Keiner hatte damit gerechnet. Und auch heute, drei Jahre später, sind die Frauen und Männer, die sich jeden zweiten Freitagnachmittag in der Gaststätte am Mühlberg treffen, perplex, dass es so weit kommen konnte. Der Betriebsübergang von der Metal Technology Kit-zingen (MTK) zur FrankenGuss Kitzingen war mit einem personellen Aderlass verbunden. Etwa 400 Menschen verloren ihren sicher geglaubten Arbeitsplatz. "Das Gusswerk war das Sy-
nonym für einen sicheren Job in der Region", sagt Günther Langguth. 25 Jahre lang hat er in der Gießerei gearbeitet, 20 Jahre lang war er für das Materiallager verantwortlich. "Es ist mir unbegreiflich, wie es so weit kommen konnte."
15 bis 20 ehemalige Gusswerkler lassen sich alle zwei Wochen an dem schweren Tisch in der Gaststätte nieder. Ob früh verrentet, arbeitslos, Hartz IV oder wieder im Job: Die ehemaligen Kollegen haben sich vieles zu erzählen. Über die Gegenwart und vor allem über die gemeinsame Vergangenheit in einem Unternehmen, in dem sie sich immer wie in einer großen Familie fühlten.
Brigitte und Albrecht Stühler haben einige Jahre ihres Ehelebens im gleichen Betrieb gearbeitet. Er war neun Jahre lang in der Leichtmetallbearbeitung, sie 39 Jahre lang Schreibkraft im Betriebsratsbüro. Seit Anfang diesen Jahres leben beide von Hartz IV. "Wir kommen zurecht", sagt Brigitte Stühler. Und sie klingt keineswegs verbittert, wenn sie erzählt, wie sich das Paar einschränkt: Wenig Autofahren, keine Fernsehzeitschrift, keine Deko-Artikel. "Wir konzentrieren uns auf das Notwendige", sagt sie und blickt ihren Mann an. "Wir sind zufrieden mit dem, was wir haben." Albrecht nickt.

Wiedereinstieg noch nicht geschafft


Nicht alle Menschen am Stammtisch sind so zufrieden wie die beiden. Wie auch? Die meisten haben den Wiedereinstieg ins Berufsleben nicht geschafft. Nicht nur die Stühlers sind von Hartz IV abhängig. Einige prozessieren immer noch. Das Ziel lautet Wiedereinstellung. "Eine soziale Auswahl ist bei der Betriebsübergabe nicht getroffen worden", klagt Peter Salomon, heute 63 Jahre und Rentner, damals im Betriebsrat. Er begleitet die Kollegen zum Arbeitsgericht und wünscht sich endlich ein Urteil. "Es geht nicht um die einzelne Abfindung", sagt Salomon. "Es geht um die Rechtsprechung." Seine Hoffnung: Das Gericht entscheidet, dass der Betriebsübergang nicht rechtens war. "Sonst kann jeder Unternehmer das gleiche Verfahren durchziehen."
Günther Langguth hat die Zeit in der Transfergesellschaft durchgezogen. 59 Jahre alt ist er gewesen, als es die MTK nicht mehr gab. Er dachte, dass es mit dem Betrieb schon irgendwie weiter gehen wird. Als die FrankenGuss Kitzingen gegründet war, hat er auf einen Anruf gewartet. Lange, sehr lange. "Sie haben mich als letzten aus der Abteilung angerufen", erzählt er. "Erst, als die Jüngeren ihre neuen Arbeitsverträge abgelehnt hatten."
Auch Günther Langguth hat den angebotenen Job abgelehnt. 40 statt 35 Wochenstunden, drei statt acht Kollegen in der Abteilung, etwa die Hälfte vom gewohnten Gehalt. "Ich kann doch meine Seele nicht verkaufen", sagt er. Auch sein Sohn ist damals durchs Raster gefallen. Ob es an der 30prozentigen Behinderung lag? Günther Langguth weiß es nicht. Der Sohn hat nach einem Jahr einen Job in einer anderen Firma gefunden. Zeitvertrag. Immerhin.
Auch der Vater hat sich auf neue Stellen beworben. Die Vermittler vom Arbeitsamt haben ihm geholfen. "Die waren wunderbar." Geholfen hat es nichts. Die erste Frage war immer die nach dem Alter.
Auch Brigitte und Albrecht Stühler hatten sich nach neuen Arbeitsstellen umgeschaut. Gefunden haben sie Minijobs. Plakate kleben, sauber machen, im Lager arbeiten. "Es gibt anscheinend nur 400 Euro-Jobs", sagt Albrecht Stühler. Ins Gusswerk zurück wollten die beiden trotz der vielen positiven Erinnerungen nicht. "Das Betriebsklima ist nicht mehr so wie früher", meint Brigitte Stühler. "Jeder jammert. Das muss nicht mehr sein."
Lieber kommt sie ab und zu am Freitagnachmittag in die Gaststätte am Mühlberg und unterhält sich mit den ehemaligen Kollegen. Trotz der unterschiedlichen Schicksale ist die Stimmung am Stammtisch gelöst. Die Männer und Frauen erzählen von ihren Sorgen und Nöten, erinnern sich an die schönen Zeiten im Gusswerk und lachen zwischendurch über einen Witz. Es geht zu wie in einer großen Familie.