag Abend viele Einzelhandelskollegen die Diskussion im Stadtrat verfolgen. Und dass die Räte eine andere Entscheidung als die Finanzausschussmitglieder treffen. Schließlich müssten auch sie daran interessiert sein, dass die Innenstadt lebendig bleibt. "Und das kann sie nur, wenn es eine Vielfalt an Geschäften gibt."