IPHOFEN

Eine Frau für die glorreichen Sieben

Im Interview erklärt Projektmanagerin Claudia Hebert, warum sich der Blick über den eigenen Kirchturm lohnt. Und wie ein Bündnis aus sieben Kommunen hilft, Geld zu sparen.
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Claudia Hebert weist seit zwei Jahren als Projektmanagerin den Weg innerhalb der Interkommunalen Allianz Südost 7/22. Foto: Foto: Eike Lenz

Ein Konferenzzimmer im Iphöfer Dienstleistungszentrum, ein großer Tisch, es riecht nach Eichenholz. Claudia Hebert hat für das Interview mit ihr in diesen Raum gebeten, der normal dem Bürgermeister vorbehalten ist. Seit zwei Jahren koordiniert sie die Interkommunale Allianz Südost, in der die Interessen von sieben Landkreis-Gemeinden gebündelt sind. Manchmal, so sagt die Allianz-Managerin, werde sie von den Leuten immer noch auf die bekannte Versicherung angesprochen. Höchste Zeit also, dieses Missverständnis aufzuklären und zu hinterfragen, was sich wirklich tut in Zimmer OG 12 der Iphöfer Verwaltung.

Frage: Es gab mal einen Werbespot mit dem Slogan „Hoffentlich Allianz versichert!“ Womit dürfen denn Gemeinden rechnen, die sich der Interkommunalen Allianz anschließen?

Claudia Hebert: Gemeinden profitieren von vielen Vorteilen, wenn sie sich in einer solchen Allianz zusammenschließen. Der ländliche Raum hat sich verändert, das stellt Kommunen heute vor neue Herausforderungen, die sie angehen müssen. Gemeinsam lassen sie sich besser und wirtschaftlicher bewältigen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Hebert: Eines der Kernthemen der Allianz ist die Förderung der Innenentwicklung in den Gemeinden. In den Altorten und älteren Siedlungsgebieten gibt es leerstehende oder stark untergenutzte Wohn- und Wirtschaftsgebäude. In den neueren Baugebieten haben wir das Problem der Baulücken: unbebaute erschlossene Grundstücke, die größtenteils in Privatbesitz sind und häufig als Geldanlage gesehen werden. Diese Lücken und Leerstände sind ausgelöst durch aktuelle Entwicklungen – Strukturwandel in der Landwirtschaft, Veränderungen im Einzelhandel, anhaltende Niedrigzinspolitik, demographische Prozesse –, und auf diese Situationen gilt es zu reagieren. Denn alle Gemeinden kämpfen mit diesen Problemen, die einen mehr, die anderen weniger.

Und der gemeinsame Nenner sind Sie?

Hebert: Genau. Die Alternative wäre, dass jede Gemeinde alleine nach Lösungen sucht. In unserem Fall wären das sieben Gemeinden oder drei Verwaltungen. So wird es zentral gebündelt – mit mir als Ansprechpartnerin, die tief in den jeweiligen Themen drin steckt. Ich weiß aus eigenen Recherchen: Wo gibt es Baulücken? Welche Gebäude stehen leer? Im nächsten Schritt wollen wir Eigentümer anschreiben, ob sie in absehbarer Zeit etwas mit ihrem Grund oder ihrer Immobilie vorhaben, ob sie möglicherweise verkaufen wollen. Wir planen dazu auch fachliche Beratung anzubieten. Grundsätzlich gilt: Nicht immer müssen sich alle sieben Gemeinden der Allianz an den Projekten beteiligen, sie können das nach Bedarf tun.

Welche Aufgaben gibt es noch?

Hebert: Bei der Archivpflege arbeiten sechs Gemeinden der Allianz Südost zusammen. Sie ist eine kommunale Pflichtaufgabe, aber kleinere Kommunen können sich eine hauptamtliche Fachkraft häufig weder leisten noch sie auslasten. Deshalb haben wir eine Archivkraft gemeinsam angestellt und dadurch die Archivpflege auf ein ganz neues Niveau gehoben. Das ist nur einer von vielen Synergieeffekten. Die Idee der Allianz ist, sich regelmäßig zu treffen und auszutauschen. Gemeinden bringen ihre aktuellen Themen ein, und meine Aufgabe ist es dann zu ermitteln, ob und wie wir Dinge gemeinsam lösen können.

Wie gehen Sie dabei vor?

Hebert: Ich schaue, wer hat Interesse an einem gemeinsamen Projekt? Was sind unsere Rahmenbedingungen? Ist das Problem schon in anderen Gemeinden oder Allianzen aufgetaucht, und wie wurde es dort gelöst? Dann überlege ich: Wären das Wege für uns? Wie können wir das finanzieren? Gibt es vielleicht sogar Zuschüsse?

Jahrzehntelang lag den Kommunalpolitikern nichts näher als der eigene Kirchturm. Wieso sollte das nun anders sein?

