Kitzingen

Ein Jahr im Landtag: Klingen (AfD) wagt auch den Alleingang

Der Politiker aus Markt Einersheim sitzt für die Rechtspartei im Landtag. Dort hat er unruhige Zeiten in seiner Fraktion erlebt, und dass die Luft für die Opposition dünn ist.
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Christian Klingen aus Markt Einersheim sitzt für die AfD in dem 18. Bayerischen Landtag, der sich am 5. November 2018 konstituiert hat. Foto: Michael Mößlein

Wer von einem Vertreter der AfD einen Politiker erwartet, der mit lautstarken Parolen auf sich aufmerksam macht, der die Bühne sucht, um politische Überzeugungen unters Volk zu bringen, der dürfte von Christian Klingen enttäuscht sein. Daran hat das zurückliegende Jahr, in dem er für die rechte Partei im Bayerischen Landtag sitzt, nichts geändert. Daran mag es liegen, dass die persönliche Bilanz des 54-Jährigen aus Markt Einersheim fast so farblos daherkommt wie dessen weißes Haar.

Das Gespräch mit dieser Redaktion findet in Klingens Bürgerbüro in Kitzingen statt. Dieses ist im ersten Stock der Marktstraße 15, einem Haus am Marktbrunnen, in das ein unscheinbarer Hauseingang führt. Die Klingel ist derzeit defekt. Einziger Hinweis auf Klingens AfD-Büro: Ein DIN-A4-Zettel an der Glastür.

Über Gegner verliert Klingen im Gespräch kein böses Wort

Der Abgeordnete profiliert sich nicht und teilt im Gespräch mit keinem Satz aus. Über politische Gegner verliert er kein böses Wort. Im Gegenteil: "Selbst mit den Grünen kann man vernünftig reden", sagt er. Als Opposition versuche die AfD im Landtag zu schauen, wo sich Anträge mit eigenen Meinungen decken. Diese würden dann unterstützt, sagt Klingen, der auch den Alleingang nicht scheut. So stimmte er laut der Webseite Abgeordnetenwatch am 17. Juli als einziger AfD-Vertreter für den Gesetzentwurf "Artenvielfalt stärken – Bienen retten". Dass ihre Anträge gegen CSU und Freie Wähler keine Mehrheiten erhalten, das gehe anderen Oppositionsparteien genauso wie der AfD, meint Klingen.

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Umweltpolitik ist sein Steckenpferd. So gefällt ihm neben seiner Mitarbeit im Medienrat besonders seine Arbeit im Landtagsausschuss für Umwelt und Verbraucherschutz. So kam er zu seiner ersten Rede im Plenum; er leugnete darin den menschengemachten Klimawandel. Vor seiner Zeit als Abgeordneter arbeitete er an der Uni Würzburg in der Stabsstelle für Arbeitssicherheit, Tier- und Umweltschutz. Thematisch hat sich für Klingen also nicht viel geändert. Geändert haben sich jedoch die Arbeitszeiten: Der geregelte Acht-Stunden-Tag als Beamter wich dem Leben als Politiker, mit Sitzungen bis spät in die Nacht. Von Dienstagvormittag bis Donnerstagabend ist er grundsätzlich in München, im Plenum, in Arbeitskreisen und Ausschüssen, abends oft bei Veranstaltungen, erzählt er. Am Wochenende stehen Termine in seiner Heimat sowie als Vorsitzender des AfD-Kreisverbands Kitzingen im Kalender. Viel Freizeit bleibt da bei einer 70- bis 80-Stunden-Woche nicht. Freunde beschwerten sich manchmal, Termine mit ihm zu finden, gibt er zu. Weil sein Hauptberuf als Politiker ihn zwingt, viel zu sitzen, hat Klingen mit Sport begonnen.

Die AfD-Fraktion ist in zwei Flügel gespalten

Neben Klingen gehören 19 weitere Abgeordnete der AfD-Fraktion im Landtag an. Zwei Abgeordnete haben ihr im Streit über die politische Ausrichtung den Rücken gekehrt. Bekannt ist, dass der Rest der Fraktion in zwei Flügel gespalten ist: Den "völkischen" um Fraktionsvorsitzende Kathrin Ebner-Steiner, zu dem auch der weitere unterfränkische AfD-Landtagsabgeordnete, Richard Graupner, zählt, und einen gemäßigteren. Letztgenanntem, "der bürgerlichen Mitte", wie er es ausdrückt, rechnet sich Klingen zu. Er möchte konstruktiv mitarbeiten, "nicht hereinbrüllen".

"Selbst mit den Grünen kann man vernünftig reden."
Christian Klingen, Landtagsabgeordneter der AfD

Wie sich der parteiinterne Streit auf seine Arbeit als Landtagsabgeordneter ausgewirkt hat, darüber möchte Klingen nicht sprechen. Doch vor der Wiederwahl von Ebner-Steiner zur AfD-Fraktionsvorsitzenden Ende September hatte er laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung  gemeinsam mit zwei weiteren AfD-Abgeordneten der Frontfrau der Rechtsaußen vorgeworfen, mit "schier unglaublichen Machtstreben (...) jede Grenze" zu überschreiten. Dies sei "nicht die AfD, in die wir eingetreten sind", werden die drei AfD-Parlamentarier zitiert. Klingen war der AfD-Klausur dann auch fern geblieben.

Auf Facebook teilt Klingen vor allem Inhalte von anderen

Doch wie präsentiert Klingen sich selbst in der Öffentlichkeit? Eine eigene Webseite existiert noch nicht. "Das hat länger gedauert", entschuldigt er sich und kündigt einen Newsletter an, den er übers Internet verbreiten möchte, denn nicht jeder sei in Facebook. In dem sozialen Netzwerk präsentiert er sich als Landtagsmitglied. Allein der Blick auf die von ihm im Oktober veröffentlichen rund 40 Posts zeigen allerdings: Inhalte über seine eigene politische Arbeit und die Region lassen sich an einer Hand abzählen. Und er sammelt damit verhaltene Zustimmung. Klingens Pressemitteilung zu Krankenhäusern etwa finden zwar 82 User gut (Stand 30. Oktober). Den Post zum Tag der offenen Tür im Kitzinger Landratsamt liken aber nur neun User. Deutlich besser laufen die von Klingen weitergeleiteten Posts über Kriminalfälle, die "Deutschland im Würgegriff von Terror und Gewalt" zeigen, wie es auf einem geteilten Post von AfD-Politiker Jörg Meuthen heißt. Dasselbe gilt für die verbreiteten AfD-Slogans, die von AfD-nahen Usern auch kräftig weiterverbreitet werden.

Doch wie ist Klingen außerhalb der von sozialen Medien geförderten Dunstblase ansprechbar? Auf Veranstaltungen im Stimmkreis, zu denen er eingeladen wird, sagt er, da komme mittlerweile jede Woche etwas. Dennoch: Im Vergleich zu anderen Politikern sieht man ihn eher selten. Ob er als AfD-Vertreter bisweilen absichtlich nicht auf der Gästeliste steht? Er sieht das nicht so.

Zu sprechen ist Klingen auf jeden Fall in seinem Kitzinger Bürgerbüro, nach Anmeldung montags ab 11 Uhr. Viele Menschen würden sich telefonisch oder per E-Mail melden. Anfragen von Bürgern, jüngst etwa zu möglichen Gefahren durch 5G-Mobilfunk, leite er an zuständige Stellen in München weiter, "dort werden die auch vernünftig behandelt", so seine Erfahrung.

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