Knut Roßberg ist normalerweise ein ruhiger Zeitgenosse. Die neuesten Gesetzesinitiativen bringen den 58-Jährigen allerdings auf die Palme. Den Langzeitarbeitslosen, den Alleinerziehenden, den chronisch Kranken oder auch den Menschen mit Behinderung ist mit der sogenannten Instrumentenreform seiner Meinung nach überhaupt nicht geholfen. Im Gegenteil. "Sie werden zunehmend auf der Strecke bleiben", prognostiziert er. Roßberg spricht von einer fatalen Zweiteilung des Arbeitsmarktes.
Im April 2012 soll das Gesetz in Kraft treten. Es sieht unter anderem vor, die Förderung an engere Voraussetzungen zu knüpfen. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sollen abgeschafft und Ein-Euro-Jobs auf die Personen beschränkt werden, die besondere Schwierigkeiten haben, in den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert zu werden.
Pläne, auf die sich die Träger beizeiten einrichten müssen. Roßberg ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Vereins Aplawia in Kitzingen. Gerade die Menschen, die aus persönlichen Gründen aus der Bahn geworfen und auf dem ersten Arbeitsmarkt zunächst keine Anstellung finden, bekommen dort eine zweite Chance, sei es im Sozialkaufhaus oder in einem der Dienstleistungsbetriebe im Bereich Wohnungsauflösungen oder ökologische Reinigungen.
Seit 27 Jahren führt der Sozialarbeiter den Verein und kann auf einige Erfolge zurückblicken. "Bestimmt zwei Drittel unserer Mitarbeiter haben nach der Fördermaßnahme eine feste Stelle bekommen." Manche sind im Sozialkaufhaus untergekommen, andere in der GmbH, die meisten in Unternehmen, die mit der Aplawia zusammen arbeiten. "Alle diese Strukturen werden gekappt", befürchtet der Geschäftsführer. Im eigenen Haus sind die Sparmaßnahmen bereits sichtbar.
70 Plätze bietet der Verein normalerweise für Arbeitsgelegenheiten, im Volksmund auch Ein-Euro-Jobs genannt. Sechs Monate lang kann ein Betroffener dabei wieder in einem Beruf Fuß fassen. "Jetzt stehen nur noch 20 Plätze zur Verfügung", sagt Roßberg.
Noch dramatischer stellt sich die Situation bei den Förderinstrumenten dar, die mit einem höheren Entgelt einhergingen. "Diese Maßnahmen fallen ersatzlos weg", erklärt Roßberg. Im Fall der Aplawia sind zehn Plätze und damit Menschen betroffen, die ansonsten bis zu ein Jahr lang Berufserfahrung sammeln konnten. "Das war ein erfolgreiches Modell", sagt Roßberg. Warum es jetzt wegfällt, will ihm nicht in den Kopf. Dass die Konjunktur angesprungen ist und die Arbeitslosenzahlen gesunken sind, ist ein erfreulicher Fakt. "Die Langzeitarbeitslosen haben davon aber wenig", bedauert Roßberg.
Die Zahlen von der Arbeitsagentur in Würzburg belegen das. Die Arbeitslosigkeit in Kitzingen ist zwischen Juli 2010 und Juli 2011 um 22,1 Prozent gesunken. "Der Bestand der Langzeitarbeitslosen dagegen um 2,7 Prozent gestiegen", informiert deren Sprecher Wolfgang Albert. Für Roßberg ein Unding. Sein Vorwurf an die Politik: "Arbeitslose, deren Förderung aufwendig und komplex ist, werden immer weniger berücksichtigt."
Ein Vorwurf, den Albert so nicht stehen lassen will. Er sieht in der Instrumentenreform auch Vorteile. Agenturen und Jobcenter sollen beispielsweise mehr Spielraum für eine passgenaue Förderung der Arbeitslosen bekommen. "Es ist sinnvoll, die Instrumente, die sich an die gleichen Adressaten richten und die gleiche Ziele verfolgen zu bündeln und zusammenzufassen",sagt er. Andererseits rechnet er schon jetzt mit einem höheren Beschwerdeaufkommen. Denn die Reform ist auch ein Ergebnis des 2010 beschlossenen Sparpaketes. Von 2012 bis 2015 müssen bei der Bundesagentur für Arbeit 7,5 Milliarden Euro eingespart werden. "Die Herausforderung wird sein, das geringere Budget noch gezielter und effektiver einzusetzen, um Arbeitslosigkeit zu beenden", sagt Albert. Seine Forderung: Eine Eingliederung darf auch weiterhin nicht am Geld scheitern.
Roßberg hat da seine Bedenken und sich beizeiten auf die Änderungen eingestellt. "Ich habe Anfang des Jahres einen Sozialplan aufgestellt", informiert er. Alles ist auf den Prüfstand gekommen, Einsparpotenziale mussten gefunden werden. 60 Mitarbeiter fehlen ihm schließlich wegen der Gesetzesänderungen. Die Mieten für die Räume müssen dennoch bezahlt werden. In Volkach und in der Kitzinger Herrnstraße hat Roßberg die Filialen bereits geschlossen. "Das Gesetz hat uns an den Rand der existenziellen Gefährdung gebracht", sagt er. Die Ruhe kann der Geschäftsführer in diesen Tagen nur schwer behalten.