Volkach
Fluss-Überfahrt

Frankens schwimmende Brücken

Ein Geschäft ist damit nicht zu machen. Aber die acht fränkischen Wagenfähren sind nach wie vor wichtiges Transportmittel für Auto- und Radfahrer sowie Landwirte. 70 Cent zahlt ein Radfahrer fürs Übersetzen. Ihren Lohn erhalten die Fährmänner jedoch von den Kommunen.
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In nicht einmal zwei Minuten bringt die Fähre in Wipfeld (im Hintergrund der Ortsteil St. Ludwig) Fußgänger, Räder und Kraftfahrzeuge über den Main. Sie ist die größte Fähre in der Region. Die nächste Brücke ist hier 13 Kilometer entfernt. Foto: Matthias Litzlfelder
In nicht einmal zwei Minuten bringt die Fähre in Wipfeld (im Hintergrund der Ortsteil St. Ludwig) Fußgänger, Räder und Kraftfahrzeuge über den Main. Sie ist die größte Fähre in der Region. Die nächste Brücke ist hier 13 Kilometer entfernt. Foto: Matthias Litzlfelder
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Es ist kurz vor 12 Uhr. Reinhold Maurer steuert seine Fähre über den Main bei Wipfeld. Hin und Her, seit 6 Uhr, da kamen schon die ersten Fahrgäste. Doch eine Mittagspause gibt es bei ihm nicht. "Ich fahre durch bis abends um acht Uhr", erzählt er. 14 Stunden, ist so etwas erlaubt? "Ja, weil wir ein Schifffahrtsbetrieb sind", sagt der 53-Jährige.

Binnenschiffer gelernt

Maurer ist als Fährmann bei der Gemeinde Wipfeld (Landkreis Schweinfurt) angestellt. Seit 14 Jahren sitzt er in der Fährkabine. "Ich habe Binnenschiffer gelernt", erzählt er. Doch jetzt ist er nur noch zwischen Wipfeld und dem Gemeindeteil St. Ludwig am anderen Ufer unterwegs. "Wir sind drei Fährmänner. Wenn alle da sind, dann haben wir jeweils zwei Tage Dienst und dann vier Tage frei", erklärt er. Zusammengerechnet sind das dann 39 Stunden in der Woche. Die Fähre in Wipfeld fährt täglich, Sommer wie Winter, an Sonntagen erst ab 8 Uhr.

Zeitersparnis

Ein Rauschen, dann eine Stimme. Maurer hört den Funkverkehr der Schleuse Wipfeld ab. Demnächst kommen zwei große Schiffe. Zuvor geht es aber noch einmal hinüber. Nutzer des Main-Radweges warten mit ihren Rädern. Ebenso Andreas Pfister, Bauleiter eines Wipfelder Elektrogeschäfts, mit einem Firmenauto. "Ich komme gerade von einem Kunden in Unterspiesheim", erzählt der 52-Jährige und hält Maurer seine 16-Euro-Mehrfahrtenkarte zum abklipsen hin. 1,50 Euro muss er zahlen. "Es rechnet sich, allein schon von der Zeit. Sonst müsste ich bis Bergrheinfeld oder Volkach fahren." Er nutze die Fähre auch regelmäßig privat, sagt Pfister.

Landwirte sind darauf angewiesen

An Spitzentagen beträten rund 1000 Menschen die Wipfelder Fähre, berichtet Maurer - in der Regel eine Mischung aus Radfahrern und Berufstätigen. Es gebe aber Tage, da befördere er nur 50 Gäste.
"Ohne Zuschüsse könnten wir nicht überleben", sagt Maria Lindner, Wipfelds Zweite Bürgermeisterin, zum Fährbetrieb. Aber allein schon wegen der Landwirte sei die Fähre elementar.

