SEGNITZ

Die alte Adler rattert wieder

Das Leben schreibt nicht nur die schönsten Geschichten. Manchmal näht es sogar welche. In Segnitz zum Beispiel.
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Individueller Einband: Das Mädchen, das zur Kommunion diesen Gotteslob-Einband bekommt, wird sein Buch sicher nicht mit anderen verwechseln. Foto: Foto: Diana Fuchs
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Das Leben schreibt nicht nur die schönsten Geschichten. Manchmal näht es sogar welche. In Segnitz zum Beispiel.

„Unsere Mama Traudl hat früher viele Klamotten selbst gemacht“, erzählt Sabine Bischoff, genannt Bine. „Kein Wunder, als gelernte Schneiderin.“ So gesehen, war die Nähmaschine nie etwas Fremdes für die heute 44-Jährige und ihre beiden großen Schwestern Gisela („Gisi“) und Margit. „Aber wir haben nie Lust gehabt, geschweige denn Geduld, uns selbst mal dranzusetzen.“ Gisi Lotter ergänzt: „Wenn die Mutter uns was zeigen wollte, sind wir immer schnell verschwunden.“ Der Stoff, aus dem die Träume der Mädchen waren, hatte damals nichts mit Nähnadel und Faden zu tun.

Vier Jahrzehnte später lachen die Schwestern, wenn sie an die ratternde Nähmaschine ihrer Kindheit denken. Keine von ihnen hätte gedacht, dass das Geräusch ihnen wieder so vertraut werden würde wie damals.

Vor vier Jahren initiierte Gisi den Weihnachtsmarkt „Segnitzer Winterzauber“ mit, bei dem eine Freundin Schmuck ausstellen sollte. „Ich wollte das Angebot winterlich ergänzen, also hab' ich ein paar Kleinigkeiten genäht – Stirnbänder und Stulpen“, erzählt Gisi. Doch dann fiel die Freundin komplett aus – und die Menschen rissen Gisi die Winter-Accessoires förmlich aus den Händen.

„Über Nacht habe ich Neues genäht, auf Teufel komm raus“, erzählt Gisi lachend. „Und weil ich es alleine gar nicht geschafft hätte, hat Bine mir geholfen.“ Die durchnähte Nacht, eine „Mordsgaudi“ in der Weihnachtshütte, die Gespräche mit den Marktbesuchern – all das machte Bankkauffrau Bine und Bilanzbuchhalterin Gisi viel Freude. Und heiß auf mehr. „Auf einmal hatte das Näh-Virus uns doch noch erwischt!“

Die Schwestern gingen einkaufen: Filz aller Art. „Ich wollte schon immer eine Filztasche haben“, berichtet Bine. Also erstellten die Damen Muster, probierten, verwarfen, gestalteten. „Bei den ersten Exemplaren haben wir Lehrgeld bezahlt.“ Filz, das pillte, Verschlüsse, die nicht hielten: Die Schwestern sammelten Erfahrungen, erkannten Materialprobleme. Und lösten sie. Auch die Dritte im Mädelsbund, Margit, brachte kreative Ideen ein.

Als das Sortiment größer und professioneller wurde, gründeten Bine und Gisi die GbR „Loxbi“: Lo für Lotter, bi für Bischoff und das x erinnert an gekreuzte Stricknadeln. Bald reichte die robuste Familiennähmaschine nicht mehr aus. Die Geschwister kauften eine weitere, mit der man diffizilere Muster nähen kann. Jüngste Errungenschaft ist ein eisernes Monstrum, das mit Handrad oder Fußpedal angetrieben wird: eine fast 100 Jahre alte Adler-Schusternähmaschine. „Die schafft bis zu 1,5 Zentimeter dicke Stofflagen!“

Ob für Männer- oder Frauentaschen, Schlüsselanhänger oder Handy-Hüllen, Tablet- oder Gotteslob-Einbände: Im Nähzimmer am „Langen Baum 12“ in Segnitz türmen sich hochwertiger Filz, Stoffe, Bänder und Knöpfe jeglicher Art. „Die hier haben wir von unserer Nachbarin bekommen“, deutet Gisi auf ein Tablett, auf dem kunstvoll gedrehte Lederknöpfe aus dem vorigen Jahrhundert liegen. „Oft schaut man sich so ein Teil an und dann fällt einem ein, wie die Tasche drum herum aussehen muss.“ So entstehen immer neue Schnittmuster, viele davon nach individuellem Kundenwunsch.

Jedes Loxbi-Produkt bekommt ein winziges Herzchen aus Metall aufgenäht: „Made with love“ – mit Liebe gemacht – steht darauf. „Das ist unser Ding: Es muss Herzblut reinfließen“, stellt die leidenschaftliche Tüftlerin Bine klar. Gisi, die auch der komplizierteste Schnitt nicht schreckt, fügt hinzu: „Solange das so ist, nähen wir weiter und gehen auf Märkte. Was wir uns aber auf gar keinen Fall machen werden, ist Druck.“

Wie viel Herzblut in jedem „Loxbi“ steckt, erlebte voriges Jahr eine Frau in einer Würzburger Pizzeria. „Ich hatte mir vorgenommen, die erste Fremde anzusprechen, die ich irgendwo mit einer unserer Taschen treffe“, erzählt Bine. Gesagt, getan. „Sie hat mich umarmt und mir versichert, wie gern sie ihre Tasche trägt. Da hab' ich mich riesig gefreut.“

Freude kommt auch bei Mama Traudl auf. Sie ist stolz auf ihre Mädels, auch wenn sie den Kopf schüttelt und murmelt: „Ich hätt' nie gedacht, dass die sich mal freiwillig an die Maschine setzen.“ Das Leben schreibt – oder näht – halt doch die schönsten Geschichten.

Märkte: Die „Loxbis“ sind am 14. Mai beim Kirschblütenmarkt Markt Einersheim und am 28. Juni bei „Kunst und Kulinarisches“ in Gerolzhofen zu finden.

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