Wer trauert braucht Hilfe. Gerade von seinem direkten Umfeld. Wie ist es damit bestellt?

Manche Trauernde stoßen hier auf Verständnis und Anteilnahme, aber es gibt leider auch viele Enttäuschungen. Oft sogar von den besten Freunden, also Menschen, mit denen man vielleicht über 25 Jahre befreundet war, manchmal sogar gemeinsame Urlaube verbracht hat. Auch für den Freundeskreis ist es häufig schwer.

Wie reagieren Freunde am besten?

Das wird auch davon abhängen, wie nah man sich steht, wie eng die Beziehung ist. Manchmal helfen zu Beginn ein paar einfühlsame Zeilen, die man schreibt oder eine Blume, die man vorbeibringt, als Zeichen, dass man an den Betroffenen denkt und mitfühlt.

Und wenn der Betroffene einfach nur in Ruhe gelassen werden will?

Den Wunsch nach Ruhe muss man selbstverständlich respektieren. Deswegen kann man trotzdem ein liebevolles Zeichen der Anteilnahme geben. Floskeln und Vertröstungen im Sinne von „für ihn ist es doch Beste so“ oder ähnliches, sind eher nicht angebracht. Auch keine Vergleiche mit anderen, die ebenfalls an dieser Krankheit gestorben sind. Trauernde mögen auch keine Sprüche und Ratschläge, wie „Du musst jetzt nach vorne schauen“ oder „Du schaffst das schon, Du bist stark“.

Was ist dann der richtige Weg?

Zeigen Sie einfach, dass Sie an den Trauernden denken, dass Sie Interesse an ihm haben, sich Gedanken um seine Situation machen. Ein Trauernder spürt, ob die Anteilnahme echt ist. Es ist nicht so wichtig, ob die Worte, die man dabei gebraucht holprig sind, oder ob einem dabei die Stimme versagt. Im Gegenteil.

Wieso im Gegenteil?

Sich hilflos zu fühlen ist doch in einer solchen Situation eine durchaus angemessene Reaktion. Wenn ich souverän und routiniert mit dem Tod eines Freundes oder Bekannten umgehe, wäre das für mich jedenfalls nicht normal.

Was mache ich, wenn der Trauernde deutlich signalisiert, dass er seine Ruhe haben will?

Das muss ich respektieren – es geht ja um ihn. Trauernde brauchen in der Regel auch Ruhe und die Möglichkeit, sich immer wieder zurückziehen zu können, um den Verlust verarbeiten zu können. Trauer kostet enorm viel Kraft.

Rühren Unsicherheit und Vermeiden immer aus einer Unkenntnis dieser Thematik heraus?

Nicht immer. Menschen sind natürlich unterschiedlich empathiefähig und einfühlsam. Aber manchmal sind es auch eigene Ängste, die dazu führen, dass man sich lieber nicht damit beschäftigen will. Auch wenn man vom Verstand her weiß, dass der Tod zum Leben dazugehört, kann er einem Angst machen. Einem selber, meine ich. In einem Freundeskreis kann man sich möglicherweise die bange Frage stellen, wer der Nächste sein wird, der gehen muss.

Viele Menschen wollen diese Tatsache lieber verdrängen?

Das kann man so sehen. Für Trauernde ist das häufig problematisch und enttäuschend. Sie fühlen sich dann besonders von Freunden im Stich gelassen.

Weil der Tod des Freundes verschwiegen wird? Weil er nicht mehr erwähnt wird?

Ich höre diese Klage häufig. Man wird als Alleinstehender zwar noch eingeladen, aber der Verstorbene wird in Gesprächen nicht mehr erwähnt, es wird nicht an ihn erinnert. Man fürchtet wohl, dass der trauernde Hinterbliebene dann in Tränen ausbricht. Tatsache ist: Selbst wenn Tränen fließen, würden diese dem Trauernden eher gut tun. Es wäre nicht schlimm.

Und wenn der Trauernde kein enger Freund ist, sondern beispielsweise ein Arbeitskollege?

Am Arbeitsplatz gibt es nach einem Todesfall immer wieder Situationen, wo niemand weiß, wie man damit umgehen soll. Alle sind erschrocken und betroffen. Man will aber auch nicht aufdringlich sein. Aus Unsicherheit heraus wird häufig nicht reagiert, obwohl sich alle Gedanken machen.

Was tun?

