"Der Rowdy" ist eigentlich männlich, aber im Straßenverkehr gibt es ihn gelegentlich auch als "Frau am Steuer". Deswegen hat eine 35 Jahre alte Bürokauffrau aus dem Landkreis Schweinfurt in den nächsten zwei Jahren keinen Führerschein. Und ausrasten wie kurz vor Weihnachten 2010, erst auf der Bundesstraße 22 und dann in Schwarzach, darf sie so schnell auch nicht mehr, weil sonst die zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten abgesessen werden muss.

Eine Strafkammer des Landgerichts Würzburg sah in dieser Woche keinen Anlass, in der Berufungsinstanz ein Urteil des Kitzinger Richters Marc Betz vom Oktober vergangenen Jahres zu korrigieren. Die angeklagte Bürokauffrau hatte im Dezember 2010 abends um halb neun auf der schneeglatten Bundesstraße 22 zwischen Dettelbach und Schwarzach über Kilometer hinweg einer 23-Jährigen aus Dettelbach, zufällig auch Bürokauffrau, die vorsichtig und nicht zu schnell fuhr, "eingeheizt". Dazu setzte sie die Lichthupe ein und fuhr immer wieder so dicht auf, dass die Vorausfahrende vom Fahrzeug der Verfolgerin nicht einmal mehr die Scheinwerfer sah, sondern nur die Motorhaube. Die Frau vorn geriet in Panik und die hinten dachte gar nicht daran, zu überholen.

Zehn Meter mitgeschleift


In Schwarzach hatte die bedrängte Autofahrerin angehalten, weil sie dort mit einer Verwandten verabredet war. Plötzlich hielt hinter ihr auch die Verfolgerin. Als die junge Frau auf deren Fahrzeug zuging und fragen wollte, was das soll, hat die ihr Unbekannte weder die Fahrzeugtüre noch das Fenster geöffnet. Stattdessen stellte sie das Autoradio auf volle Lautstärke, hat Gas gegeben, die vor ihrem Fahrzeug stehende Frau mit dem rechten Kotflügel aufgeladen und etwa zehn Meter mitgeschleift. Dann fiel die eine zu Boden und die andere fuhr nach Hause. Das bedeutet für Strafrichter einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr, eine gefährliche Körperverletzung und ein Entfernen von der Unfallstelle. Die körperlichen Unfallfolgen beim Opfer beschränkten sich auf starke Prellungen und Kratzer. Da hatte die Frau und letztlich auch die Unfallverursacherin Glück, so Richter Dr. Hubert Stühler, dass nicht mehr passiert ist. Pychische Folgen dagegen stellten sich nach dem Schock der ersten Tage in erheblichem Umfang ein.

Anti-Gewalt-Kurs absolviert


Am Tag, als der Fall am Landgericht Würzburg verhandelt wurde, erhielt das Gericht früh die Mitteilung, dass die Angeklagte ihre Berufung auf die Strafe beschränkt, dass sie also den Sachverhalt nicht bestreitet, sondern nur etwas billiger davon kommen möchte. Deswegen hatte sie auch bereits freiwillig einen Anti-Gewalt-Kurs "mit Erfolg" absolviert und ihrem Opfer kurz vor der Berufungsverhandlung 1 000 Euro überwiesen.
Zur Sache wurde daher nicht mehr verhandelt, die Zeugen wurden abgeladen, nur das Opfer wollte die Strafkammer vernehmen, zu den Folgen des Vorfalls. Die Aussage war beeindruckend: Fast eineinhalb Jahre nach dem Zwischenfall hat die junge Frau immer noch Angst, bei Nacht Auto zu fahren. Sobald sich ein Pkw von hinten nähert und dicht auffährt, vor allem ein kleiner schwarzer Japaner "wie damals", gerät sie in Panik, fährt rechts ran und lässt sich überholen. Die Frau weinte und zwar heftig, als sie ihren Zustand in solchen Situationen beschrieb, der Vorfall sitzt tief, sie ist inzwischen in psychotherapeutischer Behandlung. Sie habe angenommen, sie sei stark genug, sagte die junge Frau, das alles allein zu verkraften, aber sie schaffe es nicht. Alle zwei Wochen geht sie zur Behandlung, voraussichtlich noch für längere Zeit.

Welche Rolle spielt Geburtstag ?


Da die Angeklagte den Schuldspruch anerkannt hat und im Wesentlichen nur die Dauer der Führerschein-Sperre verkürzen wollte, ging es vor der Zweiten Strafkammer des Landgerichts Würzburg nicht mehr zur Sache. Es kam daher auch nicht zur Sprache, warum die Angeklagte an jenem Abend, vom Kino kommend, so ausgerastet ist und ob das schon häufiger vorher passierte. Bemerkenswert: An dem Tag feierte die Frau Geburtstag. Das heißt, man hätte durchaus auch an einen Zusammenhang zwischen Tat und Datum denken können. Eine Polizeistreife der Inspektion Schweinfurt-Land ist noch an dem Abend, von Kitzinger Kollegen über den Vorfall in Schwarzach informiert, zur Wohnung der Frau in einer Gemeinde im Landkreis Schweinfurt gefahren, sah aber keine Veranlassung, die zumindest einem der Polizeibeamten bereits bekannte Frau am Hoftor intensiver zu überprüfen.
Da die Angeklagte nach der Verhandlung in Kitzingen bereits den Führerschein abgeben musste, ist die verhängte Sperre in dem Urteil jetzt auf zwei Jahre reduziert worden. Im übrigen wurde die Berufung verworfen, das Urteil ist rechtskräftig, zu den Bewährungsauflagen gehört eine Geldbuße in Höhe von 3 000 Euro, zahlbar in Monatsraten zu je 100 Euro.