UNTERLAIMBACH

Ein Ire wühlt sich durch den Dialekt

„Ich schreibe sehr gerne. Wenn ich nicht schreibe, dann fühle ich mich leer.“ Killen McNeill sitzt in seinem gemütlichen Wohnzimmer im beschaulichen Unterlaimbach und schaut nachdenklich drein. Ganz so, wie man sich einen Schriftsteller vorstellt. Wache blaue Augen, ein bisschen introvertiert, aber stets aufmerksamer Beobachter und Zuhörer.
Artikel drucken Artikel einbetten

„Ich schreibe sehr gerne. Wenn ich nicht schreibe, dann fühle ich mich leer.“ Killen McNeill sitzt in seinem gemütlichen Wohnzimmer im beschaulichen Unterlaimbach und schaut nachdenklich drein. Ganz so, wie man sich einen Schriftsteller vorstellt. Wache blaue Augen, ein bisschen introvertiert, aber stets aufmerksamer Beobachter und Zuhörer.

Dabei ist der gebürtige Nordire eigentlich Englischlehrer. Einige Bücher sind bereits von ihm veröffentlicht worden. Im Jahr 2012 wurde er für seine Geschichte „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh" vom Verlag ars Vivendi mit dem 1. Fränkischen Krimipreis für Nachwuchsautoren ausgezeichnet. „Nachwuchsautor mit 62 Jahren klingt schon eher lustig“, scherzt er, schaut aber trotzdem stolz auf seine Trophäe. Heuer erschien sein Buch „Am Strom“, das er erstmals selbst auf Deutsch verfasst hat. Seine vorherigen Bücher wurden bislang ins Deutsche übersetzt.

„Am Strom“ handelt von vier jungen Menschen, die 1968 einen gemeinsamen Urlaub an der Donau verbringen. „Zwei von ihnen werden heiraten, ihr Glück in Ehe und Familie suchen. Einer wird alles daran setzen, seinen linken Idealen treu zu bleiben. Und einer wird auf der Insel sterben“, heißt es in der Inhaltsangabe. Das deutet auf einen spannenden Krimi hin, doch das ist es nur am Rande. „Es ging mir vielmehr darum, einen Lebensweg vom großen Glück zum Scheitern zu beschreiben. Wie geht man mit dem Scheitern um?“ Das Thema treibt ihn merklich um.

Die Rolle der 60er

So ist es auch nicht verwunderlich, das sein Protagonist Erwin an vielen Dingen des Lebens verzweifelt, in der Liebe wie beruflich. Während sein Vorgängerroman „Am Schattenufer“ mitten in den 70er Jahren spielt und den nordirischen Glaubenskonflikt aufgreift, beginnt der „Strom“ zwar 1968, ist aber eigentlich ein Rückblick von heute auf damals. Die späten 60er spielen nicht ohne Grund eine Rolle in McNeills Leben und sind auch nicht zufällig in seinen Büchern gewählt. Es ist eine Zeit des Aufbruchs. In Nordirland, wo Killen McNeill 1953 in Kilrea geboren wurde, herrscht zu dieser Zeit Bürgerkrieg zwischen Protestanten und Katholiken.

Mit seinen damals gerade mal 15 Jahren muss er miterleben, wie „die Hauptstraße seines Heimatortes in einen Schutt-, Staub- Glassplitter- und Backsteinhaufen“ verwandelt wird. Auch wenn er – selbst als Protestant aufgewachsen – heute nicht mehr gläubig sei, so habe ihn der nordirische Konflikt sehr zum Nachdenken angeregt. „Die Protestanten müssen dazu stehen, dass die Katholiken ungerecht behandelt wurden.“

Mit Blick auf das damalige Europa, das im krassen Gegensatz zu Nordirland den Ruf nach geistiger und körperlicher Freiheit – ganz im Zeichen von Woodstock – ausgelebt hat, muss es für den jungen McNeill ein Kulturschock gewesen sein, als er mit 23 Jahren das erste Mal deutschen Boden betritt. Als Austauschstudent kommt er 1973 nach Erlangen. Weniger an der Uni als vielmehr bei seinem Semesterferienjob in der Düngemittelfabrik Günther wird er mit dem fränkischen Dialekt konfrontiert – und er lernt ihn offenbar lieben. Denn er bleibt hier. „Ich spreche ja auch kein Oxford-Englisch, sondern Kilrea. Ich bewege mich gerne im Dickicht des Dialektes am Rande der Hochsprache, da geht es interessanter und lebhafter zu“, sagt der 62-Jährige.

Ein Grund vielleicht, warum ihm der jetzige Roman „Am Strom“ buchstäblich aus den Fingern lief. Im Gegensatz zu seinen anderen Werken, für die er in Englisch wohlgemerkt vier bis fünf Jahre brauchte, habe er für dieses 294 Seiten starke Buch mal gerade zwei Jahre am PC gesessen. Zugegeben, „meine Lektorin hat vielleicht mehr Arbeit mit mir gehabt, aber es ist für mich leichter, deutsche Dialoge zu schreiben, weil sie authentischer sind. Ich höre sie jeden Tag.“

Der Franke mit irischem Akzent ist seit 1979 mit seiner Frau Brigitte verheiratet, mit der er ein Haus in Unterlaimbach renoviert hat und das mittlerweile „wie ein Handschuh passt“. Hand in Hand scheinen die beiden nicht nur beruflich als Lehrerkollegen gegangen zu sein, sondern auch mit der Liebe zur (Unterhaltungs-)Kunst. In ihrer Scheune und weit über den Landkreis hinaus machen sie mit ihrer Band „Nauswärts“ gemeinsam Musik. Die dritte CD erscheint demnächst. Die Texte dafür sowie für das Kabarett-Duo McNeills und Winkler schreibt Frau Brigitte. In dieser Zeit sitzt Killen McNeill am liebsten in seinem Büro und arbeitet an seinem nächsten Projekt.

Am Strom ist am 21. April 2015 im ars vivendi Verlag erschienen und kostet 18,90 Euro.

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.