Kitzingen
Tourismus

Einsam auf der Neptun

Hochwasser, Streik und schlechtes Wetter: Die erste Saison läuft schlecht für das Fahrgastschiff.
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Die Stühle sind leer: Viel zu oft ist das Schiff in seiner ersten Saison leer oder mit ganz wenigen Passagieren zwischen Kitzingen und Marktbreit gefahren. Helen Popp sitzt alleine im Gastraum und blättert im Gästebuch. Die Einträge belegen: Wer dabei war, hatte viel Spaß.
Die Stühle sind leer: Viel zu oft ist das Schiff in seiner ersten Saison leer oder mit ganz wenigen Passagieren zwischen Kitzingen und Marktbreit gefahren. Helen Popp sitzt alleine im Gastraum und blättert im Gästebuch. Die Einträge belegen: Wer dabei war, hatte viel Spaß.
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Donnerstag, halb zwölf. Die Neptun legt an. Kapitän Georg Popp vertäut das Fahrgastschiff, seine Frau Helen geht ihm zur Hand. Die erste Teilstrecke des Tages haben sie hinter sich. Von Marktbreit nach Kitzingen sind sie gefahren - und sie waren dabei, wie so oft in diesem Jahr, ganz allein. Es läuft nicht gut mit dem im Frühjahr von den Städten Kitzingen und Marktbreit so hoch gepriesenen neuen Tourismus-Highlight.

Als am Ostersamstag 2013 die Tourismus-Saison eröffnet wurde, war das auch der erste Tag für die Neptun auf dem Main bei Kitzingen. Georg und Helen Popp waren zuvor jahrelang auf dem Rhein-Main-Donau-Kanal in Nürnberg gefahren, dann ein Jahr in Forchheim. Nun hatte sich der gebürtige Miltenberger einen lange gehegten Herzenswunsch erfüllt: Sein Schiff soll auf dem Main fahren. Georg Popp hatte also Grund zum Strahlen.

180 Tage später kann von Strahlen keine Rede mehr sein, selbst das Lächeln fällt dem Kapitän inzwischen schwer. "Schlimm", sagt Helen Popp auf die Frage, wie es sich denn so entwickelt hat mit den Personenschifffahrten in Kitzingen und Marktbreit. Sie zeigt auf einen Eintrag im Gästebuch, ringt dabei sichtlich um Fassung. "Wir hatten das ganze Schiff für uns allein", steht da. Sechs Leute haben unterschrieben, berichten von einem Tag voller guter Laune und viel Spaß. Daneben haben sie ein Osterei gemalt. Der Eintrag stammt vom 1. April, gerade mal zwei Tage nach der ersten Fahrt.

Dass das Wörtchen "alleine" sie fast durch die ganze Saison begleiten sollte, wussten die Popps da noch nicht. Klar, es gab immer wieder mal Gruppen, die eine Fahrt buchten, auch Einzelpersonen wollten mitfahren. Aber es waren bei weitem nicht genug. Die Betreiber hatten auf Busgesellschaften gesetzt und auf den Radtourismus - vergeblich. Die Folge: Zu oft wurde leer oder mit zu wenig Passagieren gefahren.

So wie am Donnerstag. Nach der einstündigen Autofahrt vom Wohnort Nürnberg nach Marktbreit, wo die Neptun liegt, geht die Schifffahrt mal wieder ohne Passagiere nach Kitzingen. Eine halbe Stunde Aufenthalt, dann soll die Rundfahrt nach Dettelbach und zurück starten. Doch am Kai stehen nur vier Leute. Sie überlegen noch, ob sie mitfahren wollen - "vielleicht". Eigentlich fährt die Neptun erst ab zehn Personen. "Dann fahr` ich nur nach Mainstockheim und mach den Preis dafür billiger", teilt der Kapitän seiner Frau mit. "Wer fährt mit?", fragt die wenige Minuten später nach. Die Antwort ist deprimierend: "Keiner".

Ohne Gäste heißt es warten - bis 13.45 Uhr, dann geht es zurück nach Marktbreit. "Vielleicht", so sagen vier Radfahrer, fahren sie da dann mit. So ganz entschieden haben sie sich noch nicht. Nach Marktbreit fährt die Neptun auf jeden Fall, ob mit oder ohne Passagiere, der Halt steht im Fahrplan. Dort wieder warten, ob denn jemand um 15.15 Uhr eine Rundfahrt nach Ochsenfurt und zurück unternehmen will. Kommt keiner, ist Schluss für heute. Wieder ein enttäuschender Tag mehr.

