SEGNITZ

Glücksbringer und Seelentröster

Der 31. Dezember 2013 ist im Kalender von Franz Weiglein aus Segnitz rot markiert. Der 31. Dezember war Weigleins letzter Arbeitstag – nach 48 Jahren im Beruf als Kaminkehrer. Eine Lebensarbeitszeit, die wohl nur die wenigsten Menschen heute noch erreichen und das verblüffendste: Der Bezirkskaminkehrermeister ist gerade mal 62 Jahre alt.
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Abschied nach gut 48 Jahren: Kaminkehrer Franz Weiglein aus Segnitz ist zum Jahresende in den Ruhestand gegangen. Die glänzenden Knöpfe an seiner Berufskleidung fehlen schon: Die haben Kunden als Glücksbringer abgerissen. Foto: Foto: Robert Haass

Der 31. Dezember 2013 ist im Kalender von Franz Weiglein aus Segnitz rot markiert. Der 31. Dezember war Weigleins letzter Arbeitstag – nach 48 Jahren im Beruf als Kaminkehrer. Eine Lebensarbeitszeit, die wohl nur die wenigsten Menschen heute noch erreichen und das verblüffendste: Der Bezirkskaminkehrermeister ist gerade mal 62 Jahre alt.

„Ich war immer einer der Jüngsten“, sagt Weiglein rückblickend. Denn im August 1951 geboren, war er noch keine 14 Jahre alt, als er bei Michael Mark in Ochsenfurt eine Lehre als Kaminkehrer begann, drei Jahre später die Gesellenprüfung ablegte und 1972, gerade mal 21 Jahre alt, Meister im Kaminkehrerhandwerk wurde. Schon während der Ausbildung – der einzige Geselle im Betrieb wurde zur Bundeswehr eingezogen – lernte der Auszubildende, Planungen und alle anfallenden Arbeiten in Eigenregie auszuführen. Mit der Rückkehr des Gesellen kam das Aus im Ochsenfurter Betrieb und Weiglein wechselte nach Arnstein, wo er nicht nur 15 Jahre arbeitete, sondern auch heiratete.

Als Ende 1985 der Kehrbezirk Kitzingen 4 (Marktbreit) frei wurde, bewarb sich Franz Weiglein zurück in die Heimat und wurde als Bezirkskaminkehrermeister bestellt.

Früher ging es mehr aufs Dach

Ja, so sagte er 27 Jahre später, auch in seinem Beruf habe sich im Laufe der Jahre viel verändert. Früher ging es viel mehr aufs Dach, bis zu acht mal jährlich wurde, je nach Häufigkeit der Nutzung, ein Kamin gekehrt. Heute, mit dem Wegfall etwa der Küchenherde, die auch im Sommer geschürt wurden, sind es drei Mal und weniger.

Und auch körperlich war es in den Anfangsjahren anstrengender. Da gab es die bis zu 20 Meter hohen Schornsteine in Brauereien und anderen Betrieben, die nicht von außen gereinigt werden konnten. Da galt es innen von unten nach oben zu steigen, den Reisigbesen voraus, immer im Kreis gedreht und die Wände von Ruß befreit. Oft hatte sich dann am Boden des Schlotes so viel Ruß angesammelt, dass die Kaminkehrer erst nach dem Ausgang suchen mussten.

„Gunstarbeiten“ ist ein Bereich der Arbeit der Kaminkehrer, die es heute auch kaum noch gib: Da wurden Öfen, Feuerstätten und Ofenrohre sauber gemacht, da gab es in Brauereien auch schon mal einen Sudkessel, eine Darre, die vom Kaminkehrer gereinigt wurde.

Vom Dach gefallen ist Weiglein nie. Aber Sprossen von alten Holzleitern, die sind schon mal gebrochen. Und einmal war es echt knapp, als in einer Gärtnerei in Hüttenheim der Sicherungsbügel eines Kamins nicht hielt und Weiglein aufs Gewächshaus fiel. Zum Glück hielt das Glasdach und bis auf einen angebrochenen Fuß und Prellungen war nichts weiter passiert.

Vertrauenspersonen waren Kaminkehrer immer gewesen, manchmal fast schon Seelsorger, Tröster und auch Beschwichtiger. Und einmal sogar Lebensretter. Mehrmals hatte er bereits in einem Dezember bei einer älteren Frau geklingelt, trotz Licht öffnete niemand. Mit Hilfe der Hausbesitzerin gelangte er in die Wohnung und fand dort die Bewohnerin, hilflos auf dem Boden, ausgekühlt, aber lebend. Nach einigen Tagen im Krankenhaus war dann alles wieder in Ordnung.

Nach gut 48 Jahren im Beruf hat Franz Weiglein keine Angst vor dem Ruhestand: Zu viel ist in den vergangenen Jahren an Arbeit rund ums Haus liegen geblieben. Und auch die Hobbys warten: Da gibt es den Fotoapparat, die Videokamera und – wenn viel Zeit ist – auch noch das Sockenstricken.

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