LANDKREIS KITZINGEN

Es muss gewaschen werden

Erna M. (Name geändert) weiß, dass es unsinnig ist, was sie da treibt. Aber sie kann nicht anders. Sie muss immer weiter Hände waschen. Unzählige Male, stundenlang. Die Hände könnten ja schmutzig sein. Erna M. leidet unter Waschzwang.
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Ein ganz normaler Vorgang wird zum Zwang: Wer unter Waschzwang leidet, muss sich immer wieder die Hände waschen – oft 30 Mal hintereinander, wobei die Seife jedes Mal minutenlang einwirken muss. Foto: Foto: Diana Fuchs
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Zur Arbeit gehen? Auf eine öffentliche Veranstaltung? Das kann Erna M. schon lange nicht mehr. Der Zwang dominiert ihr Leben. „Betroffene sind in ihrem Beruf und ihrem Leben stark eingeschränkt“, weiß Prof. Dr. Katharina Domschke. Sie leitet die Spezialambulanz für Angst- und Zwangserkrankungen am Zentrum für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Würzburg und behandelt dort Menschen wie Erna M.

„Viele Zwangspatienten

erkranken schon vor ihrem 15. Lebensjahr.“

Prof. Dr. Katharina Domschke Leiterin der Spezialambulanz

Angst- und Zwangserkrankungen

Jeder hat in seinem Leben mit Zwängen zu tun, häufig sind sie sogar anerzogen. Wir versichern uns mit einem kurzen Blick, dass der Herd auch wirklich abgeschaltet ist. Ziehen noch mal am Türgriff zur Kontrolle, ob das Auto zu ist. Lesen den Aufsatz durch, bevor wir ihn abgeben. Tun wir das alles noch ein zweites Mal, ist das auch noch gar nicht schlimm.

Werden die ständigen Wiederholungen oder Rituale aber quälend und unsinnig, wird das Verhalten zum Zwang. „Das Verhalten wird ineffektiv. Die Betroffenen merken das, können sich aber nicht wehren“, erklärt die Fachärztin. Versuchen Betroffene sich dem Zwang zu verweigern, steigt Angst in ihnen hoch – und schließlich machen sie doch weiter. Bis sie zu 90 Prozent ihrer Zeit nur noch mit ihrem Zwang beschäftigt sind.

Für Erna M. ist das Händewaschen zu einem zwanghaften Ritual geworden. War sie auf der Toilette, wäscht sie sich wie jeder andere die Hände. Sie seift sie ein, massiert fünf Minuten lang Desinfektionsseife ein. Dann wäscht sie nochmal und nochmal – 30 Waschgänge insgesamt, immer mit fünf Minuten Einseifzeit. Erst dann greift sie zum Handtuch. Sie benutzt es nur ein einziges Mal. Danach muss es gewaschen werden, bei 90 Grad, mit Desinfektions-Waschmittel. Hat Erna die Hände gewaschen, muss das Bad geputzt werden. Es ist ja dreckig, weil sie dort ihre schmutzigen Hände gewaschen hat. Sie selbst kann das Bad nicht sauber machen, da würde sie ja wieder schmutzig werden. Also muss die Mutter das übernehmen. Und wenn Erna M. wieder zur Toilette muss, geht alles von vorne los. Das Beispiel zeigt: Der Zwang hat den Betroffenen fest im Griff – und oft auch die Angehörigen.

Erna M. ist eigentlich ein irreführender Name. Da denkt man an eine ältere Frau. Doch das ist nicht die typische Patientin von Dr. Domschke. Einen typischen Patienten gibt es nicht. Häufig beginnt das zwanghafte Verhalten schon im Kindesalter. Jungs erkranken früher als Mädchen. „Ab dem Pubertätsalter ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen.“ Die meisten Betroffenen sind junge Erwachsene, bei 85 Prozent ist die Erkrankung bis etwa zum 30. Lebensjahr voll ausgeprägt.

