IPHOFEN

Ein altes Haus für die Zukunft

Enge Gassen, wenig Platz, kaum Gärten, keine Parkplätze – es gibt viele Gründe nicht im Altort zu leben. Trotzdem . . .
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_ Foto: RICHARD SCHOBER
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Enge Gassen, wenig Platz, kaum Gärten, keine Parkplätze, Gestaltungssatzung und dazu noch Nachbarn direkt auf der Grundstücksgrenze – es gibt viele Gründe nicht im Altort zu leben. Trotzdem kam es für mich und auch für meinen Mann nie in Frage, ein neues Haus zu bauen, womöglich noch in einem Neubaugebiet. Dass unser Haus ein Denkmal in der Iphöfer Altstadt wurde, war dagegen eher Zufall.

Es war ein Gefühl, eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Wahrscheinlich auch, weil ich in der Iphöfer Altstadt aufgewachsen und die Enge gewohnt bin. Ich kenne Nachbarn, die genau wussten, wann wer und wie lange zu Besuch war. Mich stört das nicht. Denn diesen Nachbarn fällt auf, wenn etwas nicht stimmt oder Hilfe gebraucht wird. Auch dass nicht nur junge Familien in unserer Nachbarschaft leben, finde ich gut.

Kein Stuck, kein Schnickschnack

Gut finde ich auch, dass ich durch unser saniertes Haus ein Teil Iphöfer Geschichte bewahren kann. Das Haus wurde Ende des 18. Jahrhunderts gebaut und war ein kleiner Bauernhof. Dementsprechend hat und hatte das Haus keine reichhaltigen Stuckverzierungen, kein Zierfachwerk oder sonstigen Schnickschnack. Auch die Lage war nichts besonderes, zwar in der Nähe des Marktplatzes und der Kirche, aber doch weit weg von einem repräsentativen Platz.

„Das Geringe bedarf oft mehr des Schutzes als das Bedeutende“, schreibt der Wiener Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Max Dvorák 1915 in das Standardwerk Katechismus der Denkmalpflege und daran hat sich auch nach über 100 Jahren nichts geändert. Für meine Familie ist das Geringe sehr bedeutend geworden. Viele Wochenenden lang klopfte mein Mann Gipsplatten weg, schaffte Schutt aus dem Haus und schliff uralte Balken ab. Die ein oder andere Überraschung kam zu Tage – positiv wie negativ: Freuten wir uns eines Tages über einen 500 Jahre alten Holzbalken im Dachstuhl, ging die Stimmung an einem anderen in den Keller, als wir erfuhren, dass das Haus kein Fundament hat. Nicht nur einmal fragten wir uns, ob es richtig war, ein Denkmal zu sanieren. Doch aufgeben kam nicht in Frage. Auch weil wir wussten, dass wir keine Neubau-Menschen sind.

Alte Häuser und Wohnkomfort

Schon Dvorák erkannte, dass alte Häuser nicht abgerissen werden müssen, um sie auf den aktuellen Stand des Wohnkomforts zu bringen. Er hat recht. Allerdings muss ich zugeben, dass es in unserem Fall relativ leicht war. Es gab im Inneren wenig, was erhalten war. In den 70er Jahren wurde sogar überlegt, ob man das Haus abreißen sollte, da der Erhalt fast unmöglich schien. Bei der Sanierung ging etliches schief, aber das Haus wurde gerettet – allerdings auf Kosten historischer Substanz.

Wände und Böden aus Lehm und Stroh waren mit Gipsplatten verkleidet und litten in den 40 Jahren bis wir das Haus 2014 kauften mehr als in den fast 200 Jahren zuvor. Mit alten Techniken – unter anderem mit Schilfrohrmatten und Kalkputz – wurde der Originalzustand seit weit wie möglich und sinnvoll wieder hergestellt. Doch auch die Moderne hat in unserem Haus Einzug gehalten. Der originalerhaltene Dachstuhl ist nach neuestem Stand gedämmt und auch sonst wurde auf Energieeffizienz geachtet, wo es möglich war. Wir wollten Altes bewahren, was nicht heißt, dass wir Neuem verschlossen gegenüberstehen. An unserem jahrhundertealtem Haus steht ein Wintergarten aus Stahl und Glas – und das ist auch gut so.

Altes und Neues lassen sich gut miteinander verbinden und auch die Behörden wie das Denkmalamt standen dem offen gegenüber. Selbst die Iphöfer Gestaltungssatzung war kein Monster. Sicher, in Altorten kann nicht so frei gebaut werden wie in einem Baugebiet. Das heißt nicht, dass man seine Wohnideen nicht verwirklichen kann. Auch in Altstädten kann ein moderner Wohntraum erfüllt werden. Planer, die es in vielen Orten im Landkreis gibt, und Programme wie Städtebauförderung und Dorferneuerung helfen dabei.

Mit dem positiven Effekt, dass die Attraktivität des Altorts bewahrt bleibt, nicht mehr Flächen als nötig in Baugebieten versiegelt werden und somit die Zukunft des gesamten Ortes gesichert ist. Oder wie der Architekt und Künstler Friedensreich Hundertwasser sagte: „Wer die Vergangenheit nicht ehrt, verliert die Zukunft, wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen.“

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