Das Ganze nennt sich „Life plus“, und Leben war tatsächlich in der Bude, als der Iphöfer Stadtrat das erste Mal über das Thema diskutierte. Der mit offenem Visier ausgetragene Konflikt zwischen Bürgermeister Josef Mend und der CSU-Fraktion war zwar vornehmlich dem Umstand geschuldet, dass der bestellte „Experte“ der Regierung von Unterfranken die Gebietsgrenzen für das Naturprojekt völlig falsch zog. Die CSU sorgte sich um die Interessen der Winzer, Landwirte und des großen Gips-Veredlers am Ort. Doch auch nachdem diese Bedenken aus der Welt geschafft waren, blieb leise Skepsis für das Vorhaben, das Ende Dezember dann nach vier Jahren zumindest formal als voll-endet gilt.

Ein guter Hirte

An diesem Wochenende wird mit einem zweitägigen Abschlussfest offiziell an all die Fortschritte und Erfolge des Life-Projekts rund um Iphofen erinnert – und wohl auch daran, wohin das viele Geld geflossen ist. Rund 1,63 Millionen Euro haben sich Europäische Union, Freistaat Bayern und Stadt Iphofen das Projekt kosten lassen, und der vielleicht spektakulärste Moment trug sich vor etwas mehr als drei Jahren im Sommer 2011 zu. Der damalige bayerische Umweltminister Markus Söder hatte sich in Hellmitzheim angesagt, um einen Scheck zu überbringen. Mitten auf einer Wiese war ein Zelt aufgestellt worden, viel Prominenz war erschienen – und da wollte sich der stets zupackende Minister nicht lumpen lassen. Er öffnete also das Gatter, betrat eine Weide mit ein paar gemächlich grasenden Rindviechern und schaffte es tatsächlich, die Tiere von einer Koppel auf die andere zu treiben.

Einzigartiger Mittelwald

Neben dem Scheck brachte Söder eine Botschaft mit: Life plus als Inbegriff für den Schutz der natürlichen Ressourcen und des Artenreichtums. Rund 3100 Hektar Natur, in der Regel bereits durch die einige Jahre vorher umgesetzte FFH-Richtlinie gesichert, wurden in und um Iphofen unter besondere Obhut gestellt. Dabei geht es um besseren Schutz bedrohter Pflanzen- und Tierarten durch neue Tümpel und Biotope, um Lehrpfade, den Erhalt von Kulturlandschaften sowie um verstärkte Öffentlichkeitsarbeit. Zentrales Element ist der Mittelwald, der in seiner Größe als einzigartig in Mitteleuropa gilt. Unumstritten war das alles nicht. Von „Sahnehäubchen-Naturschutz“ sprach Klaus Brehm. Das Geld, „das wir jetzt abgreifen, um unserer Bachmuschel noch etwas mehr Luxus zu gönnen“, sei an anderer Stelle sinnvoller untergebracht, sagte der Stadtrat im Herbst 2010. Doch werde bei der EU „nicht die große Vernunft einziehen, wenn ich hier mit Nein stimme“. Verweigere sich Iphofen, rücke ein anderer Bewerber nach. Deshalb sehe er die Sache pragmatisch. „Bevor die Gelder anderswohin fehlgeleitet werden, lassen wir sie lieber nach Iphofen fehlleiten.“ Gut 330 000 Euro muss die Stadt Iphofen selbst tragen. Die Kritik Brehms zielte auch darauf, dass sich solchen Luxus nur Kommunen leisten könnten, die das Geld dazu hätten.

Hauptattraktion des Schutzgebiets ist der Mittelwald zwischen Iphofen, Uffenheim und Bad Windsheim, ein 365 Hektar großes Biotop, „das letzte großflächig genutzte Mittelwald-Gebiet in Deutschland“, wie die projekteigene Internetseite stolz verkündet. Diese Wälder seien eng verzahnt mit naturnahen Wiesen und Bachtälern, in denen sich eine Fülle seltener und gefährdeter Arten entwickle. Die gern zitierte Bachmuschel gehört dazu, genau wie Kammmolch, Ortolan, Gelbbauchunke, Rotmilan sowie eine Reihe von Schmetterlingsarten wie Spanische Flagge oder Ameisenbläuling. Es ist eine Art Renaissance des Mittelwalds, den der Stadtrat vor Jahren in seinem Ärger über staatlich gekürzte Fördergelder schon mal dem Untergang geweiht hatte. Heute informiert ein schmucker Holzpavillon nahe der Bildeiche nach Birklingen über den ganzen Stolz des Iphöfer Kommunalwaldes.

Touristischer Anreiz

Zu den Reizen des Projekts zählen auch ein Weidetierkonzept auf einer alten Hutung bei Hellmitzheim, drei kleinere Naturerlebnispfade oder ein historischer, 0,5 Hektar großer Weinberg, der mit seiner Natursteinmauer auch als Biotop für seltene Reptilien wie die Schlingnatter dient. Mit Life plus hat auch der Tourismus rund um Iphofen neues Leben erfahren. Viele Gäste kommen inzwischen auch wegen dieser Attraktionen und im Tourismusbüro Iphofens können sie dem anspruchsvollen Kunden „Natur auf dem Silbertablett“ präsentieren, wie dessen Leiterin Claudia Bellanti sagt. Auf den drei Kilometer langen Erlebniswegen etwa bekomme der Gast genau das geboten, was „unsere Landschaft“ ausmacht. Auch die Schulen nehmen das Angebot immer wieder gerne an.

Fünf dieser Life-plus-Projekte gibt es derzeit in Unterfranken, in Bayern sind es 22.