KITZINGEN
Mafia

Ehrgeiziger Boxer mit Kontakten zur armenischen Mafia

Fäuste fliegen, Schüsse fallen in Erfurt. Soweit Medienberichte über spektakuläre Ermittlungen gegen die armenische Mafia in Thüringen. Spielt ein Boxer aus Kitzingen dabei eine Rolle?
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IBO-WM Halbschwergewicht Murat - Reeves
Karo Murat Foto: Axel Heimken (dpa)

Im April 2017 wundern sich deutsche Fernsehen-Zuschauer. Sie wollen eigentlich den Boxkampf zwischen Arthur Abraham und Robin Krasniqi sehen. Der ist gerade zu Ende, als neben dem Ring eine weniger sportliche Schlägerei beginnt: Fäuste und Stühle fliegen. Mehrere Männer gehen auf einen Zuschauer in der ersten Reihe los. Sie prügeln sich vor laufenden Kameras.

Blutige Lippe

Bilder zeigen später den Attackierten mit blutig geschlagener Lippe: Karo Murat (34) – der aus Kitzingen kommende Boxer armenischer Abstammung – hat ausgeteilt und einstecken müssen. Seine Lippe ist blutig geschlagen.

Murat ist ein bekannter Name in der deutschen Boxszene, Weltmeister der International Boxing Organization im Halbschwergewicht, 36 Kämpfe, drei Niederlagen, ein Unentschieden. Der gebürtige Armenier hat für die Polizei keine Erklärung für den Überfall.

An Schießerei beteiligt

Aber Fachleute zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität beim Landes- und Bundeskriminalamt schauen genau hin und sehen: Die Beteiligten der Schlägerei (einschließlich Murat) sind die gleichen, gegen die bereits 2014 wegen einer mörderischen Schießerei unter Armeniern vor einer Spielothek in Erfurt ermittelt wurde.

Clanchefs

Dabei wurden zwei Männer schwer verletzt, von denen einer laut Bundeskriminalamt weit oben in der Hierarchie der armenischen Mafia angesiedelt ist. Angeblich soll er aus Frankreich gekommen sein. Dort und in Belgien werden hochrangige Chefs der armenischen Mafia vermutet. Die Schießerei – so vermuten es OK–Ermittler – ist der Höhepunkt einer schon länger währenden Auseinandersetzung zweier Clans der armenischen Mafia.

In einem späteren Gerichtsverfahren wird der Hauptschütze zu einer Haftstrafe verurteilt, weitere Beteiligte kommen mit Bewährungsstrafen davon, die Hintergründe bleiben unbekannt. Die Schießerei wird Anlass für das Bundeskriminalamt (BKA) und sechs Landeskriminalämter, in einem geheimen Verfahren zur Organisierten Kriminalität (OK) jahrelang gegen die armenische Mafia in Deutschland zu ermitteln. Es war eines der bislang größten Verfahren dieser Art in Deutschland.

Geheime Ermittlung

Deutschlandweit leiteten die Behörden im Rahmen des Projekts 14 Verfahren ein. Die Ermittler durchleuchteten die Finanzen von 42 Personen, unter anderem wegen des Verdachts der Geldwäsche. Sie überwachten Telefone und E-Mail-Postfächer. Sie verwanzten Autos, Wohn- und Geschäftsräume. Verdächtige Personen wurden observiert, verdeckte Informanten eingesetzt. Auch der Bundesnachrichtendienst und die europäische Polizeibehörde Europol waren eingebunden.

