Würzburg
Gericht

Dringender Verdacht auf Totschlag

Der Tod einer reichen Witwe aus den USA wird zum Fall für das Schwurgericht. Die 97-Jährige ist qualvoll in ihrer Wohnung gestorben.
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Das kommt beim Amtsgericht selten vor: Einen Prozess wegen Körperverletzung hat eine Richterin abgebrochen und den Fall an das Schwurgericht verwiesen. Es geht um viel Geld, eine gescheiterte Adoption und um den Tod einer 97-Jährigen einmal vermögenden Witwe, die nach mehr als 50 Jahren in den USA wieder in die Heimat zurückgekehrt war.
Der Würzburger Schickeria fehlt seit Freitag früh ein stadtbekannter, umtriebiger Südländer, der mal Gastwirt war, sich jetzt Kaufmann nennt und stets die Nähe zur Politik und zu ihren Repräsentanten gesucht hat: Der 48-Jährige wurde im Gerichtssaal festgenommen, die Unterbringung in Untersuchungshaft begründete die Richterin mit Fluchtgefahr, da der Mann Verwandte in Italien und in den USA hat.

"Rührend" habe der Mann, berichteten Zeugen am ersten Verhandlungstag, sich um seine "Adoptiv-Mama" gekümmert, er habe sie zum Friseur gebracht, zur Maniküre und zum Schoppen-Trinken - bevorzugt ins Bürgerspital. Viele kannten das Paar mit Charly, dem Hündchen der alten Dame. Man habe den Eindruck gehabt, sagte eine gute Bekannte, dass der Angeklagte für die Betreuung der Witwe aus USA mehr Zeit aufwende als für seine eigene Ehefrau und die Kinder.
Die Umstände, unter denen die 97-Jährige im August 2011 in ihrer Wohnung qualvoll gestorben ist, haben den Mann, der die Witwe in der Öffentlichkeit gern demonstrativ laut "Mama", aber auch "mein Engel" nannte, auf die Anklagebank gebracht.
Als die Justiz bei der geplanten Adoption des Kaufmanns, der bereits als Allein-Erbe eingesetzt war und Generalvollmacht für alle Geldangelegenheiten hatte, wegen deutlicher Demenz der Witwe nicht mitmachte, als sich die Konten der Frau allmählich leerten, sei sie für ihn, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Trapp ganz offen, "zur Last geworden".
Bis zuletzt will sich der Kaufmann allerdings, so seine Anwälte in einer Erklärung, um die alte Frau gekümmert haben, die angeblich auf keinen Fall in ein Krankenhaus oder Pflegeheim wollte. An manchen Tagen habe er das Bett mehrfach überzogen, aber das kann so nicht stimmen.
Eindrucksvoll hat eine Kriminalbeamtin Gerüche bei der Obduktion beschrieben: Nie zuvor habe sie bei der Rechtsmedizin eine Leiche erlebt, die so intensiv nach Urin gerochen hat. Offensichtlich sei die Windel tagelang nicht mehr gewechselt worden. Wie die alte Frau im Sarg lag, mit ungepflegten und abgebrochenen Fingernägeln, mit Geschwüren vom Liegen, das habe mehr an "Entsorgung" denken lassen als an die "letzte Ehre" für eine als Zweit-Mama liebevoll betreute Seniorin.
Nur durch Zufall ist publik geworden, unter welchen Umständen die Frau gestorben sein muss. Der Kaufmann, der sich, obwohl das Verfahren gescheitert war, doch gern als den "Adoptiv-Sohn" bezeichnete, hatte bei der Polizei den Diebstahl eines Tresors aus seinem Schlafzimmer angezeigt. Angeblich befanden sich darin knapp 200 000 Euro, die der Witwe gehörten.
Sein Pech war, dass ein ermittelnder Kripo-Beamter sich an dem Fall festgebissen hat und die alte Dame sehen wollte, obwohl ihr "Adoptivsohn" das gern verhindert hätte unter Hinweis darauf, dass die Frau doch sehr verwirrt sei. Und der Kripo-Mann vermutete, ohne es zunächst belegen zu können, dass da etwas faul ist.
Kurze Zeit später konnte gerade noch rechtzeitig der Sarg der inzwischen Verstorbenen vor den Flammen des Schweinfurter Krematoriums "abgefangen" werden: Die alte Frau war zuhause gestorben, bei der Leichenschau war einer Ärztin nichts aufgefallen, die Ermittlungen gegen sie wurden mit einer Geldstrafe beendet.
Die Witwe hatte jahrzehntelang in den USA gelebt, sich dann entschlossen, in ihre Heimatstadt Würzburg zurück zu kehren, wo sie in der City ein großes Wohnhaus besaß, mit monatlichen Mieteinnahmen von über 10 000 Euro. Zu den Mietern von Geschäftsräumen gehörte auch der Angeklagte.
Ein Anwalt, der jahrelang für die Witwe tätig war, hat den angeklagten Ex- Gastwirt mit Generalvollmacht und Einsetzung als Allein-Erbe bei einer Vernehmung einen "aggressiven Erbschleicher" genannt.
Allein von den Konten bei einer Würzburger Bank sollen 800 000 Euro verschwunden sein, bar abgehoben oder auf andere Konten überwiesen. Einem Mitarbeiter war aufgefallen, dass der sogenannte "Adoptivsohn" vor einem Flug nach USA, angeblich zu einem Hauskauf, 300 000 Euro in bar abholte und es dankend ablehnte, als man ihn auf die Möglichkeit einer Überweisung hinwies. Neben dem Wohnhaus in Würzburg soll die alte Frau auch Immobilien in USA besessen haben.
Gestorben ist die Witwe an einer eitrigen Lungenentzündung. Zwei medizinische Gutachter sind zu dem Schluss gekommen, dass die 97-Jährige überlebt hätte, wenn der Angeklagte auf die auch für einen Laien deutlich sichtbare Verschlechterung ihres Zustandes reagiert und sie in ein Krankenhaus gebracht hätte.
Dass man für die auch unter erheblichen Druck-Geschwüren leidende Frau keinen Arzt ins Haus holte, war für das Gericht Anlass, den bisher als Körperverletzung durch Unterlassung angeklagten Sachverhalt an das Schwurgericht abzugeben: Der ehemalige Gastwirt, Kaufmann und verhinderte Adoptivsohn sei des Totschlags durch Unterlassung dringend verdächtig.
Zeugen, die für den zweiten Verhandlungstag zum Amtsgericht geladen und sogar aus Berlin angereist waren, konnten gestern früh um 8.30 Uhr ohne Aussage gleich wieder die Rückfahrt antreten. Die nächste Vorladung erhalten sie dann vom Schwurgericht.
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