LANDKREIS KT/WILLANZHEIM

Es geht schon wieder los

Es ist nicht zu übersehen: Sie sind wieder da. Oder immer noch. Denn die Eichenprozessionsspinner verschwinden nicht wirklich. Sie machen sich nur etwas rar. Wenn die Rahmenbedingungen wieder passen, dann vermehren sie sich massenhaft. So wie vor sechs, sieben Jahren. Die Willanzheimer Rechtler befürchten genau das für die nahe Zukunft.
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Da schau hin: Rainer Fell hat wieder ein Nest der Eichenprozessionsspinner im Willanzheimer Wald gefunden. Foto: Fotos: Ralf Dieter
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Förster Rainer Fell muss gar nicht lange suchen. „Da ist ein Nest“, sagt er und deutet auf eine frisch gefällte Eiche. „Und hier hängt auch eins“, sagt er und zeigt auf einen stehenden Baum. In Augenhöhe ist das Nest zu sehen. Wie viele Eier dort abgelegt waren? Rainer Fell kann nur grob schätzen. Eine genaue Prognose wird fast 200 Kilometer weiter südlich erstellt. In der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft in Freising.

25 Säcke mit Probenmaterial lagern aktuell im Labor der Abteilung Waldschutz. Alle kommen sie aus dem Willanzheimer Waldstück. Es ist momentan der einzige Ort in ganz Bayern, in dem sich die Eichenprozessionsspinner wieder beängstigend vermehren. Warum das so ist? Rainer Fell hat eine einleuchtende Erklärung: „Das hier war schon immer ein Hotspot“, sagt er. Lichte Wälder mit einem hohen Eichenbestand, warme und trockene Witterungsbedingungen: Für den Prozessionsspinner gibt es kaum günstigere Bedingungen. „Das ist letztendlich auf der ganzen fränkischen Platte ähnlich“, erklärt der stellvertretende Abteilungsleiter Waldschutz an der LWF, Ludwig Straßer. Von Uffenheim bis in die vordere Rhön hat der Prozessionsspinner 2009 und 2010 einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Mittlerweile ist er aber bis in den südbayerischen Raum vorgedrungen“, erklärt Straßer. Der Klimawandel lässt grüßen.

Die warmen Jahre 2014 und 2015 haben den Populationsaufbau begünstigt. Wenig Regen, heiße Temperaturen. Im Willanzheimer Wald sind wieder jede Menge Fraßschäden beobachtet worden. Rechtler und Bürger haben sich an die Bürgermeisterin gewandt, die hat beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen Alarm geschlagen. Zusammen mit Rainer Fell und seinem Kollegen Dieter Rammensee wurde die weitere Vorgehensweise besprochen: Proben nehmen, ans LWF schicken und auf die Analyseergebnisse warten. „Ohne diese Ergebnisse dürfen wir auch gar keine Bekämpfungsmaßnahme starten“, erklärt Fell.

25 Bäumen sind kürzlich ausgewählt worden. Je zehn Äste sind aus der Krone entnommen, in einen Sack gesteckt und nach Freising geschickt worden. Die Proben werden im Brutraum der LWF weiter untersucht. „Wir sehen, wie viele Raupen schlüpfen“, erklärt Straßer. Je nach Befalldichte wird eine Bekämpfung empfohlen – oder eben nicht. Rainer Fell erwartet spätestens im April eine Antwort. Im Mai ist Austrieb, dann schlüpfen die Raupen und machen sich im „Gänsemarsch“ auf Nahrungssuche. Als Falter fliegen sie von Baum zu Baum, oft bis zu zwei Kilometer weit. „Dann ist es zu spät für eine Bekämpfung.“

Die erfolgte vor sechs, sieben Jahren per Hubschrauber und dem Pflanzenschutzmittel „Dimilin“. Sehr zielführend, wie Fell meint. Die Fläche konnte begrenzt werden, das Mittel haftete gerade bei trockenem Wetter sehr gut und schädigte letztendlich nur den Prozessionsspinner. Fell würde im Fall der Fälle gerne wieder auf Dimilin zurückgreifen, doch es gibt ein Problem: Die Zulassung ist abgelaufen. Ein Antrag auf Wiederzulassung ist laut Fell unwahrscheinlich. „Die benötigten Mengen waren für den Hersteller letztendlich nicht wirtschaftlich.“ Was bleibt, sind zwei andere Mittel, deren Einsatz aber umstritten ist. Bei dem einen sind die Erfolgschancen laut Fell begrenzt, das andere schädigt so ziemlich alles, was in dem beflogenen Gebiet so kreucht und fleucht. Die Waldwirtschaft habe deshalb sogar eine Initiative pro Dimilin gestartet. Denn eines ist Fell und seinen Berufskollegen klar: Der Eichenprozessionsspinner wird sie in den kommenden Jahren weiter beschäftigen. „Alle sechs bis zehn Jahre wird es zu einer Massenvermehrung kommen“, prophezeit Fell. „Das ist der normale Zyklus.“ Erst baut sich die Insektenpopulation langsam auf, es kommt zu einer Massenvermehrung und dann brechen die Bestände wieder ein. „Im Moment befinden wir uns in der Aufwärtsphase“, erklärt Fell. Folgen zwei trockene Jahre aufeinander, beschleunigt sich der Zyklus.

Die Förster, Rechtler und alle anderen Waldnutzer hoffen deshalb auf viel Feuchtigkeit in den kommenden Wochen und Monaten. Das Problem wäre damit nicht gelöst, aber aufgeschoben. Fell: „Sonst kann es schon in ein bis zwei Jahren wieder so sein wie 2009 und 2010.“ Damals hatten etliche Bürger über Gesundheitsbeschwerden geklagt. Die feinen Härchen des Prozessionsspinners lösen nämlich heftige allergische Reaktionen aus.

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