WIESENTHEID/GEESDORF

Ein Baugebiet macht Angst

Der Maulwurf baut sich eine Höhle, die Menschen bauen Häuser. Wichtig ist bei beiden das Material. Entscheidend ist der Untergrund. Um den gibt es im Wiesentheider Stadtteil Geesdorf derzeit Diskussionen. Bei den Menschen, wohlgemerkt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Dokumentation: Am Nachmittag des 12. Mai ging ein Riss durch das Wohnzimmer von Horst Wagner. Foto: Fotos: Ralf Dieter
+1 Bild

Der Maulwurf baut sich eine Höhle, die Menschen bauen Häuser. Wichtig ist bei beiden das Material. Entscheidend ist der Untergrund. Um den gibt es im Wiesentheider Stadtteil Geesdorf derzeit Diskussionen. Bei den Menschen, wohlgemerkt.

Horst Wagner hat sein Haus in den 90er Jahren gebaut. Seine Eltern wohnen dort, im Anbau wohnt er mit seiner Familie. Der Blick vom Balkon aus ist herrlich, er geht weit über die Felder hinaus in die Landschaft. Das Leben verlief ruhig und friedlich. Bis vor rund drei Wochen. Da rückten die Bagger an. Vier Bauplätze sollen im Anschluss an die Straße „Leinwasen“ entstehen.

Im ganzen Land müssen sich Hausbesitzer damit abfinden, dass vor ihrer Tür gebaut wird. Wenn die Pläne genehmigt sind und der Grund als Bauplatz ausgewiesen ist, gibt es nichts dagegen einzuwenden. In Geesdorf gibt es dennoch eine Besonderheit. Kurz nach dem Start der Bauarbeiten hat sich etwas verändert. „Wir haben einige Risse im Haus“, sagt Horst Wagner.

In der Garage beziehungsweise Werkstatt sind die Risse nur zu sehen, wenn der Hausherr darauf hinweist, im Wohnbereich dagegen sind sie deutlich zu erkennen. „Wir haben uns gleich an die Gemeinde gewandt“, erzählt Wagner. Sein Wunsch war klar: ein sofortiger Baustopp. Doch die Arbeiten gingen zunächst weiter. Spätestens am Montag vor zwei Wochen war es Wagner zu viel. „Am Nachmittag hat es einen Schlag getan“, erinnert er sich. 14.45 Uhr war es. Das hat er sich gemerkt. Seither zieht sich ein langer Riss durchs Wohnzimmer und einige Deckenbalken haben sich gelockert. „Meine Tochter ist seither sehr schreckhaft“, sagt er.

Der Schreck ist auch Wagners Mutter in die Glieder gefahren. Sie spricht von schlaflosen Nächten. Und seiner Tante, die ein paar Meter in der Straße wohnt, geht es nicht anders. Seit Samstag vor zwei Wochen hat auch sie Risse im Haus beobachtet. Ein dritter Anlieger hat sich auch schon gemeldet. „Bei dem geht es auch los“, sagt Wagner. Zwischen dessen Haus und dem neuen Baugrundstück liegen rund 100 Meter.

„Das ist echt unglücklich gelaufen“, sagt Richard Scheller vom Bauamt in Wiesentheid. Voraussehbar seien die Schäden aber nicht gewesen. Horst Wagner ist da ganz anderer Meinung. Bei dem Untergrund wundern ihn die Probleme nicht.

Was die Spargelbauer freut, ist für die Häuslebauer ein Problem. Geesdorf ist von sandigem Boden umgeben. Und der Grundwasserspiegel im Bereich des Baugeländes ist sehr hoch. Für die Kanalarbeiten der letzten Tage musste viel Wasser abgepumpt werden. Wagners Vermutung: „Dabei sind die Schäden entstanden.“

Wenn die Spunddielen für die Kanalarbeiten eingebracht werden, dann kommt es zu erheblichen Vibrationen, sagt auch Richard Scheller vom örtlichen Bauamt. „Intakte Bauwerke müssen solche Erschütterungen aber verkraften.“ Gut, dass im Vorfeld der Arbeiten ein so genanntes Beweissicherheitsverfahren durchgeführt wurde. Ein Gutachter hat den Zustand des Gebäudes genau dokumentiert. Anhand der Aufzeichnungen lässt sich nachvollziehen, ob die Risse von den Kanalarbeiten stammen. So lange sind die Bauarbeiten eingestellt. „Falls das der Fall ist, werden wir eine gütliche Lösung suchen“, sagt Scheller. Im Moment gehe es um die Schadensbegrenzung. Und um die Suche nach Alternativen. „Es gibt moderne Bauweisen, die auch bei diesem Untergrund funktionieren“, sagt er.

Der zuständige Architekt Rudy Laatsch bestätigt das. Er wartet im Moment noch auf den Bericht des Gutachters, der das Beweissicherungsverfahren durchgeführt hat. „Zeitgleich überlegen wir uns Alternativen, die eine Gefahr für die Häuser ausschließen“, erklärt er. „Gleichzeitig müssen sich diese Alternativen natürlich in einem wirtschaftlich vernünftigen Rahmen bewegen.“ Für Laatsch ist es eine ganz neue Erfahrung, die er in Geesdorf macht. „So extrem problematisch habe ich es noch nie erlebt“, sagt er. Für ihn sei es im Vorfeld nicht zu erahnen gewesen, dass es zu derartigen Problemen kommen könnte.

Horst Wagner ist da anderer Meinung. Er hat wegen des Untergrunds beizeiten gewarnt. Jetzt wartet auch er ganz gespannt auf das Ergebnis des Gutachters. Falls die Bagger wieder anrollen, weiß er, was er zu tun hat. „Wenn weiter gebaut wird, bleibt mir wohl nur der Weg zum Rechtsanwalt.“

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren