WIESENTHEID

Eine Kirche zieht um

Am Sonntag zog die Katholische Kirchengemeinde in Wiesentheid während des Gottesdienstes um. Zwei Stunden dauerte der Umzug ins Pfarrheim – dort finden die nächsten drei Jahre die kirchlichen Feiern statt.
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Die Monstranz und die Osterkerze unterwegs ins neue Heim.
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Mit einem deutlich hörbaren „Klick“ dreht Annaliese Aschermann den Schlüssel im Türschloss. Noch ein zweites „Klick“, dann ist die Tür abgeschlossen. Wie oft sie schon zuvor die Kirchentür von Sankt Mauritius in Wiesentheid verschlossen hat, weiß die Mesnerin selber nicht so genau.

Und normalerweise gehört dieser Augenblick nicht zu denen, die vom Ehemann Franz, von mehreren Fotografen, dem Pfarrer Peter Göttke und gut 200 Gläubigen aufmerksam verfolgt und für die Nachwelt dokumentiert werden. Doch an diesem Sonntagvormittag ist nicht nur das Abschließen der Kirchentür – an der später ein Touristenehepaar mit der Absicht der Besichtigung der Kirche vergeblich rütteln sollte – anders.

Die gesamte katholische Kirchengemeinde St. Mauritius macht sich auf den Weg in ein neues Quartier. Ihre Kirche wird von innen renoviert, und einen Umzug in eine evangelische Kirche wollte der Pfarrer seinen Amtskollegen nicht zumuten. „Dann müsste nämlich für jeden einzelnen Gottesdienst eine ganze Menge umgeräumt und geändert werden“, sagt der Pfarrer.

Für zwei, drei Monate wäre es wohl gegangen, aber nicht für drei Jahre. So lange nämlich wird die Renovierung dauern. Knappe zwei Stunden dauert der Umzug in die Ausweichkirche, dem vorbereiteten Gemeindesaal. „Ähnlich wie die Israeliten seinerzeit Ägypten verlassen haben, so nehmen auch wir alles mit auf unseren Weg“, sagt der Pfarrer.

Schon der eigentliche Gottesdienst ist völlig anders. Nicht allein wegen der Fahnenabordnungen im Chorraum. Auch nicht wegen den vielen Geistlichen, die am Gottesdienst beteiligt sind (neben dem Pfarrer sind das Alfons Junker, Winfried Heid, Diakon Karl Leierseder und Pater Stefan von den Schönstatt-Patres).

Und auch nicht, weil das Kreuz, die Monstranz, die Osterkerze, die Muttergottes, die Kiste mit Kinderbüchern und natürlich das Allerheiligste mit auf den Prozessionsweg genommen werden. Vielmehr ist es die Atmosphäre des Aufbruchs, die schon vor dem Gottesdienst dafür sorgt, dass auch die Kinder aufgeregter sind als sonst. Und selten sind so viele Ministranten in der Sakristei versammelt.

Der Gottesdienst fängt an wie sonst auch, und mitten im Evangelium unterbricht der Pfarrer. Der Reihe nach schickt er die Ministranten und Lektoren mit den Symbolen des christlichen Glaubens aus der Kirche, zur Prozession. Auch die Gläubigen dürfen sakrale Gegenstände raustragen, die meisten tragen die Gesangbücher.

Im Gemeindehaus wird es eng, „schließlich ziehen wir aus einem Palast aus und in ein Wohnzimmer ein“, so der Pfarrer und setzt ansatzlos wieder bei der Lesung des Evangeliums an. Die Bühne im Gemeindehaus wird zum neuen Altarraum, der Spiegelsaal, in dem sonst die Garden ihre Tänze einüben, zur neuen Sakristei. „Wir suchen noch nach einer Möglichkeit für die Garden“, sagt Kirchenpfleger Paul Schug, dem die Anspannung in großen Buchstaben auf der Stirn tätowiert scheint.

Doch alles geht gut, die Symbole finden alle ihren Platz und die Gläubigen füllen die Ausweichkirche komplett aus. Viele müssen stehen, so eng ist es im Gemeindehaus. Alles ging reibungslos über die Bühne. Die Verantwortlichen werfen sich freudige und erleichterte Blicke zu.

„Sie werden die alten Kirchenbänke oder, besser gesagt, die Kniebänke vermissen“, sagt der Pfarrer den Gläubigen, als der Gottesdienst zu Ende ist. „Die sind zum Verschüren zu schade, deshalb hat Paul Schug daraus kleine Kniebänke gemacht“, so der Pfarrer. Auf ihnen sitzen beim Gottesdienst die Kinder in der ersten Reihe, und für 25 Euro das Stück sind sie bei Schug zu haben.

Später, bei Kaffee und Kuchen im Freien, ist der Umzug das alles beherrschende Thema. Auch beim Senioren-Ehepaar Hannelore und Hermann Metschnabl aus Rüdenhausen, regelmäßige Kirchgänger in Wiesentheid. „Ich war in dieser Kirche Ministrant“, sagt Hermann Metschnabl, „es ist schon immer meine Kirche gewesen und wird es immer bleiben“.

Ja, er ist schon etwas traurig, dass seine Kirche nun drei Jahre geschlossen ist. „Aber ich bin auch glücklich, weil sie schön hergerichtet wird“. Seine Frau Hannelore fügt hinzu: „Wir freuen uns schon darauf, bald wieder einen Gottesdienst in unserer Kirche St. Mauritius feiern zu können“.

 

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