KITZINGEN

Getrübter Blick aufs Angler-Glück

Nach Feiern ist ihm eigentlich nicht zumute. Dabei hätte 2013 so ein schönes Jahr werden können für den Sportanglerverein Kitzingen: 1938 gegründet, steht heuer das große Jubiläum ins Haus. Aber das Fest wird ins Wasser fallen - in die aufgewühlten Fluten des Mainsondheimer Sees.
Artikel drucken Artikel einbetten
Zwischen Entspannung und Entsetzen: Peter Steinmüller blickt auf den See hinaus, der gerade verfüllt wird. Foto: Fotos: Julia Riegler
+3 Bilder

Nach Feiern ist ihm eigentlich nicht zumute. Dabei hätte 2013 so ein schönes Jahr werden können für den Sportanglerverein Kitzingen: 1938 gegründet, steht heuer das große Jubiläum ins Haus. Aber das Fest wird ins Wasser fallen - in die aufgewühlten Fluten des Mainsondheimer Sees.

Aufgewühlt ist auch Peter Steinmüller. Seit 1999 ist er Vorsitzender der Kitzinger Sportangler, und derzeit macht er mit ihnen die größte Krise in der Geschichte durch. Weil es in Kitzingen an Angelgewässern mangelte, pachtete der Traditionsverein bereits ein Jahr nach seiner Gründung den „Alten Main“ und das „Kreuzloch“ in Mainsondheim, 1964 dann den damaligen Baggersee mit neun Hektar. Heute läuft der Verein Gefahr, sich irgendwann auflösen zu müssen - weil seine Mitglieder im Mainsondheimer See kaum mehr angeln können.

Zugegeben, das ist eine pessimistische Zukunftsvision. Aber Peter Steinmüller hat auch allen Grund, pessimistisch zu sein. Gerade, als er seinen Kofferraum öffnet, um die vielteilige Anglerausrüstung aus dem Auto zu holen, schwenkt sein Blick auf den See - und sämtliche Farbe weicht aus seinem Gesicht. Auf der Wasseroberfläche schwimmen bräunliche Schaumkronen wie Eisschollen über das Gewässer, und mittendrin zwei schwere Frachter, von denen aus ein Bagger ununterbrochen Sand, Kies und Steingut in den See schaufelt. „Der See wird seit einiger Zeit verfüllt“, erklärt der Schwarzacher. „Aber so hat er bisher noch nie ausgesehen.“ Woraus der Schaum besteht, kann er nicht genau definieren - wirklich gesund wirkte das Ganze aber nicht.

See und Verein in Gefahr

Die tierischen Bewohner wie Enten und Schwäne stören sich zwar nicht an dem Schaum, dafür aber am Krach. Sie suchen das Weite. Täglich von den frühen Morgen- bis in die späten Abendstunden tuckern etliche Schiffe durch den See. Sie bringen Material, das während des Mainausbaus anfällt, und schütten es in den Mainsondheimer See, immer in den gleichen Bereich. Bis er dort nur noch sehr flach und damit für Fische nicht bewohnbar ist. Dieser Bereich liegt inmitten des Sees, der quasi in vier Teile aufgeteilt ist - zumindest, wenn es um Flurnummern geht. Und dieser Mittelteil soll nun quasi zur Feuchtwiese werden. Für Peter Steinmüller und die Kitzinger Angler ein Unding.

„Nicht nur wir, auch die Fischereifachbehörde Unterfrankens befürchtet das Umkippen des Oberen Sees, wenn der Untere See abgetrennt wird“, erklärt Steinmüller. Schließlich werde dem Wasser vor allem durch die Bewegung durch den Wind Sauerstoff zugeführt. Die setzt sich aber nicht bis zum Oberen See fort, wenn das Wasser im Mittelteil so flach ist. Die Bepflanzung auf der Wetterseite lässt ebenfalls wenig Bewegung zu. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der sogenannte Schlosssee unter akutem Sauerstoffmangel leide. Dann gibt es dort keine Fische mehr - und irgendwann auch keine Angler. Dafür jede Menge Schnaken, die nachweislich auch Krankheiten wie FSME und Borreliose übertragen können.

„Unsere Existenz ist bedroht“, erklärt der Vorsitzende - und das ausgerechnet im Jubiläumsjahr. „Auf eine großes Feier verzichten wir demonstrativ, um nach außen hin zu zeigen, dass es nichts zu feiern gibt, wenn unser über lange Zeit gehegtes und gepflegtes Kleinod zur Gewinnerzielung Einzelner zerstört wird.“

Die Besitzer sind die Stadt Dettelbach und zwei Privatleute. Sie bekommen Geld dafür, dass das Material aus dem Main in den Mainsondheimer See gefüllt werden darf. „Jeder muss Geld verdienen, das verstehe ich ja“, sagt Peter Steinmüller. Und er hat auch eine Lösung parat, die alle Beteiligten zufriedenstellen könnte - daran, dass sie noch irgendwann in die Tat umgesetzt wird, glaubt er aber inzwischen nicht mehr. Dabei hätte die Feuchtwiese einfach nur einige Meter weiter in Richtung Mainzufluss angelegt werden müssen, und das Problem mit der Sauerstoffzufuhr am Oberen See hätte sich quasi erledigt.