Zuschüsse aus der Kfz-Steuer

Marco Maiberger, Leiter der Touristinformation Volkacher Mainschleife, beziffert das Defizit am Beispiel der Fähre in Fahr, einige Kilometer mainabwärts. Im vergangenen Jahr habe es 43 000 Euro betragen. Knapp die Hälfte davon musste die Stadt Volkach aufbringen, den Rest gab's vom Staat aus Mitteln der Kfz-Steuer. Ein normales Jahr. Alle fünf Jahre ist eine Revision der Fähren vorgeschrieben. Dann wird es teurer. 2013 sei ein solches Jahr gewesen. Allein 40 000 Euro musste die Stadt damals zuschießen.

Nordheim schaffte einmalig ein Plus

Einzig die Fähre in Nordheim habe 2012 "mal einen Gewinn von 7000 Euro erwirtschaftet", berichtet Maiberger. Hier führt Edmund Gürsching seit beinahe 25 Jahren das Steuer. Seine Fähre, Baujahr 1947, hängt noch an zwei Seilen fest. Früher wurde sie (als Gierseilfähre, ähnlich wie in Pettstadt im Landkreis Bamberg an der Regnitz) mit der Strömung betrieben. Durch das Aufstauen des Mains ist die Strömung zu gering. Den Antrieb übernimmt nun ein Dieselmotor mit Schiffsschraube. Nur die Steuerung läuft noch über eine mit dem Hochseil verbundene Kette. Ein zweites Seil hält laut Gürsching das Schiff in der Spur und hilft bei Westwind, dass es nicht abtreibt. Nur hier am Altmain, wo keine großen Schiffe verkehren, ist so etwas noch möglich.

Unvorsichtige Bade-Gäste

Auf der Überfahrt von Nordheim nach Escherndorf, die nicht einmal eine Minute dauert, muss der 58-Jährige heute trotzdem aufpassen - auf Badende, Kanu- und Schlauchbootfahrer, die sich dem Seil immer wieder nähern. Auch sonst ist hier viel los. "An Spitzentagen fahren 2500 bis 3000 Leute", berichtet der gebürtige Nordheimer.

Rhythmus: Sieben Tage Arbeit, sieben Tage frei

Jochen Stulier, der noch weiter mainabwärts zwischen Mainstockheim (Landkreis Kitzingen, wie Fahr und Nordheim) und Albertshofen von 6.30 bis 19 Uhr auf der Fähre sitzt, hat einen besonderen Turnus: Der gelernte Binnenschiffer arbeitet sieben Tage am Stück, dann hat er sieben Tage frei.

35,9 Grad in der Kabine

"Unsere Fähre von 1959 fährt mit dem zweiten Motor", berichtet Karl-Dieter Fuchs, Mainstockheims Erster Bürgermeister. Auch er berichtet von einem Defizit im Fährbetrieb, das er sich aber mit dem Amtskollegen in Albertshofen teilen kann. Rechne man die staatlichen Zuschüsse weg, blieben jährlich noch 12 500 bis 25 000 Euro pro Gemeinde.
"Im Sommer ist es am schönsten", sagt Stulier und blickt in einen Spiegel, der am Eck der Kabine hängt. Mit ihm hat er das andere Ufer im Blick, ohne den Kopf zu drehen. 35,9 Grad zeigt das Thermometer in seiner Kabine an - im Schatten. Er nimmt's gelassen: "Du bist an der frischen Luft, das ist das Wichtigste. Und am Main geht immer ein Lüftchen."

Der Fährmann - bezahlt nach TVöD


Fährbetrieb
In Deutschland gibt es noch rund 300 Binnenfähren. Zwölf werden am Main betrieben. Von den acht fränkischen Wagenfähren fahren sieben am Main in Unterfranken (Wipfeld, Obereisenheim, Fahr, Nordheim, Dettelbach, Mainstockheim und Stadtprozelten) und eine in Oberfranken an der Regnitz (Pettstadt).

Kosten Mit den Gebühren für die Überfahrt (von 70 Cent bis 3 Euro, je nach Fahrzeug) können die Kommunen die Kosten nicht decken. Es bleibt oft ein jährliches Defizit in fünfstelliger Höhe.

Fährleute Die Fährmänner am Main sind bei der jeweiligen Stadt oder Gemeinde fest angestellt. Ihr Gehalt richtet sich nach dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst (TVöD) und liegt monatlich bei 2050 bis 2750 Euro brutto.


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