Hebert: Weil wir ihnen zeigen, was auf interkommunaler Ebene möglich ist. Sich zusammenzuschließen und Projekte gemeinsam zu verwirklichen ist ja nichts Neues. Im kleinteilig strukturierten Unterfranken gibt es seit mehr als zehn Jahren kommunale Verbünde, auch in unserer Nachbarschaft, etwa die „Dorfschätze“ in Wiesentheid. Diese Allianzen haben sich bewährt. Und die Gemeinden haben ja nichts zu verlieren. Die Zusammenschlüsse sind freiwillig und können jederzeit aufgelöst werden. Gemeinden profitieren sogar doppelt: Sie sparen durch gemeinsames Handeln und bekommen auch noch staatliche Zuschüsse für Projekte. Natürlich gibt es hier und da Bedenken, wenn bei Allianz-Projekten nicht nur der eigene Gemeinderat mitredet, sondern Räte mehrerer Orte entscheiden.

Haben Sie diese Skepsis selbst zu spüren bekommen?

Hebert: Ich würde es nicht Skepsis nennen, sondern vorsichtiges Herantasten. Manche sagen: „Wir wissen nicht, was uns erwartet, aber wir sind jetzt einfach mal offen. Und wir sind uns auch bewusst, dass unser Gebiet sehr vielfältig ist.“ Aber Vielfalt ist ja nichts Schlechtes. Was ich nach zwei Jahren Arbeit sagen kann, ist: Der Blick über den eigenen Kirchturm hat sich für die beteiligten Kommunen schon jetzt bewährt und zeigt erste Erfolge, nicht nur in der Archivpflege, sondern zum Beispiel auch bei den Bauhöfen. Dort schreiben wir Dienstleistungen gemeinsam aus und können deshalb viel kostengünstiger handeln.

Kann es nicht sein, dass vor allem die Perspektiven auf finanzielle Zuwendungen manche Zweifel zerstreut haben?

Hebert: Die Förderung macht es den Gemeinden sehr viel leichter, den Versuch zu wagen, gemeinsam Projekte umzusetzen. Es ist aber nicht ausschließlich der finanzielle Anreiz, sondern manche Projekte machen nur im Verbund Sinn, das Konzept eines landwirtschaftlichen Kernwegenetzes zum Beispiel. Kernwege hören nicht an der Gemarkungsgrenze auf. Beim Ausbau muss man die gesamte Region im Blick haben.

Es gibt in Iphofen seit Jahrzehnten eine konstante Zahl an Baulücken, 50 bis 60. Glauben Sie, dass die Allianz hier wirksamere Mittel zur Verfügung hat als die Stadt, um diesen stillstehenden Markt in Bewegung zu bringen?

Hebert: Die Allianz kann hier – genau wie die Stadt – nur mit den vorhandenen Instrumenten und Rahmenbedingungen arbeiten. Wir können nicht ausgleichen, was der Gesetzgeber versäumt, sondern nur weiche Instrumente einsetzen, etwa den Dialog suchen, finanzielle Anreize schaffen oder Fachberatung anbieten. Durch guten Service der Verwaltungen lässt sich vielleicht manche Hemmschwelle bei den Bürgern senken.

Sie sind jetzt zwei Jahre bei der Allianz. Wie würden Sie dem Bürger auf der Straße erklären, was Sie hier tagtäglich machen?

Hebert: Das werde ich oft gefragt. Manche Leute sagen: Allianz – ist das jemand von der Versicherung? Nein, ich betreue ein Gemeinschaftsprojekt von sieben Gemeinden, die – wo immer es Sinn macht – zusammenarbeiten. Die Liste der Aufgaben ist ja noch nicht endgültig fertig. Es gibt eine Reihe weiterer Themen und Ideen, die derzeit noch gar nicht absehbar sind, ganz zu schweigen von den neuen Entwicklungen, von denen wir noch nichts wissen. Wichtig ist, dass die Kommunen den Mehrwert einer Allianz erkannt haben und den wichtigen Schritt hin zur Zusammenarbeit gegangen sind.

Sieben Kommunen, ein Ziel

Kooperieren statt konkurrieren: Seit 2014 arbeiten sieben Kommunen mit insgesamt 22 Ortschaften im südöstlichen Landkreis Kitzingen als Interkommunale Allianz „Südost 7/22“ zusammen: Iphofen, Mainbernheim, Markt Einersheim, Martinsheim, Rödelsee, Seinsheim und Willanzheim, ein Gebiet mit etwa 13 000 Einwohnern. Ziel ist es, miteinander die Herausforderungen der Zeit zu bewältigen, etwa den Wandel in der Landwirtschaft und der Gesellschaft.

Ein Kernpunkt der Allianz ist die Entwicklung und Stärkung der Ortskerne, speziell der Kampf gegen Leerstände. Daneben geht es um die Zusammenarbeit in der Archivpflege oder bei den Bauhöfen, die Unterstützung des Ehrenamts und um ein Konzept für landwirtschaftliche Kernwege. Bei Claudia Hebert, einer studierten Geografin, laufen seit zwei Jahren die Fäden dieses vom Freistaat Bayern geförderten Projekts zusammen. Weitere Infos gibt es unter www.suedost722.de

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