PRICHSENSTADT

Die Zeit des Übergangs

Es ist ruhig geworden um Michael Glos. Den einstigen Bundeswirtschaftsminister und langjährigen Landesgruppenchef der CSU stört das nicht. "Ich bin froh, meine politische Karriere ohne Skandal gemeistert zu haben", sagt er.
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Michael Glos, Bundeswirtschaftsminister a.D.: „Letztendlich ist es im politischen Leben so wie im richtigen Leben. Man muss versuchen, einen persönlichen Bezug zu finden.“ Foto: Foto: Ralf Dieter

Es ist ruhig geworden um Michael Glos. Den einstigen Bundeswirtschaftsminister und langjährigen Landesgruppenchef der CSU stört das nicht. „Ich bin froh, meine politische Karriere ohne Skandal gemeistert zu haben“, sagt er. Einmischen in die aktuelle Politik? Sich immer wieder zu Wort melden, ob gefragt oder ungefragt? Das ist nicht seine Sache. Auch wenn er eine klare Meinung zu den Vorkommnissen in diesem Jahr hat.

Wie bewerten Sie das Jahr 2016?

Michael Glos: Für mich war es eine Zeit des Übergangs. Mein Büro in Berlin will ich Anfang 2017 aufgeben, also musste ich ausräumen, Abschied nehmen von vielen Sachen.

Fällt der Abschied schwer?

Ich muss meinen Lebenskalender im Blick haben. Ich bin jetzt 72 Jahre alt. Es wird Zeit, dass ich mich von manchen Dingen löse und darauf einstelle, dass ich älter werde. Es ist ein ganz bewusster Übergang in eine andere Lebensphase.

Haben Sie sich deshalb aus der Öffentlichkeit zurückgezogen?

In der Öffentlichkeit sollen sich die zu Wort melden, die jetzt in der Verantwortung stehen. Ich habe das früher schon als nicht gut empfunden, wenn sich Kollegen im Ruhestand als Besserwisser darstellen wollten. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, nicht so zu werden.

Fehlt Ihnen das politische Geschäft?

Das ist eine Zeit, die ich für mich abgeschlossen habe. Natürlich bin ich nach wie vor interessiert, aber ich habe mir vorgenommen, niemandem hineinzureden. Und damit fahre ich gut.

Warum?

Wer sich nicht ständig aufdrängt, der wird eher geschätzt als jemand, der kein Amt mehr hat, aber so auftritt, als hätte er noch eines. Ich kann mich noch überall sehen lassen, wo ich einst gearbeitet habe.

Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit?

Denken Sie nur an die Kollegen, die zum Schluss ihrer Tätigkeit über einen Skandal oder eine Hürde gestolpert sind. Die müssen die Öffentlichkeit komplett meiden. Das ist teilweise tragisch. Ich bin jedenfalls froh, dass ich meine politische Laufbahn beenden konnte, ohne an Körper oder Seele leiden zu müssen.

Gab es 2016 ein besonderes persönliches Ereignis?

Zum Glück nicht. In meinem Alter sind besondere Ereignisse ja oft gleichbedeutend mit schlechten Nachrichten. Meine Frau versteht sich noch mit mir und umgekehrt. Das ist für mich nach all der Zeit schon etwas Besonderes.

Und politisch? Was hat Sie in diesem Jahr besonders überrascht?

Die Wahl von Donald Trump. Aber es zeigt sich wieder einmal, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Trump schwenkt in vielen Dingen ein, er ist doch nicht der große Revolutionär, als der er sich im Wahlkampf präsentiert hat. Es ist immer gut, wenn die Vernunft siegt.

Machen Sie sich keine Sorgen um das amerikanisch-europäische Verhältnis?

Nein, das wird sich einspielen. Mir ist ein gutes Verhältnis zu Russland mindestens ebenso wichtig. Wir dürfen unsere Geschichte nicht vergessen, wir haben im Zweiten Weltkrieg Schuld auf uns geladen.

Ist es Aufgabe der Politik, immer wieder auf Präsident Putin zuzugehen, immer wieder das Gespräch zu suchen?

Natürlich. Putin kennt die Deutschen, er war in Dresden stationiert. Ich habe ihn das erste Mal gesehen, als er noch persönlicher Mitarbeiter des damaligen Oberbürgermeistes von Leningrad war. Später hatte ich bei Gipfeltreffen immer wieder die Möglichkeit zu Vier-Augen-Gesprächen.

