Kitzingen
Internet

Gemeinsam sicher durchs Netz

Viele Jugendliche sind beim Umgang mit Medien und Internet zu naiv, sagt Dr. Roland Baumann. Doch statt auf Verbote sollten Eltern auf Regeln setzen. In einem Vortrag in Kitzingen gab der medienpädagogisch-informationstechnische Berater Erwachsenen und Jugendlichen Tipps.
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Mit Medien durch den Tag: Jugendliche surfen, schreiben Nachrichten, spielen, schauen Fernsehen. Dabei sind sie meist viel zu naiv, was die Gefahren und den eigenen Schutz angeht. Foto: Daniela Röllinger
Mit Medien durch den Tag: Jugendliche surfen, schreiben Nachrichten, spielen, schauen Fernsehen. Dabei sind sie meist viel zu naiv, was die Gefahren und den eigenen Schutz angeht. Foto: Daniela Röllinger
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Die Erwachsenen wühlen in den Taschen, holen ihre Smartphones heraus. Drei, vier Mal die Oberfläche berührt, dann steht die Zahl da, um die es Dr. Roland Baumann geht. Wie viele Nachrichten haben die Mütter und Väter der Realschüler schon über WhatsApp empfangen und gesendet? Ist die Zahl vier- oder gar fünfstellig? Es sind nicht wenige Hände, die da in die Höhe gehen. Und es wird nicht die einzige Situation an diesem Abend sein, die zeigt, dass sich Erwachsene in ihrem Medienverhalten gar nicht so sehr unterscheiden von ihren Kindern.

Verständnis - Verantwortung - Kompetenz. Das waren die Schlagworte, auf die Dr. Roland Baumann seinen Vortrag beim Elternabend der Richard-Rother-Realschule aufgebaut hatte. Die Schule hatte den Safer Internet Day zum Anlass genommen, nicht nur die Schüler, sondern auch die Eltern für den richtigen Umgang mit Medien zu sensibilisieren. Doch genau das ist die entscheidende Frage: Wie sieht er aus, der richtige Umgang?

Dr. Roland Baumann ist MIB: Medienpädagogisch-informationstechnischer Berater für die Gymnasien in Unterfranken. Als Lehrer und Vater zweier Töchter ist er nah am Thema und kennt die Situation, in der sich die Eltern befinden. Sie sind unsicher, was sie ihren Kindern erlauben und verbieten sollen, ob sie sich überhaupt einmischen sollen, wann sie einschreiten müssen.


Was leben die Eltern vor?


Ziel muss es laut Baumann sein, die jungen Leute zu befähigen, selbstbewusst und verantwortungsvoll mit den Medien umzugehen, diese zu nutzen und zu gestalten. Wie in allen anderen Bereichen der Erziehung spielt eine wichtige Rolle, was Erwachsene und Geschwister den Kindern vorleben. "Beleuchten Sie mal Ihre eigene Medienrealität, denken Sie an Ihre Jugendsünden zurück", riet der Referent. "Wir sind alle auch schon Medienkinder."

Kinder seien "digital natives", in dieses System hineingeboren, Erwachsenen "digital immigrants", so Baumann. "Wir Erwachsenen lesen erst die Anleitung der neuen Waschmaschine. Ihr Jugendlichen schaltet sie einfach ein." Wenn etwas nicht funktioniere, werde im Internet nach Videos gesucht, die das Problem lösen. Doch Jugendliche seien zu naiv hinsichtlich eines verantwortungsbewussten Umgangs mit den Medien.

"Man kann alles sperren, verbieten oder den Nutzen einschränken", sagte Dr. Baumann. "Aber die Jugendlichen umgehen diese Verbote." Die Stiftung Medienpädagogik Bayern plädiert für einen anderen Weg: die Medienkompetenz zu fördern. "Das ist eine Gemeinschaftsanstrengung. Das kann keiner alleine, auch nicht die Schule oder die Polizei."

