Da staunte nicht nur der Laie. Da staunten auch Richter und Staatsanwalt. Auf der Suche nach der Wahrheit haben sie es nicht selten mit allzu vergesslichen Tätern zu tun, mit Baron Münchhausens Erben oder mit wahren Verdrängungsspezialisten. Am Montag jedoch stand in Kitzingen ein Kaufmann vor Gericht, der sich aus freien Stücken selbst angezeigt hatte. Grund: Er war zuhause aggressiv geworden und hatte seine Frau erheblich im Gesicht verletzt.

An einem Samstagmorgen im September war der zweifache Vater beim Frühstück mit der Familie ausgerastet. Aus einem verbalen Streit, in dem es um eines der Kinder ging, wurde ein Fall für den Chirurgen. Aus rund anderthalb Metern Entfernung schleuderte der Kaufmann einen Porzellan-Eierbecher gegen den Kopf seiner Ehefrau. Diese erlitt eine etwa drei Zentimeter lange Risswunde unterhalb des linken Auges. Ihr Sehvermögen wurde glücklicherweise nicht beeinträchtigt.

Nach der Attacke erstattete nicht etwa die Frau Anzeige bei der Polizei, sondern der Mann meldete sich freiwillig auf dem Revier. Im Jahr zuvor war er schon einmal gewalttätig gegen seine Angetraute geworden - damals mit Schlägen gegen ihren Arm. Mit solchen Ausbrüchen müsse jetzt ein für allemal Schluss sein, meinte der Angeklagte vor dem Amtsgericht. Er habe sich deshalb nicht nur der Justiz gestellt, sondern auch ein Anti-Aggressions- sowie ein Persönlichkeitstraining begonnen.

"Hat es schon geholfen?", fragte der Vorsitzende Richter. Der Kaufmann antwortete: "Ich denke schon, dass ich mich jetzt eher unter Kontrolle habe und einen Streit nicht vom Verbalen ins Körperliche abrutschen lasse." Er werde die Therapiesitzungen auf jeden Fall fortsetzen; das wolle auch seine Frau so.

Ob das Paar denn noch zusammen sei, wollte der Richter wissen. Ach das bejahte der Angeklagte. "Mich wundert das auch, dass sie weiterhin zu mir steht. Unser Verhältnis ist unbelastet." Auch die Kinder hätten den Vorfall mit dem Eierbecher nicht mehr thematisiert.

"Ein Kavaliersdelikt war das nicht", stellt der Vorsitzende klar. Für gefährliche Körperverletzung könne es langjährige Haftstrafen geben. Im vorliegenden Fall gebe es aber viel Positives zu berücksichtigen: dass der Angeklagte voll einsichtig sei, keine Vorstrafen habe und bereits einen Anti-Aggressions-Kurs absolviere. Unter der Auflage, dass der Kaufmann dieses Training weiterführt und 1200 Euro an den Verein Wildwasser e.V. zahlt, stellte der Richter das Verfahren ein.