Die Besitzer mit der Stadt Dettelbach als Sprecherin wurden in diese Richtung aber noch nicht aktiv, obwohl Peter Steinmüller sie - und auch sämtliche Behörden - seit vielen Jahren schon darauf hinweist. Am 4. Januar 2001 erhielt der Sportanglerverein erstmals eine Nachricht, dass der Bereich des Sees mit der Flurnummer 108 zur Nasswiese verfüllt werden soll - seitdem ficht Peter Steinmüller einen Kampf gegen Windmühlen aus, wie er selbst sagt.

Ihm und seinen Vereinskollegen geht es schließlich nicht nur ums Angeln allein, sondern um das Idyll, das auf kurz oder lang zerstört wird. Immer wieder sammeln sie Müll ein, den Badegäste hinterlassen, oder schneiden - in enger Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde - Bäume zurück. Im Hinblick auf den Eingriff in die natürliche Umgebung des Sees, die durch die Verfüllung derzeit geschieht, hat sich allerdings noch kein Natur- oder Tierschützer stark gemacht. „Die Tiere unter Wasser sind scheinbar nicht so wichtig“, sagt Peter Steinmüller leicht resigniert.

Das Fangen eines Fisches ist es nämlich nicht allein, was die Angler glücklich macht. „Angeln ist die Vereinigung von Ausdauer, Glück, Können, Wissen und Arbeit. Es bringt uns inneren Ausgleich und Ruhe, essbare Delikatessen, Kameradschaft und Erholung in der freien Natur“, versucht er eine Definition. Den Vereinstitel „Sportangler“ hält er für leicht veraltet. Sein Ziel sei es nicht, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Fische zu fangen - da gibt es schließlich auch genaue Vorgaben, angefangen bei der Schonzeit bis hin zur Mindestgröße.

Sollte die Verfüllung aber im geplanten Maß fortgesetzt werden, würde das Angeln am Mainsondheimer See speziell an den flacheren Uferstellen zur echten Quälerei für die Tiere. „Wenn sich eine Angelschnur in einem der Felsen verhängt, bleibt nichts anderes übrig, als sie abzureißen - auch wenn ein Fisch angebissen hat oder vielleicht noch anbeißt. Der schwimmt fortan mit dem Haken im Maul und der Schnur hintendran durch das Gewässer.“

Zudem werden die Fische, die anbeißen, beim Einholen durch das flache Wasser in Richtung Ufer gezogen und dabei ihre Schleimhaut und die Schuppen zerstört. Ist der Fisch dann zu klein, müsste er eigentlich wieder zurückgesetzt werden - ist aber wahrscheinlich schon so schwer verletzt, dass er elendig verenden würde.

Gesunder Verein

Peter Steinmüller hofft darauf, dass die Besitzer und die Behörden, vielleicht aber auch die Mainsondheimer selbst, doch noch aktiv werden, um den See in möglichst natürlicher Art zu erhalten. Schließlich ist der See und seinen Umgebung eine Oase für Mensch und Tier. Er und seine Vereinsmitglieder würden alles dafür tun, um dies zu bewerkstelligen. Schließlich geht es auch um ihren Verein.

Der ist eigentlich sehr gesund, zählt 356 Mitglieder und bietet zum Beispiel auch für die Jugend ein breites Programm - vom Anfängerkurs bis hin zum Jugendaustausch mit befreundeten Anglervereinen in ganz Deutschland.

Peter Steinmüller geht es die Situation sichtlich nahe. Irgendwie passt es dann auch dazu, dass an diesem Abend kein Fisch anbeißen will - trotz High-Tech-Ausstattung und feinster Köder, inklusive Pflaumen-Topping.

Immerhin hat sich bei Einbruch der Dunkelheit der Schaum wieder ein bisschen verzogen, die Arbeiter auf den Frachtern stellen so langsam ihre Bemühungen ein und Schwan und Ente kehren auf den See zurück. An den Ufern werden die kleinen Fische aktiv und locken die größeren Raubfische an - immer wieder raschelt es im Schilf, die Wasseroberfläche kräuselt sich und die Grillen beginnen zu zirpen. Ein echtes Idyll - das die Kitzinger Sportangler in ihrem Jubiläumsjahr und noch lange darüber hinaus unbedingt erhalten wollen.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren