Kitzingen
Tradition

Fronleichnamsprozessionen fallen ins Wasser

Rosi Seidl hatte den Blumenschmuck für die Prozession an Fronleichnam in der Siedlung schon vorbereitet. Dann kam die Absage. Regen verhindert die Prozessionen in der Stadt und der Siedlung.
Artikel drucken Artikel einbetten
Rosi Seidl verbindet ihre Liebe für Blumen mit der Leidenschaft für Gott. Dieses Jahr muss sie an Fronleichnam umplanen und die Dekoration in die Kirche holen.  Foto: Tom Müller
Rosi Seidl verbindet ihre Liebe für Blumen mit der Leidenschaft für Gott. Dieses Jahr muss sie an Fronleichnam umplanen und die Dekoration in die Kirche holen. Foto: Tom Müller
+1 Bild
"Ich klopf schon immer aufs Barometer und hoffe, dass es steigt", sagt Rosi Seidl verzweifelt, "aber es fällt und fällt". Die Wetterstation der 80-Jährigen trügt nicht und bestätigt nur, was kurz danach auch amtlich wird: Die Fronleichnamsprozessionen in Kitzingen und der Siedlung werden aufgrund des Regens abgesagt beziehungsweise in den Innenraum der Kirchen verlagert.

Alles war vorbereitet. Die Gärtnerei Fell hatte wie jedes Jahr die Blumen bei Rosi Seidl abgegeben. Die hatte damit die Vasen in der Sakristei gefüllt und die Streublumen daneben drapiert. Auch ihre Schablone aus Papier hatte sie schon zurecht gelegt. Wie jedes Jahr, so würde sie auch in diesem Jahr mit Kreide das Motiv auf den Boden vor der Kirche malen, "sobald die Prozession vom Kirchplatz aus aufgebrochen ist".

Arbeit beginnt, wenn alle weg sind

Das ist der Zeitpunkt, an dem Rosi Seidl eigentlich alljährlich aktiv wird. Viel Zeit steht ihr und ihrer Helferin Rosa Furkel dann nicht zur Verfügung, um einen Altar aufzubauen, diesen zu schmücken und den schönen, großen Blumenteppich vor den Eingang zur Kirche zu legen. Etwa zwei Meter hoch und einen guten Meter breit ist das Gemälde aus Blütenblättern dann. Es zeigt eine rot-weiße Monstranz auf grünem Grund. Umrandet ist das Bild von einem Rahmen aus roten Rosenblättern. Aus den überzähligen Blättern wird ein bunter Weg gelegt, der zum Blumenteppich führt. "Etwa eine Stunde habe ich dafür Zeit, bis die Prozession wieder zur Kirche zurückkehrt", berichtet die Kirchenfrau. "Damit komm ich aber gut hin".

Übertriebene Hektik liegt Rosi Seidl fern. Zu oft hat sie die Dekoration bereits gestaltet. Jeder Handgriff sitzt. Seit 1955 ist die gebürtige Haßfurterin in St. Vinzenz aktiv. In der Zeit hat sie alle möglichen Ämter durchlaufen. "Ich hab 45 Jahre Seniorenarbeit gemacht und war zuletzt Vorsitzende vom Frauenbund", sagt sie. Mit 80, das hatte sie sich vorgenommen, sollte Schluss sein. Sollte es. Ist es aber nicht. "Momentan leite ich noch den Bibelkreis. Das hält jung".

Lückenlose Kirchenchronik

Eine wie sie ist die gute Seele, die still und beharrlich im Hintergrund wirkt. Rosi Seidl ist noch mehr: Sie führt seit den 50-er Jahren eine private Kirchenchronik von St. Vinzenz. Nachdem sie nämlich den Altar vor der Kirchentür geschmückt und das Blumenbild gelegt hat, findet die einstige Fotolaborantin Jahr für Jahr noch Zeit, den nachfolgenden Gottesdienst zu fotografieren. Dafür steigt sie dann auch schon mal in ihrem Haus aufs Dach, um von oben zu dokumentieren, was sich am Kirchplatz abspielt. Wie gut, wenn man gleich am Kirchplatz wohnt.

Begeisterung lässt nach

"Ich mach das zur Ehre Gottes", gesteht die gläubige Katholikin. Die Mutter dreier Kinder und Oma von acht Enkeln lebt mit voller Überzeugung, was sie tut. In der Früh sperrt sie die Kirche auf, abends schließt sie sie. Dazwischen kümmert sie sich um den Blumenschmuck in der Kirche. Mehr Arbeit hat sie dann an den hohen kirchlichen Feiertagen. "Man muss schon Freude an Blumen haben", sagt sie, "sonst wird das nichts". Freude an Blumen hatte sie schon als Kind. "Wir haben früher als Kinder tagelang darauf hingefiebert, dass es endlich Fronleichnam wird", erzählt sie aus längst vergangenen Tagen, "und dass wir endlich im Festkleid Blumen streuen durften".

Schwer nachvollziehbar ist für sie vor diesem Hintergrund die Haltung heutiger Mütter dazu. "Ich hab beim Kindergarten angefragt, ob wir nicht Kinder gewinnen könnten, die Freude am Werfen von Blumen haben", berichtet sie, "da wurde mir gesagt, dass die Mütter das nicht mehr wollen".

Zwei Altäre wären normalerweise auf der Strecke zu schmücken, einer vor der Kirche, der andere am Wilhelm-Hoegner-Haus. "So kommen die Bewohner vom Altenheim auch in den Genuss, an der Prozession vor Ort teilnehmen zu können", sagt Rosi Seidl. Der Altar dort wird vom Team des Altenheims gestaltet. Ursprünglich lief die Prozession noch zwei weitere Altäre auf der Strecke an. Die wurden aber in den letzten Jahren eingespart.
In diesem Jahr wird also aufgrund des Regens die gesamte Prozession eingespart. Sie soll stattdessen im Anschluss an die Messfeier um 8.30 Uhr durch die Kirche führen. Ein wenig enttäuscht ist Rosi Seidl schon. "Der liebe Gott sieht aber, welche Arbeit man sich dafür gemacht hat", sagt sie. "So oder so ist das Werk nicht vergebens".

Absage auch in St. Johannes:

Auch in der Pfarrei St. Johannes in Kitzingen gibt es in diesem Jahr nur den Gottesdienst um 8 Uhr in der St. Johanneskirche. Die anschließende Fronleichnamsprozession wurde witterungsbedingt abgesagt.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren