Kitzingen

Ein Tropfen in der Wüste

Unter dem Motto „Pflege am Boden“ protestieren seit einem Jahr einmal im Monat Pflegekräfte gegen die ihrer Meinung nach untragbaren Zustände in ihrem Beruf. Lokaler Organisator der bundesweiten Aktion ist der Buchbrunner Markus Oppel, seines Zeichens Krankenpfleger.
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Bodennaher Protest: Pfleger aus dem Landkreis Kitzingen nutzten das Nachbarschaftsfest am Samstag auf dem Marktplatz zu ihrer letzten Protest-Liegeaktion. Von 11.55 Uhr bis 12.05 Uhr legten sich rund 20 Personen – Pfleger und Passanten – auf das Pflaster und demonstrierten gegen den Pflegenotstand. „Die Pflege ist am Ende und kurz davor, dass Ihnen der Pflegedienst um die Ohren fliegt“, so Sprecher Markus Oppel. Foto: Foto: Gerhard Bauer
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Unter dem Motto „Pflege am Boden“ protestieren seit einem Jahr einmal im Monat Pflegekräfte gegen die ihrer Meinung nach untragbaren Zustände in ihrem Beruf. Lokaler Organisator der bundesweiten Aktion ist der Buchbrunner Markus Oppel, seines Zeichens Krankenpfleger.

Frage: Haben Sie eigentlich Ihren Traumberuf?

Markus Oppel: Mit den richtigen Rahmenbedingungen wie Mindestpersonalregelung und der Gewissheit, an seinen freien Tagen und im Urlaub nicht ständig angerufen und zum Einspringen zitiert zu werden und Konsequenzen angedroht zu bekommen wenn man Nein sagt – dann: Ja!

Gibt es – neben Personalmangel – weitere Probleme?

Oppel: Die hohe körperliche und psychische Belastung, keine Lobby und leider auch keine ausreichende Professionalisierung der Pflege.

Sie sind in Kitzingen der Initiator von „Pflege am Boden“ – wie kam es zu Ihrem Engagement?

Oppel: Ich bin schon immer für die Interessen der Allgemeinheit eingetreten. Pflege am Boden in Kitzingen brauchte einen Verantwortlichen. Ich war bereit, die Verantwortung zu übernehmen.

Die erste Aktion in Kitzingen war . . .

Oppel: . . . im Oktober 2013. Dank Facebook und einigen hundert engagierten Pflegekräften und pflegenden Angehörigen sind wir bei 150 Städten bundesweit, die in den zwölf Monaten teilgenommen haben.

Wie sah es bei der Teilnehmerzahl aus?

Oppel: Wechselnd. Zwischen 20 und 83 Teilnehmer in Kitzingen.

Zufrieden damit?

Oppel: Auch hier ist es wechselhaft. Es gibt noch deutlich Potenzial nach oben.

Was hätte besser laufen können?

Oppel: Eigentlich bin ich ziemlich zufrieden, wie es gelaufen ist. Leider hat es nicht geklappt, eine zusätzliche Organisatorin zu motivieren. Alleine kann ich es in der bisherigen Situation nicht mehr durchführen.

„Eine sehr hohe Rate an psychischen Erkrankungen wie Burn Out.“
Markus Oppel über die Belastung in der Pflege
Der blödeste Kommentar?

Oppel: 'Das bringt ja eh nix!'

Ihr Fazit nach einem Jahr?

Oppel: Pflege am Boden hat sich in der Gesellschaft konsolidiert. Wir sind ein Begriff geworden. Immer mehr Pflegekräfte erwachen aus ihrem Dornröschenschlaf und sind bei verschiedenen Gruppen aktiv. Wir haben einen Funken, der in manchen Pflegekräften schlummerte, zu einer Flamme entfacht. Der Flächenbrand lässt leider noch auf sich warten. Niemand in der Politik wird mehr behaupten können, dass dies nicht bekannt war.

Warum treten Sie jetzt kürzer?

Oppel: Mein gesundheitlicher Zustand ist aufgrund der Arbeit aber auch meines vielfältigen Engagements nicht mehr so gut. Aber wir werden weiterhin liegen. Jeden zweiten Samstag im Monat zwischen 11.55 und 12.05 Uhr. Außerdem werden wir den anderen Städten mal einen solidarischen Besuch abstatten. Infos gibt es auf der Facebook Seite „Pflege am Boden Kitzingen“ oder unter www.pflege-am-boden-kitzingen.de.

Wie sehr schlaucht der Kampf?

Oppel: Eine Kollegin bat mich neulich, den Kampf gegen die Windmühlen aufzugeben. Ich fühle mich tatsächlich manchmal wie Don Quijote. Aber es gibt auch immer wieder tolle Momente, wenn sich Unterstützergruppen zu einer gemeinsamen Aktion anmelden.

War es manchmal zum Verzweifeln?

Oppel: Ja, einmal! Als wir nach der Kommunalwahl mit den Teilnehmerzahlen in den Keller gerauscht sind, war ich kurz vorm Aufgeben.

Warum passiert so wenig?

Oppel: Es passiert einiges – aber nicht genug. Die Pflegereform von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe ist nicht mal ein Tropfen auf dem heißen Stein, sondern nur ein Tropfen in der Wüste! Was ist 40 Jahren versäumt wurde, können auch wir nicht durch persönliches Aufopfern in einem Jahr aufholen! Die Pflege hat keine Lobby. Wir haben keine berufliche Selbstverwaltung und auch keine einheitliche Ausbildung.

Beispiele aus dem Arbeitsalltag?

Oppel: Vor zehn Jahren war man auf einer 30-Betten-Station in einer Chirurgie im Frühdienst zu acht im Dienst. Heute ist man – wenn man Glück hat – zu zweit oder dritt mit einer Hilfskraft. Die Fachkraftquote von 50 Prozent in Pflegeheimen kann kaum noch eingehalten werden. Hier wird jetzt mit Betreuungskräften versucht, die Zahlen zu beschönigen. In der ambulanten Pflege wird immer noch nach der Minutenpflege gearbeitet, beispielsweise fünf Minuten für eine komplette Zahnpflege mit Vor und Nachbereitung – das ist nicht unsere Vorstellung von Menschenwürde. Wir haben eine sehr hohe Rate an psychischen Erkrankungen wie Burn Out.

Ihr Wunsch?

Oppel: Dass ich nicht von Arbeitgebern und Pflegekräften für mein Engagement schief angeschaut oder bestraft werde – sondern dass wir uns alle zusammen für eine bessere Pflege in Deutschland einsetzen.

Am meisten nervt mich . . .

Oppel: . . . der Spruch 'Das geht mich nichts an!' Fakt ist: Pflege geht jeden an!

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