Auslöser für die extremen Zwänge sind häufig belastende Situationen wie Konflikte in der Familie, ein Trauerfall oder Probleme in der Schule oder auf der Arbeit. Die Suche nach den Ursachen ist deutlich schwieriger. Domschke vergleicht sie mit einem Puzzlespiel: Gene, biologische Risikofaktoren, Lernerfahrungen, Erziehungsstile, all das kann eine Rolle spielen.

In Deutschland leiden etwa ein bis zwei Millionen Menschen unter Zwangserkrankungen. Das kann ein Reinigungs- und Waschzwang sein, aber auch ein Zählzwang. „Da muss jeder Schritt gezählt werden, oder jede Gehsteigplatte“, erklärt Domschke. Beim Symmetriezwang muss alles in Paaren genau nebeneinander liegen, beim Wiederholungszwang wird alles eine bestimmte Anzahl Mal gemacht – wie bei Erna M. das 30-malige Einseifen. Wer immer wieder nachschauen muss, ob der Herd abgeschaltet ist, leidet unter einem Kontrollzwang. Auch hier hat der Zwang eigentlich einen sinnvollen Ursprung: „Das Nachschauen dient ja der Sicherheit“, so die Medizinerin. Wird der Herd aber zehn bis 20 Mal kontrolliert, ist das zwanghaft.

Neben den Zwangshandlungen gibt es auch Zwangsgedanken. Immer wieder geht den Erkrankten das gleiche durch den Kopf, zum Beispiel beim Anblick eines Messers die Idee, jemanden damit angreifen zu können. Gleichzeitig wissen diese Leute aber, dass sie so etwas nie machen würden. Andere denken beim Autofahren ständig darüber nach, dass sie jemanden überfahren haben könnten.

Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken sind eine große Belastung für die Betroffenen. „Sie empfinden den Zwang als quälend.“ Gleichzeitig schämen sie sich dafür und sprechen ihr Problem selten an. Dabei sind die Heilungschancen gut.

Hilfe finden die Erkrankten in der Spezialambulanz für Angst- und Zwangserkrankungen der Uniklinik Würzburg. „Dieser Schwerpunkt wurde Anfang des Jahres am Zentrum für Psychische Gesundheit in Würzburg eingerichtet, um Betroffenen in der Region Unterfranken ein Zwangsbehandlungszentrum mit ambulanten, aber auch teilstationären und stationären Behandlungsoptionen anbieten zu können“, erklärt die Leiterin.

Die Behandlung von Zwangserkrankungen steht auf zwei Säulen. Im psychotherapeutischen Bereich ist das hauptsächlich die kognitive Verhaltenstherapie. In sogenannten Expositionsübungen stellen sich die Patienten in Begleitung eines Psychotherapeuten der Zwangssituation und lernen, sie zu ertragen – Schmutz an ihren Händen zum Beispiel. Die zweite Säule sind Medikamente, meist Antidepressiva. Sich wirklich von den Zwängen zu befreien, nimmt einige Monate in Anspruch. „Die Mehrzahl der Patienten mit Zwangserkrankungen hat so sehr gute Heilungschancen“, sagt Katharina Domschke. Ein neurochirurgischer Eingriff ist eine weitere Therapieoption in den äußerst seltenen chronischen Fällen.

Angst- und Zwangserkrankungen

Angst: Manche Menschen haben in Situationen Angst, in denen objektiv gesehen keine Gefahr besteht. 13 Prozent aller Menschen weltweit sind von Angsterkrankungen betroffen.

Zwang: Zwangshandlungen und -gedanken sind häufig mit Angst verbunden, schränken das Leben der Betroffenen stark ein, kosten ihnen Energie und können zu Depressionen führen. Etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden weltweit unter Zwängen.

Spezialambulanz: Anfang des Jahres wurde die Spezialambulanz Angst- und Zwangserkrankungen an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Uniklinik Würzburg eingerichtet. Leiterin ist Prof. Dr. Dr. Katharina Domschke. Informationen gibt es unter www.ppp.ukw.de/klinikoder bei der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. unter www.zwaenge.de.

Eine Selbsthilfegruppe gibt es in der Region noch nicht.

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