Mit dem Öffnen der schweren Tür aus Zirbenholz tritt der Besucher ein in eine vergangene Welt. Die alte Schiestl-Trinkstube, die seit ein paar Tagen im Museum Barockscheune in Volkach installiert ist, nimmt ihn mit auf eine kurzweilige Zeitreise ins frühe 20. Jahrhundert.
Es ist urgemütlich in der Stube aus massivem Holz. Spontan bekommt man Lust darauf, die Becher aus Zinn mit Wein zu füllen und in geselliger Runde Platz zu nehmen. Am "Stammtisch" sitzt bereits gut gelaunt Herbert Meyer. Der Vorsitzende des örtlichen Heimatvereins ist glücklich, dass das Unikat des Bildschnitzers Heinz Schiestl (1867 - 1940) in der Weinstadt ein neues Zuhause gefunden hat. Die originale Trinkstube stammt aus einer Würzburger Villa. "Um die Jahrhundertwende haben sich begüterte Bürger in Würzburg solche geschnitzten Einrichtungen angeschafft. Es war schon fast Mode", schildert Meyer die Hintergründe.

Ungewöhnliches Geschenk


Einfach war es nicht, einen Platz für das 15 Quadratmeter einnehmende, außergewöhnlich große Geschenk an die Stadt Volkach zu finden. Nachdem das Haus im Würzburger Steinbachtal, in dem die Schiestl-Stube eingerichtet war, abgerissen wurde, schenkte sie die Eigentümerfamilie Unkel der Stadt Volkach. Die Unkels wollten damit verhindern, so Meyer, dass mit dem Abriss des Gebäudes das wertvolle Schmuckstück im Bauschutt landet. "Da hatten wir zunächst ein Problem", erinnert sich Meyer. Irgendwo musste man ja einen Platz für die Trinkstube finden. Das Schelfenhaus und andere städtische Gebäude eigneten sich nicht. "Wir haben da echt viel herum überlegt." Nur in der Barockscheune sah man eine Möglichkeit, die allerdings auch keine optimale Lösung darstellt. Die bisherige "Bühne" im Foyer wurde mit Ständerwänden abgetrennt, hinter denen sich jetzt die schmucke Trinkstube verbirgt. "Wir hoffen, dass die Stube bei den Museumsbesuchern einschlägt", erklärt der Kulturbeauftragte der Stadt.
Die Schiestl-Stube kann zu den normalen Öffnungszeiten betreten werden. Meyer denkt auch darüber nach, ob man die Stube für die eine oder andere gesellige Runde in geordnetem Rahmen vermieten könnte. Für ein trinkfreudiges Ambiente sorgen die alten Fenster aus Bleiglas, die im Original mit eingebaut wurden. Für die restaurierte Holztreppe aus der Würzburger Villa reichte der Platz im Museum nicht ganz. Sie wird nur mit den ersten Stufen angedeutet und mündet in der weißen Wand. Auf der Lehne eines Stuhls hat sich Heinz Schiestl selbst verewigt. Sie zeigt das filigran geschnitzte Selbstporträt des Künstlers.
Herbert Meyer ist begeistert von den Arbeiten des Bildhauers, der 1867 in Zell am Ziller geboren, sechs Jahre später mit seiner Familie nach Franken kam und 1940 in seinem Atelier neben der Würzburger Augustinerkirche verstarb. Bekannt geworden ist der Künstler auch durch die Gestaltung von Notgeld nach dem Ersten Weltkrieg. Die damals entstandenen "Schiestl-Scheine" sind bei Sammlern auch heute noch sehr gefragt.
Kulturreferent Meyer gefallen besonders Schiestls Bilder, die den Eingangsbereich der Trinkstube im Museum Barockscheune zieren. Weitere aufwändige, teilweise noch gut erhaltene Schiestl-Trinkstuben finden sich im Würzburger Ratskeller und im Wirtshaus "Zum Stachel".