WIESENTHEID

Eine durchdachte Entscheidung

„In so einem Moment kann man nicht mehr rational entscheiden. Das ist alles viel zu emotional.“ Angela Kotter weiß, wovon sie spricht. Ihre Schwester hat vor elf Jahren eine Spenderlunge gebraucht. Die Familie hatte sich bis dahin keine Gedanken um Organtransplantation und Organspende gemacht. Jetzt hilft Kotter jungen Menschen in ganz Deutschland dabei, sich rechtzeitig mit dem Thema zu beschäftigen. Kürzlich auch in Wiesentheid.
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Überzeugt: Rebecca Bätz, Vivian Rock, Sarah Richmond und Michelle Fast wollen einen Organspenderausweis ausfüllen. Foto: Foto: Ralf Dieter
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„In so einem Moment kann man nicht mehr rational entscheiden. Das ist alles viel zu emotional.“ Angela Kotter weiß, wovon sie spricht. Ihre Schwester hat vor elf Jahren eine Spenderlunge gebraucht. Die Familie hatte sich bis dahin keine Gedanken um Organtransplantation und Organspende gemacht. Jetzt hilft Kotter jungen Menschen in ganz Deutschland dabei, sich rechtzeitig mit dem Thema zu beschäftigen. Kürzlich auch in Wiesentheid.

Das Landschulheim hatte zum großen Tag der Organspende eingeladen. Alle 10. und 11. Klassen waren involviert. Rund 240 Schüler hörten sich die Vorträge über die juristischen und medizinischen Aspekte an, diskutierten über die ethische Komponente und lauschten den persönlichen Erfahrungen von Angela Kotter. Deren Schwester hat vor drei Jahren endlich die richtige Spenderlunge bekommen. „Es geht ihr gut“, sagt sie. „Aber sie macht sich täglich Gedanken über den Spender. Sie ist der Meinung, dass es ein ganz besonderer Mensch gewesen sein muss.“

„Es gibt zu wenige Menschen, die ein Organ spenden.“
Stefan Müller, Bundestagsabgeordneter

Solche „ganz besonderen Menschen“ gibt es in Deutschland noch viel zu selten. Etwa 8000 Menschen stehen derzeit auf der Warteliste für eine Spenderniere. Die Wartezeit beträgt durchschnittlich sechs Jahre. Es hoffen etwa dreimal so viele Menschen auf eine neue Niere, wie Transplantate vermittelt werden können. Laut Deutscher Stiftung Organtransplantation sterben immer wieder Patienten, weil sie zu lange auf ein neues Herz oder eine neue Leber warten müssen.

„Es gibt zu wenige Menschen, die ein Organ spenden“, bedauerte der Bundestagsabgeordnete Stefan Müller in seinem Grußwort. Sicher hätten die Skandale der letzten Jahre zu dem negativen Image beigetragen. In mehreren deutschen Krankenhäusern sind Akten gefälscht worden, um ausgewählte Patienten zuerst mit Spenderorganen zu versorgen. „Das ist sehr schade, weil viele kranke Menschen auf ein Organ warten“, erinnerte Müller. Sein Wunsch: Das Thema müsse intensiv diskutiert werden. „Und ihr Schüler seid die Multiplikatoren.“

Michelle Fast, Sarah Richmond, Rebecca Bätz und Vivian Rock sind – so gesehen – ideale Multiplikatoren. Geht es nach ihnen, werden bald ganz viele Schüler einen Organspendeausweis ausfüllen. Die vier Elftklässlerinnen zeigten sich jedenfalls sehr angetan von dem Informationstag. Besonders Angela Kotter und Lena Westermann von „den jungen Helden“ hatten sie überzeugt.

Der Verein hatte sich quasi am Küchentisch der Familie Kotter gegründet. „Die Unwissenheit über dieses Thema war damals sehr groß“, erzählt Angela Kotter. Also haben Freunde und Familie Informationen zusammengetragen und beschlossen, ihr Wissen weiterzugeben. Vor allem an junge Menschen. „Wir wollen aufklären, aber ergebnisoffen“, erklärte Kotter. Die Entscheidung für oder gegen eine Organspende müsse eine freie Entscheidung sein. Und jeder, der sich ihr stellt, sei ein Held. Egal, wie sie letztendlich ausfällt.

Die Einstellung und die Arbeit des Vereins beeindruckte die Schüler. „Ich habe schon gefragt, ob man da ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren kann“, erzählt Richmond. Mit dem Thema Organspende hat sie sich vorher nie auseinandergesetzt. Einen Organspenderausweis will sie jetzt auf jeden Fall ausfüllen.

„Die Entscheidung eines Spenders hat das Leben meiner Schwester gerettet.“
Angela Kotter, Verein „Junge Helden“

Ab 16 Jahren kann man der Entnahme von Organen zustimmen. Ohne diese Zustimmung ist die Entnahme nicht zulässig, informierte Rechtsanwalt Jochen Müller. Außerdem muss der Hirntod festgestellt sein und ein Arzt den Eingriff vornehmen. Nach seinen Informationen warten in Deutschland derzeit rund 11000 Menschen dringend auf ein Spenderorgan. Eine klare Entscheidung in Gestalt eines ausgefüllten Spenderausweises sei für alle Beteiligten wünschenswert. Weil so Zeit und Nerven gespart werden können.

Falls nichts Schriftliches vorliegt, müssen die Ärzte nämlich den nächsten Verwandten ausfindig machen und über ihn den mutmaßlichen Willen des Verstorbenen herausfinden. Im Gegensatz zu Ländern wie Österreich oder Spanien können in Deutschland keine Organe ohne eine Einwilligung entnommen werden. „Und die Leichen müssen der Beerdigung in einem würdigen Zustand übergeben werden.“

Die Vorstellung, dass Organe aus der Leiche entnommen werden, fanden manche Klassenkollegen von Michelle Fast unangenehm. „Wir haben das Thema im letzten Jahr im Ethik-Unterricht schon mal behandelt“, erzählt sie. Danach hat sie einen Organspenderausweis ausgefüllt. Genau wie Rebecca Bätz. „Ich habe das mit meinen Eltern besprochen. Die waren auch dafür.“

Angela Kotter und ihre Mitstreiter vom Verein „Junge Helden“ wird das freuen. „Die Entscheidung eines Spenders hat das Leben meiner Schwester gerettet“, erzählte sie. „Und der gesamten Familie eine wertvolle Zeit geschenkt.“

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