In Kitzingen integriert

Und immer wieder fallen die Namen von zwei Boxern: Murat und Abraham. Gerade bei Murat, der sich in Kitzingen angekommen fühlte, fällt es zunächst schwer, daran zu glauben. „Wir sind aus dem Irak vor den alltäglichen zwischenmenschlichen Problemen, die man als Christ unter Muslimen hat, geflohen,“ hatte er 2009 dieser Redaktion von seinem Werdegang erzählt. „Als ich 1996 mit meinen Eltern und Brüdern nach Deutschland kam, hatten wir nichts. Ich will genug Geld verdienen, damit ich die Familie unterstützen kann. Aber das Geschäft ist hart: Talent allein reicht nicht, der Wille ist entscheidend.“

Er war gesellschaftlich anerkannt, „Kitzinger Kopf 2008“ und erklärte noch, als er bereits in der Hauptstadt Karriere machte: „Was Kitzingen mir gibt, kann Berlin nicht bieten.“

Laut den Ermittlungsakten der OK-Fahnder geriet Murat aber in Verdacht, bei der Schießerei 2014 in Erfurt dabei gewesen zu sein, die teilweise von einer Überwachungskamera gefilmt wurde. Im Dunkeln ist nicht eindeutig zu erkennen, ob Karo Murat der Mann ist, der lässig auf das Haus zu läuft. Wenig später rennen zwei Männer heraus, von anderen mit Schusswaffen verfolgt. Man sieht Mündungsblitze.

Indizien helfen nicht weiter

Die OK-Ermittler finden heraus: Murats Handy war zur Tatzeit dort eingeloggt, sein schwarzer Mercedes wurde dort gesehen. Doch der Boxstar bestreitet in einer Vernehmung, am Tatort gewesen zu sein. Später behauptet sein Bruder Koko, mit Karos Mercedes nach Erfurt gekommen zu sein. Er will nur den Betreiber eines Erfurter Altstadt-Restaurants besucht haben – und von der Schießerei nichts mitbekommen haben.

Das Landeskriminalamt leitet 2014 ein Verfahren wegen Verabredung zu einem Verbrechen ein. Kokos Wohnung wird durchsucht und das Auto Karos vorübergehend beschlagnahmt. Das Ermittlungsverfahren wird mangels Erkenntnissen später eingestellt. In die streng abgeschottete Welt der armenischen Clans kommen die Ermittler nicht so recht hinein - auch, weil ihnen Personal und Finanzen fehlen, die stattdessen zur Beobachtung der Islamisten-Szene gebraucht werden.

Abgeschottete Szene

Wer von Mafia hört, denkt an Italiener, Russen oder Chinesen, an arabische Clans oder Rockerclubs. Aber auch Armenier scheinen solche Strukturen zu kennen – gerade in Thüringen. Die beiden geschilderten Fälle sind nicht die einzigen Fälle, in denen das sichtbar wird: Im Oktober 2017 überfällt gut ein Dutzend Männer in Erfurt das Restaurant eine Armeniers. Im Mai 2018 prügeln in Göttingen Männer dieser Volksgruppe aufeinander ein. Zwei Wochen später nehmen Ermittler im Landkreis Eichsfeld einen Autohändler unter die Lupe. Längst ist die armenische Mafia ein Thema für Landespolitiker.

Das bayerische Landeskriminalamt ist nach eigener Aussage nicht in die Ermittlungen eingebunden gewesen. Aber ein mit den Ermittlungen vertrauter Ermittler sagt: Die Familien von Murat und Abraham seien gut in die Szene integriert. Sie genössen hohes Ansehen, weil sie über viel Geld verfügen und man mit ihnen gute Geschäfte machen könne. Belege für Straftaten haben die Polizisten aber nicht.

Alles falsch?

Abraham lässt Anfragen von Spiegel und MDR zu seiner Rolle unbeantwortet. Karo Murat antwortet auf die Fragen, ob er in geschäftlichen kontakten zu bestimmten Personen stehe, die mit der armenischen Mafia in Verbindung gebracht werden, mit „Nein!“ In einer E-Mail schreibt er: „Nichts in den Medien entspricht der Wahrheit. Aus diesem Grund verweigere ich jegliche Stellungnahme zu dem Geschriebenen und verbiete Ihnen, über meine Person zu berichten.“ Auch in einem Telefonat bestritt er laut Thüringer Allgemeine, im Sommer 2014 bei der Schießerei dabei gewesen zu sein. Er habe mit all diesen Vorgängen nichts zu tun.

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