Die Mutter: Überfordert, ohne jegliches Interesse an ihrem Sohn. Der Vater: unbekannt. Der Junge, nennen wir ihn A., landet wegen der unhaltbaren Zustände schon im dritten Lebensjahr in einer Pflegefamilie. Derart entwurzelt, häufen sich die Probleme: Mit zwölf kommt A. ins Heim, danach in diverse Wohngruppen und alle möglichen sozialen Einrichtungen.

Das Leben ist eine Art Hängepartie, einen festen Platz sucht der heute 17-Jährige vergeblich. Die Kindheit – verloren. Eine tiefe innere Unruhe sorgt dafür, dass A. nicht innehalten kann. Und: Er neigt zu Widerstand gegen alles und jeden.

Das Geschiebe von Einrichtung zu Einrichtung bedeutet häufige Schulwechsel. Mit dem Ergebnis, dass es mit dem Hauptschulabschluss nicht klappt. Sein Sozialverhalten, so das Ergebnis psychiatrischer Untersuchungen, ist massiv gestört.

Kriminelle Karriere

Mit 15 beginnt dann die kriminelle Karriere: Fünf Vorstrafen sind aktenkundig, die Palette reicht von Bedrohung über Sachbeschädigung bis zu Körperverletzung. Weil sich zu viel aufgestaut hatte, saß A. schon mal zwei Wochen im Jugendarrest.

Genau in diese Phase hinein geht es Mitte März dieses Jahres mit den nächsten Straftaten weiter: Betrunken hängt er am Nürnberger Hauptbahnhof herum, ist völlig blank und verfällt auf die Idee, alkoholischen Nachschub in einem Drogeriemarkt zu stehlen. Nachdem A. erwischt wird, bekommt er Hausverbot. Was ihn nicht hindert, rund zwei Wochen später die gleich Aktion noch einmal zu starten: Wieder versucht er in der Drogerie einen Prosecco für 2,99 Euro mitgehen zu lassen – und wird erneut erwischt.

Der normale Gang der Dinge wäre, dass A. jetzt länger ins Gefängnis muss. Doch es hat sich seit ein paar Monaten erstmals etwas zum Positiven geändert: Der 17-Jährige steckt im Landkreis Kitzingen in einem Projekt, das ihn in den eigenen Wänden leben und Freiheiten lässt. Das Integrieren in Gruppen – oft das große Problem – fällt damit weg.

Und: A. geht wieder zur Schule. Geld für den Lebensunterhalt gibt es nur, wenn er sich regelmäßig im Unterricht blicken lässt. Mit der Maßnahme soll der Weg geebnet werden, um eine handwerkliche Lehre beginnen zu können.

Genau das ist der Grund für das Gericht für eine ungewöhnliche Entscheidung: A. steht zwei Jahre unter Bewährung, wobei die mögliche Strafe offen gelassen wird. Als Auflage muss er die begonnenen Maßnahmen durchziehen, bekommt einen Bewährungshelfer und es warten 80 Stunden gemeinnützige Arbeit auf ihn. Alles in der Hoffnung, dass es mit der Hängepartie endlich vorbei ist und nicht noch ein weiterer Lebensabschnitt verloren geht.