LANDKREIS KITZINGEN

Die Quote ist nicht alles

Nach 30 Jahren wird Ende des Monats die Milchquote abgeschafft. Die meisten Landwirte im Raum Kitzingen sind gespannt. Was die Zukunft bringt, lässt sich nicht genau vorhersagen.
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Gelassen: Milchviehhalter Gerhard Rost aus Gräfenneuses blickt dem Ende der Milchquote sorgenfrei entgegen. Foto: Foto: ralf dieter
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Nach 30 Jahren wird Ende des Monats die Milchquote abgeschafft. Die meisten Landwirte im Raum Kitzingen sind gespannt. Was die Zukunft bringt, lässt sich nicht genau vorhersagen.

Gerhard Rost ist der Vorsitzende der Milcherzeugergemeinschaft Kitzingen. 81 Mitglieder liefern ihre Milch an die Zott-Werke in Mertingen. „Jedes Jahr werden es zehn weniger“, sagt er. Ein Ziel der Milchquote sei deshalb sicher nicht erreicht worden: Der Strukturwandel hat sich in den letzten 30 Jahren nicht entschleunigt.

Rost erinnert sich noch an die 60er Jahre. Da sah das Leben in dem Geiselwinder Ortsteil Gräfenneuses ganz anders aus. „Wir hatten 16 Milchviehbetriebe im Ort.“ Jetzt gibt es nur noch einen. 60 Kühe hat Rost in seinem Stall stehen. Daran soll sich zunächst auch nichts ändern. „Falls mein Sohn irgendwann mal aufstocken will, dann ist das okay“, sagt der 55-Jährige. Rost sieht dem Ende der Milchquote einigermaßen gelassen entgegen. „Vielleicht wird es ein größeres Auf und Ab bei den Preisen geben“, mutmaßt er. Ansonsten erwartet er keine gravierenden Veränderungen.

Langfristig ist die Entscheidung auf jeden Fall richtig, sagt der Leiter des Amtes für Landwirtschaft in Kitzingen, Gerd Düll. „Die Deutsche Milchindustrie muss sich international aufstellen.“ Gerade in Asien gebe es gute Absatzmärkte. Düll war in der vergangenen Woche bei einer Tagung der Milchwerke Mainfranken (BMI) in Würzburg. Kurzfristig rechnen die Mitglieder mit einer Steigerung der Milchproduktion. Wie sich das auf den Preis auswirkt, ist die entscheidende Frage. Die Verträge der meisten Molkereien mit dem Lebensmitteleinzelhandel laufen Mitte April aus und müssen dann neu verhandelt werden. Aktuell beträgt der Milchpreis rund 32 Cent pro Kilo. Der niedrigste Stand der letzten Jahre lag bei 29 Cent, der höchste bei 41. „Die Hoffnungen der Milchquote haben sich nicht erfüllt“, bestätigt Düll.

Damals, in den 80er Jahren, war von Milchseen und Butterbergen die Rede. Die Quote sollte die Produktion regulieren und weitere positive Effekte zeitigen. Dülls Fazit: Weder ist der Strukturwandel aufgehalten worden, noch haben sich die Preise stabilisiert. Und die Produktionsstätten haben sich auch nicht gleichmäßig übers ganze Land verteilt. Norddeutschland und das bayerische Alpengebiet sind die Hauptproduzenten. „Mit allen Folgen für die Umwelt.“

Im Landkreis Kitzingen sind die Milchviehbetriebe auf dem Rückzug. Ihre Zahl hat sich zwischen 1999 und 2011 mehr als halbiert, die Milchkuhbestände sind seit dem Jahrtausendwechsel um rund 23 Prozent gesunken, von beinahe 8000 auf nur noch 6000 Kühe. Gleichzeitig ist die Milchanlieferung um fast drei Millionen Kilogramm im Jahr gestiegen. Der Grund: Die Kühe sind immer leistungsstärker geworden.

„Die unternehmerische Freiheit wird größer werden.“
Gerhard Rost, Milcherzeugergemeinschaft KT

Hans Haubenreich hat seinen Betrieb in Geiselwind. „Im Steigerwald ist man als Landwirt auf die Milchviehwirtschaft angewiesen“, sagt er. Haubenreich kann sich an die Einführung der Quote erinnern. Unter „großen Schmerzen“ sei das damals vonstatten gegangen und habe in manchen Dörfern zum Zwiespalt geführt. „Die Betriebsentwicklung wurde durch die Quote gehemmt“, sagt Haubenreich. 1,60 Mark pro Kilo Milch mussten die Landwirte damals hinlegen, um ein Produktionsrecht zu erwerben. Gerhard Rost hat damals 100 000 Liter gekauft, 160 000 Mark hingelegt. Hinzu kamen im Lauf der Jahre weitere Ausgaben für Quotenpacht, Quotenleasing oder neue Quotenkäufe. Haubenreich: „Da sind teils unvorstellbar hohe Summen geflossen.“ Vor 23 Jahren hat er seinen Stall neu gebaut, vorher die Quote kaufen müssen. „Ich dachte, das wäre eine Entscheidung für die Ewigkeit.“ Dass jetzt, nach 30 Jahren, all das wertlos ist, „tut schon ein bisschen weh“.

Die Quote fällt Ende des Monats. Dafür wird es andere Regulatoren geben. Die Fläche für Milchviehhaltung beispielsweise, die in den meisten Regionen sehr begrenzt ist. Das Tierwohl und die Arbeitszeit sind weitere Herausforderungen. „Unterm Strich wird es wohl ähnlich laufen wie bisher“, prophezeit Haubenreich. Einen Vorteil sehen die Landwirte jedoch. „Die unternehmerische Freiheit wird größer werden“, meint Gerhard Rost. „Entwicklungsfähige Betriebe können sich weiter entwickeln“, prognostiziert Hans Haubenreich. Wenn sein Sohn die landwirtschaftliche Ausbildung abgeschlossen hat, dann kann er sich neue Investitionen durchaus vorstellen. Gerd Düll empfiehlt angesichts der neuen Rahmenbedingungen sogar jungen Landwirten, in die Milchproduktion einzusteigen. „Langfristig sehe ich die Märkte für Lebensmittel positiv.“

Der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt denkt ähnlich. Die Aussichten für die deutschen Milcherzeuger nach der Quote bezeichnete er bei einem Treffen in Brüssel als sehr gut. Für Gerhard Rost spielt der Wegfall der Quote langfristig eine untergeordnete Rolle. Andere Faktoren seien viel entscheidender für das Wohl der heimischen Erzeuger. „Wir produzieren für einen globalen Markt“, erinnert er. Politische Rahmenbedingungen in den Absatzmärkten der Zukunft seien wichtiger als eine Quote. Und das Wetter bleibt für die Landwirte auch im 21. Jahrhundert entscheidend. Wenn es in Neuseeland zu wenig regnet, ist das für den Landwirt in Gräfenneuses von größerer Bedeutung, als der Wegfall der Quote. „Dann verlagern sich die Warenströme Richtung Asien zugunsten der EU“, erklärt er. „Und bei uns steigen die Preise.“

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