Das Drogenproblem von Ingo Baumann (Name geändert) begann an einem Donnerstag im April 2002. Ein Auto hatte den Motorrad-Fahrer abgeräumt, trotz Stopp-Schild. Baumann war mehr tot als lebendig.

Die Ärzte verkürzten ein Bein, zogen Metallplatten in seinen Körper. "Zum Krüppel gefahren", sagt er selbst. Chronische Schmerzen bestimmten seither sein Leben.

Arbeitsfähig durch Cannabis


Jetzt, zehn Jahre später, steht der 48-Jährige auf seinem Balkon in Würzburg und nimmt erstmal zwei, drei Züge von seinem Joint. "Es ist eben das Einzige, das mir hilft. Durch das Zeug bin ich wieder arbeitsfähig", sagt Baumann, dann legt er die gerollte Gras-Zigarette wieder in den Aschenbecher: "Hätte ich dem Rat des Staates gefolgt, wäre ich jetzt Frührentner - vollgepumpt mit Medikamenten und Schmerzmitteln."

Sein Problem mit der Droge ist untypisch: Er darf Cannabis kaufen, er kann es sich aber nicht leisten. Und der Eigenanbau ist auch verboten. "Im Grunde ist es eine ganz traurige Geschichte", sagt Baumann.

Apotheke und Schwarzmarkt


Der Würzburger hat die staatliche Genehmigung, Cannabis-Blüten aus der Apotheke zu beziehen und zu konsumieren. Er ist einer von bundesweit 100 Bürgern mit der staatlichen Lizenz zum Kiffen.

Seit 2009 gibt es diese Ausnahmegenehmigungen. Das Paradoxe daran ist aber: Baumann darf das Cannabis zwar kaufen, bis zu 30 Gramm sind es im Monat. Es fehlt aber das Geld. "Im Monat hole ich eine Dose mit fünf Gramm für 72 Euro - wenn es das Budget erlaubt.

Den Rest muss ich mir auf dem Schwarzmarkt besorgen - so bitter es auch klingt." Auf der Straße kostet das Gramm nur die Hälfte. Dort bewegt er sich aber auch ein Stück weit in der Illegalität. "Man wird bewusst an den Rand gedrückt", klagt er.

Antrag bei Opiumstelle


Mit einem ärztlichen Attest stellte er 2009 den Antrag bei der Bundesopiumstelle. Dieser wurde nur wenige Wochen später positiv beschieden. Das Genehmigungsschreiben führt er nun immer mit sich - falls eine Polizeikontrolle ansteht.

Allerdings übernehmen die Krankenkassen nicht die Kosten für das Cannabis. Dafür muss jeder der staatlich legitimierten Konsumenten selbst aufkommen. Auch Baumann. Und das macht ihn wütend. Weil er eben nicht viel Geld besitzt. "Wer Geld hat, kann es sich problemlos leisten. Wer nicht viel Geld hat, leidet Schmerzen. Das kann doch nicht wahr sein."

Keine Medizin


Cannabis wird laut Definition nicht als Arzneimittel eingestuft, sondern gilt als Betäubungsmittel. "Die Krankenkassen sind dafür also gar nicht zuständig", sagt Dr. Franjo Grothenhermen, Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin.

Vor dem Griff zu den Joints hat Baumann die klassische Schulmedizin durchgemacht. Er hat vieles probiert, zeitweise testete er im 14-Tages-Rhythmus neue Medikamente: Tramal, Fentanyl-Pflaster, später das sündhaft teure Flüssig-THC Dronabinol.

Schmerzlindernde Wirkung


Geholfen hat fast nichts, meist traten dafür heftige Begleiterscheinungen auf. "Bauchschmerzen, starkes Schwitzen, Verstopfung - jedes Medikament hat bei mir Nebenwirkungen ausgelöst", sagt Baumann. Bis er 2004 an einem Joint zog und von der schmerzlindernden Wirkung verblüfft war: "Die Muskulatur entspannt sich binnen Sekunden. Ich schätze, dass sich die Schmerzen um etwa 70 Prozent reduzieren. So kann ich ein vernünftiges Leben führen, mehr will ich ja nicht."

Was Baumann besonders ärgert: Seit 2005, als er auf Cannabis umgestiegen ist, benötigt er keine Medikamente mehr - welche ja von den Krankenkassen übernommen werden. Auf den Kosten für das Gras bleibt er aber sitzen.

Die Ehefrau akzeptiert es


Ingo Baumann ist verheiratet, ein bodenständiger Mann, er spielt liebevoll mit seinem Sohn und ist sozial integriert. Der Joint in der Hand passt - rein optisch - irgendwie nicht ins Bild. "Natürlich ist das noch verpöhnt. Meine Frau sieht aber, dass Cannabis mir hilft. Also akzeptiert sie es. Sie weiß ja, wie es ist, wenn ich leide", sagt er.

Unter der Woche ist der Würzburger zuhause, kümmert sich um den Sohnemann. Am Wochenende arbeitet er in seinem Ein-Mann-Betrieb. Für ein halbwegs schmerzfreies Leben gibt er im Monat rund 250 Euro für Cannabis aus - ausschließlich von seinem eigen verdienten Geld. "Das Gehalt meiner Frau steht vollständig der Familie zur Verfügung", sagt er.

Den Großteil seines Monatsbedarfs kauft Baumann auf dem Schwarzmarkt, weil es eben billiger ist. Er will sich aber nicht in einer rechtlichen Grauzone bewegen. Deswegen hat er bei der Bundesopiumstelle einen Antrag gestellt, in der heimischen Wohnung das Gras anbauen zu dürfen - und hat gleich noch einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel hinterhergeschickt.

Eilantrag abgelehnt


Zwei Jahre ist das schon her, ein Eilantrag wurde abgelehnt - aber Baumann und sein Berliner Rechtsanwalt Matthias Schillo sind in Berufung gegangen. Auch laufen noch Verfahren anderer Kläger: "Bis eine Entscheidung fällt, kann es noch dauern. Es wird aber eine Leitentscheidung werden, richtungsweisend für künftige Verfahren", sagt Schillo, der Baumann kostenfrei vertritt.

Baumann hat sogar schon Sicherheitspläne für den Anbau in seiner Wohnung erstellt, er würde sich regelmäßig kontrollieren lassen, auch unangekündigt. Außerdem, argumentiert Baumann, seien die Pflanze für Dritte doch sowieso uninteressant. "Wer buddelt denn bitte eine unfertige Pflanze aus, wenn daneben ein Döschen mit Blüten steht?"

Bis zum Bundesverfassungsgericht


Baumann und Schillo werden ihren Kampf fortsetzen, ganz gleich, wie lange er dauert. Schillo: "Notfalls machen wir bis zum Bundesverfassungsgericht weiter. Schließlich geht es hier um Menschenrechte." Für Ingo Baumann geht es um ein normales Leben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.