Hat man bei solchen Gipfeltreffen tatsächlich Zeit für längere persönliche Gespräche?

Ja und das ist auch ganz wichtig. Letztendlich ist es im politischen Geschäft so wie im richtigen Leben. Man muss versuchen, einen persönlichen Bezug zu finden.

Welchen Eindruck haben Sie von Wladimir Putin?

Er ist in erster Linie Präsident von Russland. Sein Job ist es vor allem, die Erwartungen seiner Bevölkerung zu befriedigen. Es ist sicher nicht leicht, Präsident von Russland zu sein.

Es war in diesem Jahr sicher auch nicht leicht, Kanzlerin von Deutschland zu sein. Die Flüchtlingsdebatte war das beherrschende Thema. Hat die CSU mit ihrer Forderung nach einer Obergrenze die richtige Politik betrieben?

Ich halte mich aus der aktuellen Politik raus, nur eine kurze persönliche Einschätzung dazu: Wir müssen, wie jedes andere Land auch, sehr darauf achten, wer zu uns kommt. Zu Beginn der großen Flüchtlingswelle hat es meines Erachtens Versäumnisse gegeben. Wir hätten nicht Hunderttausende unkontrolliert ins Land strömen lassen dürfen.

Ist die AfD deshalb so stark geworden?

Der Erfolg der AfD hängt natürlich mit der Flüchtlingsthematik zusammen. Die AfD ist unbestritten eine Rechtspartei, ein Sammelsurium aus Unzufriedenen und Protestwählern gegen die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel.

Wird die AfD auch in Bayern in den Landtag einziehen?

Ich hoffe nicht. Aber die Möglichkeit ist durchaus da.

Wie lässt sich das verhindern?

Wissen Sie: Die Menschen bilden sich ihr Urteil selber, sie lassen sich nicht vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben. Deshalb wage ich auch keine Prognose zur AfD. Ansonsten halte ich es mit Franz Josef Strauß, der einst gesagt hat, dass es rechts von der CSU keine demokratisch legitimierte Partei geben dürfe. Jetzt haben wir eine. Leider.

Strauß war Ihr politisches Vorbild ...

... er war einer der Gründe, warum ich der CSU beigetreten bin. Seine Persönlichkeit hat mich fasziniert. Er hat meine politische Karriere gesteuert.

Fehlt so jemand in der heutigen Zeit?

Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen.

Halten Sie es für richtig, dass Angela Merkel noch einmal zur Bundestagswahl antritt?

Die vierte Periode wird sicher schwieriger als alle vorherigen. Sie ist dann quasi Kanzlerin auf Abruf. Aber es ist halt so, dass sich innerhalb der CDU kein anderer geeigneter Kandidat gezeigt hat.

Das heißt: Sie sollte jetzt schleunigst jemanden aufbauen?

Das ist immer so eine Geschichte mit dem Aufbauen. Ich bin der Meinung, dass sich jemand selber durchsetzen muss. Der- oder Diejenige darf dabei nicht behindert werden. Eine der Hauptaufgaben von Angela Merkel wird es künftig sein, ein Stück ihrer Macht zu teilen.

Trotz der vielen Herausforderungen geht es Deutschland nach wie vor sehr gut. Warum?

Der Mittelstand spielt eine große Rolle aber vor allen Dingen ist die gute Bildung und Ausbildung dafür verantwortlich. Das Duale System hat sich als ungeheuer wichtig erwiesen. Und die tausenden mittelständischen Unternehmen machen die Stärke unserer Wirtschaft aus.

Dennoch: Die Schere zwischen Arm und Reich geht auch hier immer weiter auseinander.

In Relation zu anderen Ländern gibt es bei uns immer noch eine relativ gute und breite Vermögensverteilung. Die Schere ist nicht so groß wie in anderen Ländern. Aber es ist schon richtig: Wir müssen den Weg weitergehen mit steuerlichen Vorteilen und die Menschen dazu befähigen, sich an der Wirtschaft zu beteiligen.

Welchen Wunsch haben Sie für 2017?

Den Wunsch, den alle in meinem Alter haben: möglichst gesund bleiben. Politisch wird es wichtig sein, die Europäische Union zu halten. Das können wir Deutschen nicht alleine.

Die EU ist für Sie eine Notwendigkeit?

Auf jeden Fall. Aber ich habe das Gefühl, dass sich die Fliehkräfte verstärken. Es wird wichtig sein, dass wir starke Persönlichkeiten in Europa haben. Dazu gehört Angela Merkel.

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