Der größte Feind der deutschen Eiche ist nicht der Prachtkäfer und auch nicht der Prozessionsspinner; der größte Feind wächst langsam von unten heran und raubt der Jungpflanze mit seinen Stacheln und Trieben die Lebensgrundlage. Im Iphöfer Stadtwald stehen an diesem regnerischen Montagabend die Damen und Herren des Stadtrats und blicken dem Feind ins Auge: Schwarzdorn, wohin man auch sieht.

Problem für den Förster

Auf gut 400 Hektar hat sich der bei Forstwirten wie Rainer Fell ungeliebte Strauch bereits im Unterholz ausgebreitet. Fells Männer bekämpfen den Schwarzdorn mit der Hand – eine Sisyphusarbeit, beschwerlich und teuer. 80 Stunden Dornenhacken auf jedem Hektar, die Stunde 25 Euro – da kommt im Jahr ein hübsches Sümmchen zusammen. Fell hat den Stadtrat wie jeden Sommer zur Exkursion in den Wald eingeladen. Im großen Reisebus ist die Gruppe dieses Mal unterwegs, der Ausflug hat etwas von Safari in Afrika, nur die wilden Tiere fehlen. Aber bevor Fell das Mikrofon im Bus ergreift, hat er noch Dringenderes zu erledigen.

Fell hat seinen Hund am Parkplatz in Iphofen vergessen, wo der Bus bei Nieselregen gestartet ist. Jetzt hängt das Tier mit der Leine am Außenspiegel von Fells Wagen, und der Förster muss mit dem Handy erst einmal die Tochter anrufen – damit die sich um den verwaisten Hund kümmert. Der Empfang bei Dornheim ist schlecht, aber die Botschaft kommt an. Als Fell das Handy vom Ohr nimmt, atmet er hörbar auf.

Mit viel Vorsicht steuert der Fahrer den schweren, ungelenken Bus über enge Waldwege, vorbei an Schafswiesen und gelben Getreidefeldern. Das Ziel: die deutsche Eiche. Im Nenzenheimer Wald zeigt Fell den Stadträten eine vom Schwarzdorn überwucherte Kultur. Etliche Eichen hier sind überaltert und wenig vital, weil sie seinerzeit aus dem Stock heraus gewachsen sind, nicht aus einem Kern, wie es für die Qualität der Wurzel wichtig wäre. In diesem Revier kommt es darauf an, den aus der Eichelmast entstandenen Jungtrieben Licht zu verschaffen. Der Schwarzdorn steht im Weg und muss weg, möglichst ohne die dazwischen wachsenden Eichenjungpflanzen zu beschädigen.

Die Eiche dominiert den Stadtwald Iphofen, zwei von drei Bäumen sind Eichen. Mit den stattlichen Exemplaren ist immer noch viel Geld zu machen, und das ist ja das Ziel des Forstwirts. „Die Eiche“, sagt Bürgermeister Josef Mend, „ist für Iphofen seit jeher wichtig, und das soll für die nächsten Generationen so bleiben.“ Die Gruppe, umgarnt von blutrünstigen Bremsen, steigt zurück in den Bus. Es geht weiter auf engen Pfaden. Nach Dornheim.

Hier steht Fell auf einer „Schokoladenseite“ des Stadtwalds, wie er sagt. Schnurgerade wächst der junge Wald empor, ohne großen Pflegeaufwand. Es ist eine imposante Kathedrale der Natur: Die Baumkronen sind wie ein Dach, lassen Licht nur durch kleinere Fenster. Die Dornen gehen ein – weil es ihnen an Helligkeit gebricht. In ein paar Jahren steht hier die Verjüngung an, dann wird der Bestand gelichtet. Neue, junge Eichen können so gedeihen. Förster Fell sagt: „Was in anderen Bereichen harte Arbeit ist, ist hier Spielerei.“

Wild schlagen einige aus der Gruppe mit den von Fell verteilten Arbeitsblättern um sich – die Bremsen sind dieses Jahr wirklich schlimm. Nicht einmal im Bus hat man Ruhe vor ihnen. Der Förster spricht davon, dass momentan kaum Schädlinge unterwegs seien, er meint nicht die Bremsen, sondern Prozessionsspinner und Prachtkäfer. „Für die Eichen waren es zuletzt zwei wunderbare Jahre“, sagt er. Viel Regen, das mögen die Bäume, die Schädlinge eher weniger, wie man hier an vielen vitalen Exemplaren sehen kann.

Erst mal 30 Jahre wachsen

„Zukunftsbäume“, nennen sie die Forstfachleute, und gemeint sind Exemplare, die 150 Jahre und mehr vor sich haben, wie die im Possenheimer Wald, dem nächsten Ziel der lustigen Reise. Dicht an dicht stehen die Bäume hier nebeneinander, Fell lässt sie erst einmal dreißig Jahre wachsen. Sie dehnen sich aus, nach oben, weil sie zur Seite keinen Platz haben. Das sind ideale Bedingungen für einen Baum, damit er einmal groß und stark wird. Nach 30 Jahren fängt der Förster an, zu sortieren. Die 80 stärksten Bäume auf einem Hektar bleiben stehen, sie können sich fortan entfalten. „Wenn das ins Ziel kommt“, so Fell, „haben wir gewonnen.“

Der Stadtrat hat genug gesehen, es ist kühl und düster geworden. Rainer Fell hat sein Bestes gegeben, hat den Räten die Dialektik des Waldes zu zeigen versucht: hier Bilder, in denen er als Fachmann „nichts falsch machen kann“, dort Situationen, in denen er gefordert sein wird, „den nachfolgenden Generationen etwas Besseres zu übergeben“. Die Eiche wird dabei die bedeutendste Rolle spielen. Fell sagt: „Wenn wir Wald haben wollen, kommen wir um die Eiche nicht herum.“ Die Eiche wird es gerne gehört haben an einem Abend, der nur ihr gewidmet war.