LANDKREIS KITZINGEN

Es fehlt an Psychologen

Das Land braucht mehr Schulpsychologen. Manch einer wird angesichts dieser Forderung die Augen verdrehen. Doch es gibt Zahlen und Entwicklungen, die diese These untermauern.
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Hilfe nötig: Etwa 20 Prozent aller Schüler entwickeln psychische Auffälligkeiten. Je früher die Probleme erkannt werden, desto besser. Foto: Foto: Thinkstock
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Das Land braucht mehr Schulpsychologen. Manch einer wird angesichts dieser Forderung die Augen verdrehen. Doch es gibt Zahlen und Entwicklungen, die diese These untermauern.

„Etwa 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen entwickeln psychische Auffälligkeiten.“ Das sagt Klaus Seifried vom Berufsverband Deutsche Psychologinnen und Psychologen (BDP). Und er nennt Beispiele: Prüfungsängste, aggressives Verhalten, Lese- und Rechtschreibschwäche, Blackout in Prüfungen, übergroße Schüchternheit. Solche und andere Auffälligkeiten hat es schon immer gegeben. „Aber sie müssen erkannt und behandelt werden.“ Bei der aktuellen Versorgung mit Schulpsychologen ein Ding der Unmöglichkeit.

Der Berufsverband spricht von einer katastrophalen Versorgung. Im Durchschnitt steht ein Schulpsychologe für 8617 Schüler und 635 Lehrkräfte zur Verfügung. „Wir können deshalb nur zwei Prozent der Schüler erreichen“, sagt Seifried. „Anstatt die notwendigen 20 Prozent.“ Je weniger Auffälligkeiten rechtzeitig erkannt werden, desto weniger Schüler können letztendlich auch weitervermittelt und behandelt werden. Aufgabe des Schulpsychologen ist es, zu beraten und als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen – für Schüler, Eltern und letztendlich auch für Lehrer. Ein großes Aufgabenspektrum.

In Bayern kommt ein Schulpsychologe auf zirka 7000 Schüler. Besser als der Bundesdurchschnitt. Allerdings haben die Schulpsychologen im Freistaat eine Doppelbelastung. Sie sind meist auch als Lehrer tätig. An Gymnasien können sie vielfach nur ein Drittel ihrer Arbeitszeit für ihre psychologische Beratung einsetzen.

Raphael Bronnhuber, der als Psychologe unter anderem für das Armin-Knab-Gymnasium tätig ist, findet das grundsätzlich in Ordnung. Als Lehrer kenne man schließlich den Unterricht und die Belastungen, die damit einhergehen. Und die werden nicht weniger. „Wir haben seit einigen Jahren steigende Fallzahlen“, sagt Bronnhuber. Sein Wunsch lautet deshalb: Ein Psychologe pro Gymnasium. Und der müsste mehr Zeit für seine Beratungsarbeit haben als bislang. Die Hälfte statt ein Drittel, schwebt Bronnhuber und dem Landesverband bayerischer Schulpsychologen vor.

„Es darf nicht erst wieder zu Katastrophen wie Amokläufen kommen, damit die Politik reagiert.“
Klaus Seifried, Psychologen-Verband

Diplom-Psychologin Susanne Gutzeit ist die Leiterin der Staatlichen Schulberatungsstelle für Unterfranken in Würzburg. Auch sie spricht von einer steigenden Belastung, von Veränderungen in der Gesellschaft, mit der auch die Schulpsychologen konfrontiert werden. Aktuelles Beispiel: die steigende Zahl von Asylbewerbern und damit einhergehend eine steigende Zahl von Kindern, die eingeschult werden. Wie sieht deren Sprachförderung aus? Wie können traumatisierte Kinder begleitet werden? Fragestellungen, mit denen sich die Schulpsychologen beschäftigen. „Entsprechende Fortbildungen laufen“, erklärt Gutzeit.

Die Aufgaben für Schulpsychologen werden nicht weniger. Davon ist Gutzeit überzeugt. Familiäre Belastungen wie eine Arbeitslosigkeit der Eltern, unvollständige Familien oder die Leistungserwartungen an die Kinder sowie innerschulische Veränderungen wie die Inklusion: Eine weitreichende Beratung und Unterstützung von Schülern, Eltern und Lehrern wird auch künftig nötig sein. „Es wäre schön, wenn die Schulpsychologen mehr Zeit für diese Tätigkeiten hätten.“

Etwas mehr Zeit hat neuerdings Monika Hartig-Klein. Weil sie seit Anfang diesen Schuljahres mit Verena Einwich eine Kollegin hat. Zusammen sind sie als Schulpsychologinnen für alle Grund- und Hauptschulen im Landkreis Kitzingen zuständig. 23 Arbeitsstunden stehen dafür zur Verfügung. „Wir sind damit ganz gut aufgestellt“, versichert Hartig-Klein. Auch wenn die Anforderungen nicht weniger werden. Der Übertritt nach der vierten Klasse, Konzentrationsstörungen, die Schwierigkeit, sich in Gruppen einzubinden: „Das sind Themen, die uns vermehrt beschäftigen.“

Die Weltgesundheitsorganisation WHO fordert eine Relation von einem Schulpsychologen für 2500 Schüler. Bereits vor mehr als 40 Jahren hatte die deutsche Kultusministerkonferenz eine Mindestversorgung von 1:5000 vorgeschlagen. Fakt ist: Ein Schulpsychologe kommt im Jahr 2014 in Deutschland auf etwa 8600 Schüler.

„Jeder Schüler kann in eine Krise geraten“, warnt Klaus Seifried. Eine solide Grundversorgung und ein präventives Arbeiten seien deshalb mehr als nötig. Ins Bildungssystem müsste deutlich mehr Geld gesteckt werden. „Es darf nicht erst wieder zu Katastrophen wie Amokläufen kommen, damit die Politik reagiert“, fordert er. Denn dann ruft erfahrungsgemäß das ganze Land nach mehr Schulpsychologen.

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