MARKT EINERSHEIM/ KREIS KT

Ein Zuhause für Waisenkinder

Zehn Jahre sind vergangen. Zehn Jahre voller Herzblut, Schweiß und Tränen. Viele davon waren Freudentränen. Aber nicht alle.
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Ein Bild kann mehr sagen als 1000 Worte: Auf die Kinder, die „Dedunu“ in seine Obhut genommen hat, warten Lebensfreude, Bildung, Sicherheit, Zukunft, Gesundheit und Geborgenheit. Foto: Foto: FAy
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Zehn Jahre sind vergangen. Zehn Jahre voller Herzblut, Schweiß und Tränen. Viele davon waren Freudentränen. Aber nicht alle.

Werner Müller sitzt an seinem Esstisch in Markt Einersheim. Vor ihm liegen drei dicke Ordner. Der 49-jährige Buchhalter betrachtet Bilder aus Sri Lanka, aus dem Waisenhaus Dedunu. Nach dem verheerenden Tsunami an Weihnachten 2004 war die Hilfsbereitschaft weltweit groß. Werner Müller, seine singhalesische Frau Nishanthi und Dutzende Gleichgesinnte gründeten in Markt Einersheim den Verein „Projekt Waisenhaus Sri Lanka e.V.“, um den Ärmsten der Armen zu helfen: den Kindern.

720 000 Euro sind mittlerweile in das Projekt geflossen. Wie im Zeitraffer lässt Werner Müller die Waisenhaus-Geschichte mit Hilfe der Bilder vorbeiziehen. „Das hier ist Damith“, zeigt er auf einen jungen Mann, der unbeschwert in die Kamera lächelt. „Er ist jetzt fast 20 Jahre alt, sehr intelligent und handwerklich begabt.“

Es gibt von Damith auch andere Fotos. Ganz hinten im Ordner. Sie zeigen einen Zehnjährigen mit verschlossenem Gesicht. „Ich kann mich genau an seine ersten Worte erinnern“, sagt Müller nachdenklich. „Er hat gefragt: 'Wie lange kann ich hier bleiben?'“ Was wäre aus Damith geworden, wenn es Dedunu nicht gäbe?

Die Antwort ist Achselzucken. Ni-shanthi und Werner Müller können sich gut denken, wie es dem Halbwaisen mit der schwer kranken Mutter ergangen wäre. So wie vielen „übrig gebliebenen“ Kindern, die sich nach der schrecklichen Flut irgendwie durchzuschlagen versuchten.

Dankbar – und doch voller Sorge

Nishanthi und Werner lernten einander schon viele Jahre vor dem Tsunami kennen – bei einer Hochzeit auf Sri Lanka. Die beiden verliebten sich und sind inzwischen selbst seit 20 Jahren verheiratet, haben zwei Töchter, leben in Markt Einersheim. Die Verbindung zu Nishanthis Familie ist eng geblieben. Nachdem ihre Mutter und ihre Geschwister die Naturkatastrophe überlebt hatten, war die Dankbarkeit riesig; aber ebenso riesig war die Sorge um die Kinder, denen die Eltern genommen worden waren. Die Müllers sammelten in kurzer Zeit 10 000 Euro. „Die Hilfsbereitschaft hat uns überwältigt!“ Ein Freund und früherer Steuerberater aus Markt Einersheim, der vor Jahren ausgewandert war, kaufte vor Ort Essen, Babynahrung und alles, was akut gebraucht wurde, und brachte es zu den Notleidenden.

100 Prozent fürs Projekt

Für die Müllers war rasch klar: Die Soforthilfe soll keine Eintagsfliege bleiben. „Wir wollen langfristige Hilfe zur Selbsthilfe leisten.“ Mit Landrätin Tamara Bischof als Schirmherrin gründeten sie den Waisenhaus-Verein. Dedunu ist Singhalesisch und heißt Regenbögen. Regenbögen sollen Hoffnung, Licht und Farbe ins Leben zurückbringen. „100 Prozent unserer Einnahmen kommen dem Waisenhausprojekt zugute“, stellt Werner Müller klar.

Auf einer Anhöhe südlich der Hauptstadt Colombo kaufte der Verein ein Grundstück und errichtet das Dedunu-Haus mit Wasserturm, Wirtschaftsgebäude und Garten für bis zu 32 Kinder ab anderthalb Jahren. 14 Mitarbeiter kümmern sich rund um die Uhr um ihre Schützlinge, die in der Dorfschule die Grundlagen für eine gute Zukunft legen können.

„Wir schmieren keinen,

das ist einer unserer

Grundsätze.“

Werner Müller, 1. Vorsitzender

Dedunu finanziert sich Monat für Monat aus den Beiträgen der 31 Dedunu-Vereinsmitglieder und der rund 100 Projekt- und Bildungspaten, aus Spenden und dem Erlös von Projekten – etwa dem Sri-Lanka-Buffet-Service, dem Sri-Lanka-Tag oder Essensständen auf Märkten. Jeden Flug habe er selbst bezahlt, nie Spesen oder solche Dinge berechnet, betont der Vereinsvorsitzende Müller – und trotzdem gab es vor einigen Jahren ein Erlebnis, das vor allem Nishanthi sehr deprimiert und zermürbt hat. Ein damals noch Unbekannter versuchte, die Müllers mit anonymen Briefen in Misskredit zu bringen. Ohne Erfolg zwar. „Trotzdem war das sehr schlimm. Da hätte ich heulen können“, sagt Nishanthi.