Auch in diesem Fall, kann man ein paar Zeilen schreiben, sein Mitgefühl zeigen und ausdrücken, dass man an den Betroffenen denkt. Das wird die Rückkehr in den beruflichen Alltag erleichtern.

Trauernde brauchen das Gefühl, weiter dazuzugehören?

Ja, ich glaube, das brauchen sie unbedingt. Sie möchten gerne, dass sie weiter gefragt werden, auch wenn sie anfangs viele Einladungen und Vorschläge ablehnen, weil sie sich nicht in der Lage sehen, ihnen zu folgen. Aber sie möchten nicht vergessen werden. Manchmal wäre es gut, wenn sie das selber zum Ausdruck bringen würden. Aber sie empfinden sich selbst als schwierig und oft unausgeglichen.

Warum schwierig?

Weil ihre Gefühlslage sehr wechselhaft ist, weil sie chaotisch ist. Eine einzige schmerzliche Erinnerung kann sie in tiefste Verzweiflung stürzen und alles zunichte machen. Es wird also dauern, bis das Gefühlsleben nach einem schweren Verlust wieder stabiler wird.

Das Verständnis dafür ist in der Gesellschaft nicht vorhanden?

Ich glaube, man kann sich das nur schwer vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat. Die chaotischen Gefühle sind ja normal und nicht verrückt, wie Trauernde manchmal selber befürchten.

Was hält viele Menschen ab, mit Trauernden in Kontakt zu treten?

Es ist eher keine Böswilligkeit, sondern Scheu und Unsicherheit. Sie wissen nicht, was Trauernde fühlen und welche Bedürfnisse sie haben. Sie wissen vor allem nicht, wie lange Trauer dauert. Das ist ein großes Problem.

Früher gab es so etwas wie ein Trauerjahr.

Das wird einem heute kaum noch zugestanden. Die Gesellschaft erwartet sehr schnell, dass ein Trauernder wieder ins Leben zurückfindet. Oft werden ihm nicht mal ein paar Monate zugebilligt, bis er wieder „funktionieren“ soll.

Wie lange dauert eine Trauer?

Das wird sicher unterschiedlich sein und auch mit der Beziehung zum Verstorbenen zusammenhängen. Auch von dem, was ein Trauernder von seiner Umwelt erhält. Ob er sich verstanden fühlt und so sein darf, wie sich fühlt. Ob er sich mitteilen kann. Trauernde bekommen oft den Rat „nach vorne zu schauen“. Aber „da vorne“ sehen sie noch nichts, da ist nichts.

Ein Trauerfall bedeutet doch nicht ein Leben ohne Zukunft?

Nein, natürlich nicht. Etwas anderes wird an die Stelle dessen treten, was man einmal vorgehabt hat und wie man sich sein Leben vorgestellt hat. Es ist nicht mehr, wie es einmal war. Es wird auch nicht mehr so sein. Es wird einfach anders ein. Das heißt aber nicht, dass es nicht wieder gut werden könnte.

Zur Person: Gertrude Hobeck ist integrative Trauertherapeutin und begleitet den Hospizverein in Würzburg.

Hilfe bei Trauer

Angebote: Offener Gesprächskreis alle drei Wochen montags ab 18.30 Uhr.

Spezieller Kreis für verwaiste Eltern alle drei Wochen donnerstags ab 18.30 Uhr.

Trauergruppe für junge Erwachsene, alle drei Wochen auf Anfrage.

Kontakt: Hospizverein Würzburg, Neutorstraße 9, Tel. 0931/53344; hospizverein.wuerzburg@t-online.de.

Die Angebote sind kostenlos, Diskretion wird zugesagt.

Vortrag: Wie soll es denn bloß weitergehen? Dienstag, 10. November, 19 bis 21 Uhr in der Akademie für Palliativmedizin im Juliusspital Würzburg. Anmeldung: Tel. 0931/393-2281 oder palliativakademie@juliusspital.de. Kosten: fünf Euro.

Regionalgruppen des Hospizvereins:

Kitzingen, Treffpunkt jeden ersten Mittwoch im Monat, ab 19 Uhr in den Bürgerstuben. Kontakt: Tel. 09323/3379 oder 09323/1552.

Volkach/Gerolzhofen: Jeden ersten Mittwoch im Monat um 9 Uhr und jeden dritten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr im Benefiziatenhaus in der Gartenstraße. Kontakt: Tel. 09381/9205 oder 09382/8275.