Um dieses Ziel zu erreichen, sollten Eltern gemeinsam mit ihren Kindern Regeln ausarbeiten und die Mediennutzung gemeinsam reflektieren. Da geht es darum, Nutzungszeiten festzulegen, keinen Fernseher im Zimmer von unter 16-Jährigen aufzustellen, mobile Geräte abends wegzuräumen und erst am nächsten Morgen wieder hervorzuholen, um Datenhygiene beim Schreiben von Nachrichten und einiges mehr. Baumann hält auch nicht für sinnvoll, das Spielen ganz zu verbieten. "Wenn das Leben normal läuft, hat das digitale Spiel auch ein bisschen Platz." Verändern sich die Kinder oder ihr Freundeskreis aber, spielen andere Themen keine Rolle mehr, werden die schulischen Leistungen schlechter, wird es problematisch. Zudem sei es wichtig, Altersbeschränkungen zu beachten. "Bleiben Sie standhaft", riet er den Eltern, "die Beschränkungen sind nicht umsonst gemacht."


"Der Schaden, der durch Sexting verursacht werden kann, ist immens."


Zwölf- bis 19-Jährige nutzen täglich das Internet, das Handy, den Fernseher - um unterhalten zu werden, um zu kommunizieren, um sich zu orientieren und um sich selbst darzustellen, so Baumann. Er verglich die WhatsApp-Gruppe mit der Gruppe, die früher auf dem Pausenhof zusammenstand. "Da war auch wichtig, ob man dabeistand oder nicht." Wenn eine Klasse sich zu solch einer Gruppe zusammenschließe, sollten die Jugendlichen dafür Regeln vereinbaren: Keiner wird ausgeschlossen und es wird niemand gemobbt. Zudem sei es wichtig, bei der WhatsApp-Nutzung Kamera und Mikrophon zu deaktivieren. Überhaupt nicht bewusst war vielen Erwachsenen und Jugendlichen, dass die Nutzung von WhatsApp erst ab 16 Jahren erlaubt ist.

Dürfen Eltern die Handys der Kinder kontrollieren? Die Meinungen der Erwachsenen gingen auseinander. Das ist Privatsphäre der Kinder, so wie ein Tagebuch, fanden die einen. Die anderen hielten es für wichtig zu wissen, womit sich das Kind beschäftigt, welche Kontakte es pflegt - als Teil der Verantwortung, die man als Erziehungsberechtigter für sein Kind hat. Dass es für beide Seiten gute Gründe gibt, wurde daran deutlich, dass der Referent selbst für beide Standpunkte die Hand hob. Weil es bei manchen Themen eben doch angebracht sein kann, gemeinsam mit dem Kind anzuschauen, was es so mit dem Handy treibt.

Als besonders kritischen Punkt sprach der Medienexperte das Sexting an, das Verschicken von selbst gemachten Nacktfotos. "Der Schaden, der da angerichtet werden kann, ist immens." Es sei sehr wichtig, solche Bilder weder selbst ins Netz zu stellen noch weiterzuschicken. "Das ist dumm, töricht und gefährlich. Macht so was nicht." Generell riet Baumann den Kindern und Jugendlichen, die zum Infoabend mitgekommen waren, sich genau zu überlegen, welche Bilder sie in Facebook oder WhatsApp stellen. "Ist es ein Bild von Euch, das Ihr auch in der Zeitung oder im Schaukasten des Vereins sehen wollt? Dann könnt Ihr es hochladen. Sonst nicht."


Sicher im Internet


Schüler schulen Schüler: In der Richard-Rother-Realschule Kitzingen halten alljährlich am Safer Internet Day Zehntklässler einen ganzen Schultag lang Workshops für die Schüler der siebten Klasse ab. In diesem Jahr informierten sie über Möglichkeiten und Gefahren von WhatsApp, Online-Shopping, Wikipedia & Co., Online-Videos, Downloads, Facebook, Cybermobbing, Passwörter und Viren. Die Zehntklässler wurden vom medienpädagogischen Berater der Schule, Markus Weis, auf diese Aufgabe vorbereitet. Zudem informierte ein Beamter der Polizeiinspektion Kitzingen die Siebtklässler über die Gefahren von Sexting.

Informationen: Die Stiftung Medienpädagogik engagiert sich für die Förderung der Medienkompetenz in Bayern. Informationen und Materialien gibt es unter wwww.stiftung-medienpaedagogik-bayern.de

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