Werner Müller hat das Erlebnis auch bedrückt, aber sein Kampfgeist ist stärker. „In zehn Jahren, da kriegt man soooo ein breites Kreuz“, sagt er und spreizt die Hände weit vom Körper ab. „Bei so einem Projekt ergeben sich immer wieder ungeahnte Probleme“, erzählt der 49-Jährige. Bis genügend geeignete Mitarbeiter gefunden waren, habe er in einige Abgründe geblickt. Auch mit korrupten Behörden habe er einiges erlebt. „Wir schmieren keinen, das ist einer unserer Grundsätze.“ Leider macht dieser das Leben auf Sri Lanka nicht leichter.

„Trotzdem habe ich erfahren: Es gibt immer irgendwo eine Lösung“, konstatiert Müller. Seine Frau lacht: „Ja, er denkt da inzwischen fast schon Singhalesisch: 'Das wird schon.' Ich dagegen denke oft sehr Deutsch: 'Ist es der ganze Stress wert?'“

Wie lautet die Antwort? Werner Müller muss nicht lange überlegen. Er zeigt auf die Bilder im Ordner. „Schauen Sie diese Kinder an. Das ist alles, was zählt.“ Nishanthi nickt. „Wenn man sieht, wie sie sich entwickeln, wie ihre Augen wieder glänzen, dann ist aller Stress vergessen.“

Immer neuen Elan gibt den 30 aktiven Helfern des Vereins auch das Interesse der Bürger an Dedunu. „Manchmal kommen Kinder und bringen uns ihr Geburtstagsgeld für die Waisen in Sri Lanka. Oder Musiker geben kostenlos Konzerte für Dedunu. Firmen unterstützen uns mit Sach- und Geldspenden. Alle Sponsoren begleiten uns seit zehn Jahren, keiner ist abgesprungen. Das ist gigantisch“, stellt Werner Müller fest. „Ohne diese Unterstützung hätten wir nicht zehn Jahre bestehen können!“ Sowohl Müller als auch die meisten Helfer stehen voll im Berufsleben. „Deshalb sind wir weiterhin jedem dankbar, der nach unserem Motto mit anpackt: Viele Hände tragen leichter!“

Wie wird es in Sri Lanka weitergehen? „Derzeit läuft es sehr gut. Hausmeister Sarat ist die gute Seele des Kinderhauses, die Kinder lieben ihn“, erzählt Werner Müller. Die ersten Dedunu-Bewohner – zum Bespiel Damith – sind auf dem Weg in ein eigenständiges Leben. Sie werden eigene Regenbögen auf Sri Lanka entstehen lassen, da ist Müller sicher. Wie es politisch auf der Insel weitergeht, müsse man abwarten – erst im Januar ist eine neue Regierung gewählt worden. „Definitiv gibt es eine Umbruchs-Phase.“ Doch was auch geschehen mag, für Werner Müller gilt: „Dedunu ist eine Lebensaufgabe.“

ONLINE-TIPP

Mehr Bilder unter www.inFranken.de

Wofür steht Dedunu? Wer hilft mit?

Heimat: Sri Lanka ist ein landschaftlich reizvoller Inselstaat im Indischen Ozean. Die Bevölkerung wurde von Bürgerkrieg und Naturkatastrophen wie dem verheerenden Tsunami 2004 jedoch stark gebeutelt. Die Schwächsten der Gesellschaft leiden am meisten – die Kinder. Das „Dedunu Children Home Project“ bei Beruwela (Westküste) gibt 32 verwaisten Jungen ab dem Kleinkindalter eine Ersatzfamilie: Liebe und Geborgenheit, Essen, medizinische Hilfe und Zukunftschancen durch Bildung.

Hilfe: Der vor zehn Jahren in Markt Einersheim gegründete Verein „Projekt Waisenhaus Sri Lanka e.V.“ will das Dedunu-Kinderhaus langfristig finanzieren. Dazu kann jeder beitragen: als Sponsor (Spendenkonto Projekt Waisenhaus Sri Lanka e.V., Sparkasse Mainfranken, IBAN DE02 7905 0000 0000 011551), als Helfer bei regionalen Veranstaltungen im Raum Kitzingen, etwa beim jährlichen Sri-Lanka-Fest, oder als (Bildungs-)Pate. Schirmherrin ist Landrätin Tamara Bischof.

Informationen: www.dedunu.de oder Tel. (0 93 26) 9 01 36 (Werner Müller, Vorsitzender) bzw. Tel. (0 93 23) 54 57 (Erni Seufert-Ellmann, stellvertretende Vorsitzende). *ldk*

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