Marktbreit
Inklusion

Ein Ort, um wieder Halt zu finden

Im Johanna-Kirchner-Haus in Marktbreit leben viele Menschen mit seelischen Problemen. Sie lernen dort, diese in den Griff zu bekommen. Wie ihnen das gelingt, brachten sie beim Sommerfest mit farbenfrohen Kunstwerken zum Ausdruck.
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"Wir sind bunt" taufte Sonita (2. von rechts) ihre Figur, die sie beim Sommerfest im Johanna-Kirchner-Haus im Garten ausstellte. Das Bild zeigt sie zusammen mit AWO-Bezirksgeschäftsführer Martin Ulses, Katharina, Kai Sterzbach, Ulrike Schürger (stellv. Leitung) und Franz Bernitzky (Leitung).  Fotos: Thomas Meyer
"Wir sind bunt" taufte Sonita (2. von rechts) ihre Figur, die sie beim Sommerfest im Johanna-Kirchner-Haus im Garten ausstellte. Das Bild zeigt sie zusammen mit AWO-Bezirksgeschäftsführer Martin Ulses, Katharina, Kai Sterzbach, Ulrike Schürger (stellv. Leitung) und Franz Bernitzky (Leitung). Fotos: Thomas Meyer
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Sonita lebt jetzt seit über einem Jahr im Johanna-Kirchner-Haus in Marktbreit. Sie ist freiwillig da. Als sie kam, wog sie noch 40 Kilo. "Die Ärzte hatten schon alle Hoffnung aufgegeben. Meine Diagnose: magersüchtig und dehydriert. Ich wurde zwangseingewiesen und zwangsernährt", erinnert sie sich mit einem dünnen Lächeln.
Heute hat die 25-Jährige wieder Normalgewicht und sagt, dass sie sich hier sehr wohl fühlt. Sie hat eine Freundin gefunden, mit der sie sich gut versteht. "Wir gehen Kuchen und Eis essen", erzählt sie. "Das wäre früher für mich undenkbar gewesen." Essen war ihr ein Greuel.

Im Johanna-Kirchner-Haus kann sie sich entfalten. Die Einrichtung der AWO ist eine Übergangseinrichtung für Menschen mit seelischen Problemen. Maximal fünf Jahre kann ein Patient hier bleiben, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt derzeit allerdings schon deutlich unter drei Jahren. Größtes Ziel der Einrichtung ist die Inklusion (Wiedereingliederung) der Leute in das "normale" Leben. Nach der intensiven Betreuung im Haus können die Menschen unter Umständen in eine Wohnung in der Nähe wechseln und das Einrichtungsverbundene Wohnen (EBW) in Anspruch nehmen.

Das Haus steht seit Jahren unter der erfolgreichen Leitung von Franz Bernitzky und Ulrike Schürger, die am Sonntag auch wieder gemeinsam mit ihrem Team zum traditionellen Sommerfest und Tag der offenen Tür einluden. Jede Gruppe hatte zum Fest ein eigenes Kunstwerk geschaffen. Bei der Präsentation ihrer Werke brachten drei Heimbewohner auch viele Gefühle zum Ausdruck.

Sonita hat einen lebensgroßen Pappkameraden erschaffen. "Ohne Geschlecht", betont sie ausdrücklich. Modell stand ihr Gruppenbetreuer, der Diplom-Sozialpädagoge Axel Fischer. Gefertigt ist das Werk aus Maschendraht, Papier und Gips. Es trägt den Titel: Wir sind bunt. Aufgemalt haben 18 Bewohner des Hauses ihre Heimatflagge: Deutschland, Rumänien, Äthiopien, Vietnam, Cuba, Türkei, Italien oder Frankreich sind dort zu sehen.

Eine weitere Heimbewohnerin, Ruth (Name geändert), stellte beim Sommerfest zusammen mit ihrem Betreuer und Gruppenleiter Peter Ott ihren Zauber-Baum vor. Es ist ein Nussbaum, der im Garten frisch eingepflanzt wurde. Ruth hat verschiedene von der Gruppe gebastelte Früchte und Tiere an dem Bäumchen befestigt. "Das ist ein Zauberbaum," erzählt die zierliche Frau in den Vierzigern. Früher war sie selbst Erzieherin. Heute ist sie es, die Hilfe braucht. Sie zeigt auf eine kleine Puppe im Baum: "Die wohnt hier im Baum und heißt ,ich bin ich'."
Die Dritte im Bunde war am Sonntag die 27-jährige Katharina. Sie wohnte fünf Jahre im Haus und hat jetzt mit einer Freundin eine gemeinsame Wohnung in Marktbreit bezogen. "Das Johanna-Kirchner-Haus ist eine ganz tolle und wichtige Einrichtung. Niemand konnte mir mehr helfen, aber hier habe ich gelernt sämtliche Krisen zu bewältigen", erzählt sie. Sie kam damals nach einem Suizidversuch als so genannte "Borderlinerin" aus Aschaffenburg nach Marktbreit, nachdem sie gehört hatte, dass man ihr hier vielleicht helfen könne. "Ich kam freiwillig und habe mich sofort wohl gefühlt", verrät sie überglücklich. Sie gestaltete mit der Gruppe-3 unter der Leitung von Kai Sterzbach einen Baum, der den Titel "Halt geben" trägt. "Er soll auch anderen Mut geben", sagt die junge Frau, die ihren Halt erst nach langer Odyssee in Marktbreit wiederfand.










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