KITZINGEN

Eine Reise durch die Zeit

Am Holocaust-Gedenktag bringen zwei Überlebende in der Alten Synagoge ihre Geschichte auf die Bühne.
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Joshua Engel, Lisa Haucke, Dina und Jovan Rajs (von links) beeindruckten die Schüler mit ihrer Vorstellung. Foto: Jann Weckel
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Der Saal der Alten Synagoge ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Rund 150 Schüler aus Marktbreit und Kitzingen sind da, aus der 9. und 11. Jahrgangsstufe. Trotzdem herrscht totale Stille, die Blicke sind wie gefesselt zur Bühne gerichtet. Jeder spürt die bedrückende Schwere der Vergangenheit der Darsteller im Raum.

Der Förderverein ehemalige Synagoge Kitzingen, der Arbeitskreis Ge(h)wissen Iphofen und der Träger- und Förderverein ehemalige Synagoge Obernbreit hatten, anlässlich des gestrigen Holocaust-Gedenktages, zu zwei Vorstellungen des Stücks „Das Spiel von Dina und Jovan“ eingeladen.

Vor – und nicht auf der Bühne – führen Dina und Jovan Rajs die Schüler auf Augenhöhe Szene für Szene durch ihre Kindheit zu Zeiten des Holocausts. Unterstützt werden sie dabei von den beiden jungen Berliner Schauspielern Lisa Haucke und Joshua Engel. Die Rollen wechseln von Situation zu Situation: Mal spielt Lisa die junge Dina, die in diesem Moment ihre eigene Mutter spielt. Mal ist es umgekehrt. Ähnlich verhält es sich bei den männlichen Protagonisten. Das klingt verwirrend, wird es aber nie. Zu eindeutig sind die Szenen. Das Stück enthält auch viele Erklärungen. Immer wieder wenden sich die Akteure an das Publikum, erläutern das Gesehene.

Direkt zu Beginn werden einige Schüler sogar ins Spiel eingebunden: Die erste Szene spielt lange nach dem Krieg. 1955 wird in Belgrad ein jüdischer Jugendklub gegründet. Dort lernen sich Dina und Jovan kennen. Die anderen Jugendlichen dort werden von den Schülern verkörpert, die vor der Aufführung spontan Texte erhielten. Dann springt die Geschichte an den Anfang der vierziger Jahre. Dina flieht mit ihrer Familie 1942 aus dem kroatischen Ruma nach Budapest. Unter anderem Namen und anderer Religion versuchen sie dort zu überleben.

Jovans Geschichte führt ihn aus seiner Heimatstadt Petrovgrad – das heutige Zrenjanin in Serbien – durch mehrere Arbeitslager wie Bergen-Belsen nach Theresienstadt. Beide verlieren viele Familienmitglieder, entkommen selbst mehrmals nur knapp dem Tod.

Wie man das alles aushalten kann? „Ein Kind weiß noch nicht, was da passiert. Ich habe erst als Jugendlicher wirklich darüber nachgedacht.“ Dann habe es ihn sehr deprimiert, erzählt Jovan nach der Vorstellung.

1945 erleben beide die Befreiung durch die Rote Armee. Doch die Heimat, die sie vor ihrem Leidensweg kannten, gibt es in dieser Form nicht mehr. Halt geben sie sich später gegenseitig, verlieben sich während der Treffen des Jugendklubs. „Viele haben sich, wegen des Erlebten, irgendwann umgebracht. Dina kennenzulernen hat mich gerettet“, erzählt Jovan. Eine Liebesgeschichte nach all dem Leid, die auch das junge Publikum hörbar rührt: Ein Seufzen geht durch den Raum.

Die beiden leben seit 1968 mit ihren zwei Töchtern in Schweden. Auch Israel hätte ihr neues Zuhause werden können, doch die Entscheidung fiel, nach einem Terrorangriff auf einen Schulbus dort, letztendlich zugunsten von Skandinavien.

Die schreckliche Vergangenheit war lange kein Thema in der Familie: „Wir wollten nicht, dass die Kinder diese Belastung mit sich herum tragen“, erklärt Dina. Erst seit der Medizinprofessor und die Architektin in ihrer Pension ihre Autobiografien schrieben, gehen sie mit dem Thema offensiv um, halten Vorträge in Serbien, England, Österreich und Deutschland. Jovan wollte lange mit allem Deutschen nichts zu tun haben. Die einzige Schallplatte, die jener Belgrader Jugendklub 1955 besaß, war ausgerechnet deutschsprachig. Das habe ihn damals krank gemacht.

Heute sei so etwas kein Problem mehr. Das Stück spielt größtenteils auf deutsch, feierte seine Premiere 2015 in Berlin. Dennoch habe er nie vergessen und den Tätern nie vergeben können. Aber er gibt den Schülern einer neuen Generation zum Abschluss noch mit auf den Weg: „Ein Verbrechen vererbt sich nicht.“

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