KITZINGEN

Gibt es Verbrechen des Pflegers in Franken?

Bei fünf alten Menschen in Unterfranken arbeitete der unter Mordverdacht geratene Pfleger Stanislaw W. Die Polizei prüft, ob er auch in der Region geraubt und gemordet hat.
Artikel drucken Artikel einbetten
Der Hilfspfleger unter Mordverdacht soll auch für den Tod eines Mannes aus Kitzingen verantwortlich sein. Foto: Polizei München
+1 Bild

Der unter Mordverdacht geratene Hilfspfleger Stanislaw W. (36) hat an mindestens fünf Arbeitsplätzen in Unterfranken alte Menschen gepflegt. Der Mann soll aus Habgier mehrere ihm anvertraute Senioren bestohlen und mindestens zwei getötet haben – darunter im Januar einen 84-Jährigen im Landkreis Kitzingen.

57 Arbeitsplätze sind bekannt

Die Polizei hat inzwischen neben diesen Fällen vier weitere Arbeitsplätze des Mannes in Unterfranken und weitere sechs in Mittelfranken im Blick. Dies bestätigte ein Pressesprecher in München auf Anfrage. Diese sind auf einer von der Polizei veröffentlichten Deutschlandkarte mit insgesamt 57 Orten zu sehen, an denen er gearbeitet haben soll.

Einstichstellen festgestellt

Nach dem Tod eines 87-jährigen Pflegebedürftigen in Ottobrunn bei München hatten Rechtsmediziner im Februar Einstichstellen wie von Injektionen gefunden, außerdem einen extrem niedrigen Blutzuckerwert. Dabei sei der 87-Jährige gar kein Diabetiker gewesen, erklärte Josef Wimmer, Chef der Münchner Mordkommission. Der festgenommene W. habe bei der Befragung zugeben, dem Pflegebedürftigen Insulin gespritzt und dem alten Mann sein Geld und die EC-Karten gestohlen zu haben, sagt Wimmer. Doch seit er in Haft sitze, schweige der 36-Jährige.

Die Polizei nahm schließlich weitere Arbeitsplätze des Kurzzeitpflegers unter die Lupe. Dabei fiel unter anderem der vier Wochen zuvor gestorbene Mann aus Kitzingen auf. Der 84-Jährige aus dem Landkreis Kitzingen war – wie es in seiner Todesanzeige hieß – „nach einem Leben voller Tatkraft und Fürsorge“ gestorben.

Zweiter Todesfall in Kitzingen

Er wurde am 20. Januar in seinem Heimatort bestattet. Doch dann konkretisierte sich der Verdacht auf eine unnatürliche Todesursache. Die Mordermittler beschlossen schließlich, auch diesen Mann exhumieren und von der Rechtsmedizin untersuchen zu lassen. „Die Nachricht, dass die Kripo auf dem Friedhof ist, ging wie ein Lauffeuer durch den Ort,“ bestätigt ein Mitbürger. Seit Tagen sei darüber geredet worden, welcher Verdacht dahinter steckt.

Auch bei der Leiche aus dem Kreis Kitzingen wurden „Auffälligkeiten“ festgestellt, die einen dringenden Tatverdacht begründeten, sagt Wimmer. Eine natürliche Todesursache könne ausgeschlossen werden. In mindestens vier weiteren Fällen in Deutschland kamen Pflegebedürftige ins Krankenhaus, während sie von dem Pfleger betreut wurden. Das Auffallende: Bei allen seien nicht erklärbare, extrem niedrige Blutzuckerwerte festgestellt worden. Dabei hatte keiner von ihnen Diabetes.

In ganz Franken tätig

Der Pfleger wird in 15 Fällen des Diebstahls beschuldigt. Er soll Geld, Eheringe und Essen gestohlen haben. Die Polizei bittet die Öffentlichkeit weiter um Informationen, wo er noch tätig gewesen sein könnte. Bislang gibt es Hinweise auf weitere Pflegestellen des 36-Jährigen zwischen Kitzingen und Würzburg, westlich von Würzburg an der Grenze zu Baden-Württemberg sowie auf zwei weitere im Landkreis Rhön-Grabfeld. Das bestätigte ein Sprecher des Polizeipräsidiums München am Mittwoch. Nähere Informationen zu den Orten machte er wegen der laufenden Ermittlungen jedoch nicht.

Der Pole war eine ungelernte Pflegehilfskraft und ab 2008 im Ausland aktiv. Nach Informationen der Polizei und der Staatsanwaltschaft München I kam der Kontakt zu Pflegebedürftigen und ihren Familien über Vermittlungsagenturen zustande.

Verträge vorzeitig beendet

Der kräftige Mann konnte schwere Personen gut heben – wohl ein Grund dafür, dass er gerne gebucht wurde. Kam ein Vertrag zustande, zog er bei den Patienten zur 24-Stunden-Pflege ein. Viele Verträge seien aber vorzeitig beendet worden, weiß die Mordkommission inzwischen aus betroffenen Familien: Der Mann habe lustlos gewirkt, mitunter aggressiv, so beschrieben Familien den 36-Jährigen. Dass bereits früher gegen ihn mehrfach ermittelt wurde – auch wegen gefährlicher Körperverletzung eines Pflegebedürftigen – wurde nicht bekannt.

Nicht näher nachgeforscht

Peinlich ist der Fall schon jetzt für die Polizei in Essen: Dort keimte – wie jetzt bekannt wurde – bereits vor einem Dreivierteljahr der Verdacht auf ähnliche Vorgänge. Nach Angaben von Zeitungen aus dem Ruhrgebiet hatte eine Frau den Hilfspfleger angezeigt weil sie glaubte, er habe ihrem dementen Vater falsche Medikamente verabreicht.

Bei dem noch lebenden Patienten wurde eine Unterzuckerung festgestellt, die auf die Verabreichung von Insulin zurückzuführen sein könnte. Zu einer weiteren Strafverfolgung oder Festnahme des 36-jährigen Hilfspflegers kam es aber nicht mehr, der Patient starb im Juli aufgrund einer natürlichen Todesursache. Der Beschuldigte, der bereits in Polen in Haft gesessen hatte, wurde weder vernommen noch festgenommen. Die Beamten holten keine Erkundigungen über den Tatverdächtigen in anderen Bundesländern ein und fragten auch nicht bei ihren Kollegen in Polen nach, bei denen W. längst aktenkundig war.

Drei Beamte suspendiert

Dank dieser Schlamperei konnte der 36-Jährige weiter ungestört in der ganzen Bundesrepublik als Hilfspfleger arbeiten. Die Polizei in Essen räumte jetzt Fehler ein. Drei Beamte wurden suspendiert und zwei weitere versetzt. „Vor dem Hintergrund der schrecklichen Taten beschäftigt mich die Frage, ob weitere Verbrechen hätten verhindert werden können, wenn die Ermittlungsarbeit konsequenter durchgeführt worden wäre“, sagte Essens Polizeipräsident Frank Richter. „Ich kann diese Frage nicht beantworten.“

Infos bei Aktenzeichen XY?

Auf weitere Informationen hoffen die Ermittler am diesem Mittwochabend. Der Fall wird um 20.15 Uhr Thema in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst” sein.

Verwandte Artikel

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.