"Wir bräuchten 25 Gäste für jede Fahrt, damit es sich rentiert", sagt Georg Popp. So viele sind es fast nie. Am Sonntag vor einer Woche, da war schönes Wetter, da sind sieben Leute in Marktbreit eingestiegen. "Das ist noch nicht mal der Sprit", sagt Helen Popp. Um die fehlenden Einnahmen der Leer- oder Minderfahrten auszugleichen, hätten mindestens zwei Gruppen pro Woche buchen müssen - die gab es aber nicht."Die Kosten laufen einfach davon", sagt Helen Popp. Um die zumindest ein bisschen zu reduzieren, wurde schon die Fahrt am Dienstag gestrichen. Donnerstags bis Sonntags kann man jetzt noch mit der Neptun fahren.

In Marktbreit wird die Personenschifffahrt deutlich besser angenommen als in Kitzingen: 70 Prozent Marktbreit, 30 Prozent Kitzingen, teilt Helen Popp das Geschäft auf, das sie in diesem Jahr gemacht haben. "Geschäft" ist aber eigentlich das falsche Wort, an Profit ist nicht zu denken. Kühle Temperaturen und viel Regen luden nicht gerade zum Schifffahren ein. Dazu kamen das Hochwasser und der Schleusenstreik. 2013 war ein denkbar schlechtes Jahr für einen Neubeginn.

Dass den Popps schon der Gedanken gekommen ist, wieder aufzuhören, ist nicht verwunderlich. 2014 wollen sie es aber auf jeden Fall noch einmal versuchen und dafür auch selbst verstärkt die Werbetrommel rühren. 20000 Prospekte haben sie in diesem Jahr herausgegeben. Helen Popp hat Firmen angeschrieben und angefragt, ob sie ihren Betriebsausflug auf dem Schiff machen wollen, auch Kontakt zu Busunternehmen gab es. "Aber das war für heuer einfach zu spät", sagt Georg Popp. Deshalb wollen sie jetzt frühzeitig auf ihr Angebot für das nächste Jahr hinweisen.

Etwas mehr Werbung vom Betreiber selbst, das ist für Walter Vierrether von der Tourist-Information Kitzingen ein wichtiger Punkt, um die Situation zu verbessern. "Von unserer Seite wurde alles getan, was möglich war", sagt er. Das Angebot stehe im Internet, Prospekte würden bei jeder Anfrage verschickt und zudem verteilt - in der Tourist-Info, am Wohnmobilstellplatz, auf Messen. Vierrether fände es schade, wenn die Betreiber aufgäben, schließlich werde mit den Schifffahrten in Kitzingen eine Lücke geschlossen. Fahrten auf dem Main gehören in Volkach und Würzburg seit Jahrzehnten zum Programm für Gäste.

"Es war einfach ein verflixtes Jahr", sagt Walter Vierrether zum Saisonverlauf und verweist auf eine Erfahrung, die auch Gaststätten machen: "Das erste Jahr ist immer das schwerste."

Die Stadt Marktbreit hat laut Bürgermeister Erich Hegwein ebenfalls versucht, die neue Touristenattraktion mit anzuschieben und dafür getan, "was in unserer Macht steht". Auch persönlich habe er die Werbetrommel gerührt und zum Beispiel Vereine bei Weihnachtsfeiern darauf hingewiesen, dass sie doch einen Ausflug mit der Neptun unternehmen könnten. Mit der schlechten Saison stehe das Schiff ja nicht alleine da. "Die anderen Schifffahrtsbetriebe sind auch nicht glücklich."

Das Betreiberehepaar lobt ausdrücklich den Einsatz von Marktbreit und Kitzingen. "Das, was sie machen, ist super", sagt der Kapitän. Trotzdem hoffen die beiden auf ein bisschen mehr Unterstützung, damit die Neptun auch künftig auf dem Main fahren kann. Noch so ein Jahr wie 2013 werden sie wirtschaftlich nicht überleben, sagen die Popps. "Es muss im nächsten Jahr eine Verbesserung geben. Sonst hören wir auf." Dass es soweit nicht kommt, darauf hoffen alle drei Seiten - Kapitän, Kitzingen und Marktbreit. Die Grundlage scheint da, denn sowohl Vierrether als auch Hegwein sagen zum Thema Neptun: "Wir sind mit dem Kapitän im Gespräch."
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